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    (Wdh.02:05, 06:05, 07:05, 09:05, 12:05, 13:05)

    Kontrafunk Aktuell vom 8. Juli 2026

    Gernot Danowski im Gespräch mit Ruth Firmenich, Robert Kopp und Wolfgang Stölzle – Kontrafunk-Kommentar: Thomas Hartung

    Das Berufungsgericht in Paris hat entschieden, dass Marine Le Pen bei der französischen Präsidentschaftswahl nur mit Fußfessel antreten darf. Le Pen kündigte an, dennoch kandidieren zu wollen. Welche Konsequenzen das für Frankreich und die Präsidentschaftswahl 2027 haben könnte, erläutert der Politikwissenschaftler Prof. Robert Kopp. Ist die Schifffahrt in der Straße von Hormus nach der Einigung zwischen Washington und Teheran dauerhaft gesichert? Einschätzungen dazu von dem Logistikexperten Dr. Wolfgang Stölzle. Mit der BSW-Europaabgeordneten Ruth Firmenich erörtern wir die geplante Einschränkung des EU-Schutzstatus für neu einreisende ukrainische Männer, und im Kommentar analysiert Thomas Hartung die Debatte über die Sprache der AfD. 

    Interview 1

    Robert Kopp: Wie geht es weiter mit Marine Le Pen?

    Interview 2

    Wolfgang Stölzle: Straße von Hormus – aus den Medien verschwunden?

    Interview 3

    Ruth Firmenich: EU hebt Schutzstatus für junge Ukrainer auf

    Kommentar

    Thomas Hartung: Die Sprache der AfD

    Die Sprache der AfD – so lautet der Titel eines Essays in der „Jüdischen Allgemeinen“, der vorgibt, eine linguistische Analyse zu liefern. Was der Leser bekommt, ist etwas anderes: kein sprachwissenschaftliches Sezieren, sondern ein moralisch aufgeladenes Tribunal. Genau das macht diesen Text so aufschlussreich. Denn natürlich darf und soll man die Sprache der AfD kritisieren. Jede politische Sprache darf kritisiert werden. Aber die Frage ist doch: nach welchen Regeln? Nach den Regeln der Wissenschaft – oder nach den Bedürfnissen eines politischen Milieus, das sein Urteil längst gefällt hat und jetzt nur noch nach passenden akademischen Beglaubigungsstempeln sucht? Der Aufsatz verspricht Sprachforschung, arbeitet aber mit einem ganz anderen Instrumentarium. Da tauchen Begriffe auf wie Ethnonationalismus, Menschenfeindlichkeit, Aggressivität, exterminatorisches Potenzial. Das alles mag publizistisch wirkungsvoll sein. Aber wo ist die eigentliche linguistische Arbeit? Wo die Analyse von Wortwahl, Satzbau, Metaphern, Sprecherrolle, Ambiguität, Pragmatik? Wo wird einmal sauber gezeigt, welche sprachliche Form tatsächlich welche Bedeutung trägt? 

    Nehmen wir die Formel „Deutschland den Deutschen“. Der Text etikettiert sie schlicht als Ethnonationalismus. Damit soll die Sache erledigt sein. Aber die zentrale Gegenfrage lautet: Wem denn sonst? Den Amerikanern? Den chinesischen Investoren? Dem Brüsseler Verwaltungsapparat? Der Punkt ist nicht, dass diese Formel unproblematisch wäre. Der Punkt ist: Eine Analyse müsste diese Spannung benennen. Sie müsste zeigen, dass dieselbe Formulierung je nach Kontext exklusiv, aggressiv oder eben auch als zugespitzte Behauptung demokratischer Selbstbestimmung gelesen werden kann. Wer diese Spannung unterschlägt, ersetzt Analyse durch Moralisierung. Dasselbe gilt für das soziologische Schlagwort der „gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“. Auch hier wird ein Gummibegriff eingesetzt, der analytisch wenig und juristisch gar nichts leistet, aber moralisch maximal auflädt. Politik ist immer gruppenbezogen. Sie spricht über Mehrheiten, Minderheiten, Religionsgruppen, Tätergruppen, Opfergruppen, Milieus. Wer jede scharfe Benennung von Gruppenphänomenen sofort als Menschenfeindlichkeit markiert, immunisiert ganze Themenfelder gegen Kritik. Aus Beobachtung wird dann Delikt. 

    Besonders aufschlussreich ist der Umgang mit dem Verhältnis von Sprache und Handlung. Wenn man diesen Zusammenhang ernst nimmt, muss man ihn allgemein anwenden. Nicht nur im rechten Lager gibt es sprachliche Entgleisungen, auch aus dem linken und grünen Spektrum kamen Gewaltfantasien, etwa, AfD-Mitglieder in die Gaskammer zu schicken. Wer also Sprache und Gewalt zusammendenkt, darf nicht selektiv vorgehen. Sonst wird aus Sprachkritik eine parteipolitische Einbahnstraße. Noch unerquicklicher wird es dort, wo mit Kontaktschuld gearbeitet wird. Eine Rechtsrockband wie „Kommando Freisler“ wird erwähnt, als ließe sich allein aus ihrer Existenz schon etwas Beweiskräftiges über die Sprache der AfD ableiten. Aber wo ist die organisatorische, personelle oder kommunikative Verbindung? Sie fehlt. Was bleibt, ist atmosphärische Übertragung: Irgendwo im rechten Spektrum gibt es etwas Abstoßendes, also färbt es auf die AfD ab. Das ist eben keine Analyse, sondern Schuld durch Nähe. Ähnlich funktionierte die Datumsdebatte um den Erfurter Parteitag mit ihrem vorgeblich historischen Gleichklang zur NSDAP – obwohl der Termin von der Messe vorgeschlagen wurde. Sobald dasselbe Verfahren auf andere Daten angewendet werden müsste, etwa auf den 30. Januar bei der nächsten Bundespräsidentenwahl, verschwindet plötzlich die Empörung. Warum? Weil der Deutungsmesser eben nicht nach Methode, sondern nach Feindbild ausschlägt. 

    Und genau hier liegt der Kern. Nicht die AfD ist in diesem Essay das eigentlich Aufschlussreiche, sondern die Sprache von Deborah Kämper, Linguistin und Mannheimer SPD-Stadträtin. Eine Sprache, die Wissenschaft verspricht und Gesinnung liefert. Eine Sprache, die Mehrdeutigkeit abschafft, wo sie den moralischen Alarm stören könnte. Eine Sprache, die nicht beschreibt, sondern vorverurteilt. Was da als linguistische Analyse angekündigt wird, entpuppt sich als politische Hermeneutik der Verdächtigung, ja als Gesinnungsphilologie. Deshalb ist die eigentliche Frage nicht, ob die AfD-Sprache kritisierbar ist – sondern ob Wissenschaft heute noch sauber zwischen Analyse und politischer Wertung unterscheiden kann, ja will. Gerade deshalb muss man den Text ernst nehmen – nicht als Analyse der AfD, sondern als Dokument eines intellektuellen Verfalls. Er zeigt, wie leicht heute Wissenschaftsetiketten genutzt werden, um politische Deutungswünsche zu adeln. Nicht die Sprache der AfD steht hier exemplarisch vor uns, sondern der Zustand einer Öffentlichkeit, in der der Anschein von Wissenschaft zunehmend dazu dient, politische Moral als Erkenntnis auszugeben.