Kontrafunk aktuell vom 3. April 2026
Statt Aufschwung herrscht in der deutschen Wirtschaft Stagnation, statt Wachstum Ernüchterung – und neue Krisen wie der Iran-Krieg drücken zusätzlich auf die Prognosen. Prof. Stefan Kooths erörtert die Ursachen der Dauerkrise, politische Versäumnisse und die Frage, ob immer neue externe Schocks wirklich alles erklären können. In Ungarn steht eine richtungsweisende Wahl bevor, die weit über die Landesgrenzen hinaus Bedeutung hat. Die Hungarologin Dr. Irén Rab berichtet über die Stimmung im Land und die Entwicklungen im Wahlkampf kurz vor der Abstimmung. Der Emissionshandel ist ein zentrales Instrument der Klimapolitik, das für viele Bürger vor allem steigende Kosten bedeutet. Dr. Axel Göhring erklärt Funktionsweise, Ziele und Kritikpunkte dieses Systems. Und in seinem Kommentar widmet sich Jobst Landgrebe dem Christentum.
Stefan Kooths: Wirtschaft in der Dauerkrise
Irén Rab: Schicksalswahl in Ungarn
Axel Göhring: CO₂-Politik und Emissionshandel
Jobst Landgrebe: Christentum
Heute an Karfreitag gedenken wir Christen der Kreuzigung Christi, dem Ende seiner Passion, seiner Erhöhung. Ein Aspekt, der dabei oftmals nicht bedacht wird, ist das Verhältnis von Gott, Staat und Bürgern, das im Johannesevangelium in den Kapiteln 18 und 19 anhand des Dialogs von Pilatus und Christus geschildert wird. Dieses Verhältnis ist für uns heute sehr wichtig, weil wir in vielerlei Hinsicht dem Staat und seinem Handeln nicht mehr trauen können. Denn der Staat handelt heute oftmals nicht mehr im Sinne der Bürger und auch nicht mehr innerhalb den Grenzen des Rechts. Warum ist das so, und was hat das mit der Passion Christi zu tun? Wir können es anhand des Verhaltens des Pontius Pilatus verstehen, denn unsere heutigen Politiker verhalten sich strukturell so wie er. In Kapitel 18 und 19 des Johannesevangeliums verhört der oberste Vertreter des Staates in Palästina, Pontius Pilatus, Jesus Christus. Die jüdischen Pharisäer und Schriftgelehrten haben Christus vor Pilatus gebracht, weil sie seine Predigt als Bedrohung ihres religiösen Machtanspruchs sehen. Sie fordern von Pilatus seine Verurteilung zum Tode und seine Kreuzigung. Denn sie selbst haben nicht das Recht, ihn zu töten. Die Juden stehen hier für die Welt, den Kosmos, der die Offenbarung Christi ablehnt. Sie werfen Christus Usurpation und Gotteslästerung vor, indem sie behaupten, er habe sich als König der Juden ausgegeben.
Pilatus fragt Christus nun, ob er ein König im politischen Sinne sei (Kapitel 18, 37). Damit wird die politische Bedeutung der Anklage der Juden klar, denn nur der römische Kaiser hat einen Herrschaftsanspruch über Palästina, und keiner darf sich ungestraft zum König machen. Christus bejaht die Frage, doch ist er ein König auf eine andere Art, als es Pilatus erwartet. Christus erklärt seine Art des Königtums: „Dazu bin ich geboren und dazu in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit zeuge.“ Christus zeugt also von Gottes Herrschaftsanspruch an die Welt: Es geht um das transzendente Reich Gottes. Christus ist selbst die Wahrheit und die Anwesenheit Gottes unter uns, er zeigt uns Gottes Reich. Es fährt fort: „Jeder, der aus der Wahrheit ist, hört meine Stimme.“ Damit wird die Frage der Politik, um die es Pilatus als Statthalter Roms geht, zu einer Frage des Glaubens. Nüchtern antwortet Pilatus ihm mit der rhetorischen Frage: „Was ist die Wahrheit?“ und bringt damit zum Ausdruck, dass die staatliche Institution nicht an den transzendenten Fragen, die Christus thematisiert, interessiert ist. Dazu ist der Staat berechtigt, denn das transzendente Reich Gottes, das Christus verkündigt, geht ihn nichts an.
Nun aber spitzt sich der Dialog zu und steuert auf die entscheidende Frage hin, ob Pilatus Christus verurteilen oder freisprechen wird. Als Vertreter des Staates hat Pilatus die Wahl, offen für Gott oder für die Forderungen der Welt zu sein. Ein Staat, der offen für Gott ist, entscheidet sich für die Sachlichkeit des Rechts, da seine Vertreter um ihre Verantwortung für das Recht wissen. Denn aus theologischer Sicht ist die staatliche Macht von Gott gegeben und der staatliche Amtsinhaber muss diese Macht im Sinne des Rechts ausüben. Ein Staat, der sich Gott verschließt, kann sich den Forderungen der Welt hingeben und das Recht brechen. Im Falle Christi, der schuldlos ist, müsste Pilatus also dessen Freispruch entscheiden. Aus Johannes 19, 8–12 geht klar hervor: Pilatus weiß, dass er es in Christus mit Gott zu tun hat. Er will aber keinen Gott töten und möchte Christus daher freisprechen. Also ist er jetzt im Konflikt um einerseits die Angst davor, einen Gott zu töten, und anderseits die Angst vor den Forderungen der Welt, den Juden. Diese bedrohen ihn nun mit seinem Dienstherren, dem Kaiser, indem sie sagen: „Wenn du den hier freigibst, bist du kein Freund des Kaisers! Jeder, der sich zum König macht, stellt sich gegen den Kaiser.“ (Kapitel 19, 12). Dieser Lüge und Bedrohung gibt Pilatus als typischer römischer Spitzenbeamter nach. Denn er will seine Stellung nicht gefährden. Er verurteilt Christus also zum Tod am Kreuz. Seine Angst vor den beruflichen Konsequenzen eines Freispruchs Christi siegt über seine Angst, Gott zu töten.
Was bedeutet das für uns? Wir leben in einer Zeit der Gottesabgewandtheit fast aller unserer Politiker und der allermeisten Beamten, inklusive vieler Kirchenvertreter. Auch das Restethos des post-christlichen Rechtsbewusstseins, das die Nachkriegszeit bestimmt hat, schwindet bei den heutigen Staatsbeamten und Politikern. Es wurde durch eine neue Ideologie ersetzt, den postmodernen Kollektivismus, den wir in Form von Wokeismus und Gesinnungsstaat kennen. Ständig entscheiden sich die Vertreter unseres Staats daher für die Welt und richten ihr Handeln auf deren Belohnungen und Bedrohungen aus wie einst Pilatus. Nun ist es ihr gutes Recht, unchristlich zu sein. Aber es ist nicht ihr Recht, das Naturrecht, das Rechtsstaatlichkeit und Schutz jedes Menschen vor staatlicher Willkür garantiert, zu negieren. Indem sie das Recht missachten, relativieren sie die Autorität und Legitimität des Staates. Aus christlicher Sicht tun sie dies, weil sie Gottes Anspruch leugnen und vergessen, dass ihre Autorität von Gott gegeben ist und sie daher das Recht wahren müssen. Im Evangelium und in unserem Glauben siegt jedoch Christus in seiner Herrlichkeit über die Welt: „In der Welt habt ihr Angst, doch seid getrost, ich habe den Sieg über die Welt errungen.“ (Johannes 16, 33)
