Kontrafunk aktuell vom 13. April 2026
Wie effektiv ist die deutsche Entwicklungshilfe? Ex-Greenpeace-Chef Thilo Bode unterzieht die deutsche Entwicklungshilfe einer grundsätzlichen Kritik. Sollten wegen des Ukraine-Krieges alle Kontakte zu Russland abgebrochen werden? Der Schweizer Sprachschulen-Unternehmer Walter Denz plädiert nachdrücklich für das Gegenteil. Wie wir lernen, unser selbständiges Denken wiederzugewinnen, erläutert der österreichische Psychiater und Neurowissenschaftler Raphael Bonelli. Und Burkhard Müller-Ullrich kommentiert die Wahlniederlage von Viktor Orbán in Ungarn.
Thilo Bode: Deutsche Entwicklungshilfe kann die Armut nicht wirkungsvoll bekämpfen
Walter Denz: Russland, seine Sprache und Kultur gehören trotz Ukraine-Krieg zu Europa
Raphael Bonelli: Wie Denken funktioniert – warum wir es verlernt haben und wie wir es zurückgewinnen
Burkhard Müller-Ullrich: Orbán am Ende
Die ungarischen Meinungsforschungsinstitute sind extrem parteiisch. Deswegen konnte man deren Signale, dass Viktor Orbáns Regnum zu Ende gehe, mit guten Gründen ignorieren. Dass sich Herausforderer Péter Magyar unglaublich siegesgewiss gab, ebenfalls: Der Mann fällt stets und immer durch seine Großmäuligkeit auf. Aber wer sein Ohr tiefer am Busen der ungarischen Gesellschaft hatte, konnte eine fast unpolitische Lust am Wechsel nicht ignorieren. Barack Obama hatte sie mal als ein Bedürfnis nach „a new car smell“ charakterisiert: der verführerische Duft eines neuen Autos. Dass die Abwahl von Viktor Orbán gestern Abend so schnell und massiv ausfiel, hat aber doch überrascht. Natürlich hatten die Regierenden in Europa-Brüssel und den angeschlossenen Filialen mitsamt ihren Propagandamedien alles getan, um dieses Ergebnis herbeizuführen – und zwar mit einer Vehemenz, die sogar ein paar Kongressabgeordnete in den Vereinigten Staaten veranlasste, einen misstrauischen Brief an Ursula von der Leyen zu schreiben. Aber da ein knappes Ergebnis erwartet wurde, war davon auszugehen, dass die Auszählung bis in die Nacht dauern würde.
Nun stand gestern Abend schon vor 22 Uhr fest, dass jenes Orbán-Ungarn, das wir seit mehr als sechzehn Jahren kennen, zertrümmert wird. Es war ein Ungarn, das sich der westeuropäischen Tendenz zur Auflösung von Nationalstaatlichkeit widersetzte, das keine muslimische Masseneinwanderung akzeptierte, das sich zu jenen christlichen Grundlagen bekannte, auf denen das Abendland einst beruhte. Ein Ungarn also, das ein Bollwerk gegen Brüssel bildete und auf der weltpolitischen Bühne durch gleich gute Beziehungen zu Russland und den USA herausstach. Ab heute Morgen ist dieses Ungarn Geschichte. Was jetzt kommt, ist der „Weg ins Gefängnis“. Dieses Programm hatte der Wahlgewinner und künftige Ministerpräsident Péter Magyar für den Fall seiner Machtübernahme gegenüber Orbáns Anhängern bereits angekündigt: ein Rachefeldzug inklusive Enteignungen. Es wird laufen wie in Polen nach der Niederlage der konservativen PiS-Partei: Es wird eine Kampagne „eiserner Besen“ geben wie die des polnischen Ministerpräsidenten Tusk, der vor drei Tagen prophezeit hatte: „Wir werden Warschau in Budapest haben.“ Das bedeutet: Aufsichtsräte, Vorstände, Verwaltungen werden ausgetauscht, strafrechtliche Verfolgung gegen bisher amtierende Politiker ist an der Tagesordnung, die große Säuberung wird kommen.
Gegen Péter Magyar ist Donald Tusk allerdings ein Ehrenmann. Vor zwei Jahren tauchte er quasi aus dem Nichts auf: ein unbeherrschter Typ mit Gossensprache, geschiedener Ehemann einer entlassenen Justizministerin, der die Küchengespräche mit seiner Noch-Frau und später seinen Freundinnen heimlich aufnahm, um sie und Orbáns Partei damit zu erpressen. Ein Mann, der sich nicht erinnern konnte, irgendwo Drogen gesehen zu haben, nachdem er zugeben musste, dass er in dem Bett gelegen hatte, von dem ein Foto samt Drogenteller öffentlich geworden war. Wenn man die Person Magyar auch nur etwas näher anschaut, erscheint es unvorstellbar, dass ihm eine Mehrheit des ungarischen Volkes die Geschicke des Landes anvertraut. Zur Lösung dieses Rätsels gibt es nur vage Ansätze. Einer ist, dass die ungarische Gesellschaft gewissermaßen noch unter einem kommunistischen Spätschaden leidet. Er äußert sich in einer fanatischen Wunschvorstellung von Gleichheit in der Belohnung für Leistungsverweigerung. Orbáns Wirtschaftsprinzip widersprach diesem Denken total. Ein anderer Erklärungsansatz ist der Gedanke, dass Medien, NGOs und mit viel auswärtigem Geld versorgte Lobbygruppen in einem modernen Staat wie Ungarn ihre mentale Wirkungsmacht entfalten, auch wenn Orbáns Regierung deren Einfluss zu begrenzen suchte. Sein ewiger Feind Soros, der nihilistische Strippenzieher im Kostüm des Philanthropen, hat die Seelen der Menschen schon vergiftet, bevor sie mit klarem Kopf den Fluch der bösen Tat erkennen: spätestens, wenn auf den Straßen von Budapest fleißig gemessert wird wie überall sonst.
