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    Montag, 13. Juli 2026, 5:05 Uhr
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    (Wdh.02:05, 06:05, 07:05, 09:05, 12:05, 13:05)

    Kontrafunk Aktuell vom 13. Juli 2026

    Stefan Millius im Gespräch mit Birgit Ebel, Boris Kálnoky und Pierre Heumann – Kontrafunk-Kommentar: Thomas Hartung

    Ungarns neuer Regierungschef Péter Magyar lässt in Politik, Justiz und Medien keinen Stein auf dem anderen. Der Journalist Boris Kálnoky analysiert den neuen Kurs und den aufkeimenden Widerstand dagegen. Die Probleme an deutschen Brennpunktschulen schildert die langjährige Lehrerin Birgit Ebel, deren Kritik am System ihr zahlreiche Probleme eingetragen hat. In Israel tobt ein Machtkampf zwischen der Regierung und dem Obersten Gericht. Über die Hintergründe und mögliche Folgen spricht Nahostkorrespondent Pierre Heumann. Und Thomas Hartung kommentiert die Debatte über die Nennung der Nationalität von Tatverdächtigen.

    Interview 1

    Boris Kálnoky: Wohin führt Ungarns neuer politischer Kurs?

    Interview 2

    Birgit Ebel: Deutsche Brennpunktschulen am Ende

    Interview 3

    Pierre Heumann: Machtkampf zwischen Politik und Justiz in Israel

    Kommentar

    Thomas Hartung: Dürfen Fakten nicht mehr benannt werden?

    Verallgemeinerung ist keine Diskriminierung. Das ist vielleicht der einfachste und zugleich anstößigste Satz, den man in dieser Debatte sagen kann – der Debatte um die Nennung der Nationalität von Straftätern. Denn genau daran krankt die deutsche Öffentlichkeit seit Jahren: Sobald aus vielen Einzelfällen ein Muster erkennbar, eine Gruppe statistisch beschrieben wird, ertönt sofort der vertraute Alarm: pauschalisierend, stigmatisierend, diskriminierend. Als sei schon der Schritt vom Einzelnen zum Typischen moralisch verwerflich. Dabei ist genau dieser Schritt die Grundlage jeder vernünftigen Ordnung. Jede Krankenkasse verallgemeinert Erkrankungsrisiken. Jedes Curriculum verallgemeinert Bildungsfähigkeiten. Jeder Versicherer verallgemeinert Schadenswahrscheinlichkeiten. Niemand würde einer Brandversicherung vorwerfen, sie diskriminiere Häuser mit Schilfdach, weil sie ein höheres Risiko kalkuliert. Auch die Polizei arbeitet selbstverständlich mit Mustern, Täterprofilen, Deliktschwerpunkten.  Aber sobald es um Kriminalität und Nationalität geht, soll plötzlich verboten sein, was sonst ganz normal ist: aus vielen Fällen einen Befund zu bilden. Genau deshalb ist die neue baden-württembergische Regel so bemerkenswert. Die Polizei soll die Nationalität von Tatverdächtigen künftig grundsätzlich nennen, hat der neue Innenminister Manuel Hagel jetzt entschieden. Im Prinzip gilt nun, bei wenigen Ausnahmen: Informationen werden genannt statt pädagogisch dosiert. Das ist kein Rechtsruck, sondern eine späte Rückkehr zur Normalität.

    Denn das eigentliche Problem war ja gerade die Willkür. Mal wurde die Nationalität genannt, mal nicht, mal nur auf Nachfrage, mal nur dann, wenn sie gerade ins gewünschte Bild passte. Genau diese Uneinheitlichkeit hat Vertrauen beschädigt. Wenn Bürger den Eindruck gewinnen, Informationen würden nach Opportunität und nicht nach Regel mitgeteilt, dann suchen sie sich andere Quellen. Dann gewinnt nicht die Besonnenheit, sondern der Verdacht. Nun gibt es in Deutschland, nicht aber in Österreich und der Schweiz, den Pressecodex. Darin heißt es, dass Medien die Herkunft nennen können, wenn ein begründbarer Sachbezug besteht. Die Absicht dahinter ist nachvollziehbar: Man will verhindern, dass pauschale Ressentiments entstehen. In der Praxis wurde aus dieser Vorsicht aber oft ein Denkverbot. Nicht mehr die Relevanz eines Merkmals entschied, sondern die Angst vor den möglichen Schlussfolgerungen der Öffentlichkeit. Genau da beginnt die deutsche Selbsttäuschung. Denn Überrepräsentanz ist kein Vorurteil, sondern ein Befund. Allein Baden-Württemberg registrierte 2025 fast 95.000 nichtdeutsche Tatverdächtige. Das entspricht über 43 Prozent aller Tatverdächtigen – bei 15 Prozent Bevölkerungsanteil. Bei Gewalt-, Messer- und bestimmten Sexualdelikten sind die Unterschiede noch markanter. Darüber muss man sprechen dürfen, ohne sofort in die moralische Verdachtszone geschoben zu werden.

    Gerade seit 2015 ist diese Debatte politisch aufgeladen. Denn „Wir schaffen das“ war nicht nur ein Satz, sondern ein Regierungsnarrativ. Und wenn nun gerade bei Syrern oder Afghanen in bestimmten Deliktfeldern eine Überrepräsentanz diskutiert wird, dann geht es eben nicht nur um selektive Statistik, sondern darum, den politischen Migrationskurs nicht zu gefährden. Der Bürger soll die Folgen der Massenzuwanderung tragen, hohe Unterbringungs- und Integrationskosten akzeptieren, aber bei Kriminalität möglichst nicht zu genau hinschauen. Nicht weil die Zahlen unbedeutend wären, ist die Empfindlichkeit so groß, sondern weil sie ein Märchen beschädigen. Ein Blick in den deutschsprachigen Raum zeigt übrigens: Deutschland war mit seiner Verkrampfung eher ein Sonderfall. In Österreich nennt die Polizei Herkunft und Staatsangehörigkeit seit langem weitgehend selbstverständlich. In der Schweiz war die Praxis zwar föderal uneinheitlich, bewegt sich inzwischen aber ebenfalls in Richtung Transparenz. Deutschland musste also wieder einmal erst lange gegen die Wirklichkeit anmoralisieren, bevor es sich langsam normalisiert: Bayern, Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen nennen schon länger die Nationalität. Nun könnte man einwenden: Aber was nützt die, wenn immer mehr Menschen eingebürgert werden? Das ist ein entscheidender Punkt: Dann würde oft der Name mehr verraten als die Nationalität. Der Schritt kommt also womöglich sogar zu spät. Denn die juristische Kategorie „deutsch“ wird unter Bedingungen massenhafter Einbürgerung immer weniger mit biografischer, kultureller oder sozialer Herkunft identisch sein. Trotzdem bleibt die Richtung richtig. Der demokratische Bürger hat ein Recht auf Wirklichkeit, nicht auf pädagogisch gefilterte Halbwahrheit. Denn wer schon den Befund moralisch verbieten will, bekämpft nicht Vorurteile, sondern Erkenntnis.