Kontrafunk aktuell vom 10. April 2026
In Islamabad sollen unter pakistanischer Vermittlung diplomatische Gespräche zwischen den USA und dem Iran vorangebracht werden. Der Journalist Shams Ul Haq berichtet über die Lage vor Ort, die beteiligten Akteure und die Chancen auf eine politische Lösung. Wie wird aus Wetter Klima, und was sagt uns das über den Zustand der Erde? Darüber sprechen wir mit dem Meteorologen Thomas Globig. Die Auswirkungen geopolitischer Krisen zeigen sich konkret in der Landwirtschaft. Der Landwirt Christian Beißner schildert, wie steigende Kosten für Diesel und Dünger seine Arbeit verändern und welche Folgen das für Lebensmittelpreise haben kann. Und Martina Binnig widmet sich in ihrem Kommentar dem Energie-Lockdown sowie dessen politischen und wirtschaftlichen Folgen.
Shams Ul Haq: Iran-Konflikt, Verhandlungen in Islamabad
Thomas Globig: Wetter, Klima und CO₂-Debatte
Christian Beißner: Landwirtschaft, Düngerpreise, Energieabhängigkeit
Martina Binnig: Energie-Lockdown
Was die Weltgesundheitsorganisation für die Corona-Lockdowns war, ist die Internationale Energieagentur für den möglicherweise bevorstehenden Energie-Lockdown. Dieser Gedanke überkommt einen zumindest, wenn man einen aktuellen Bericht der Agentur liest, in dem sie verschiedene Maßnahmen angesichts der hohen Ölpreise vorschlägt. Die Internationale Energieagentur (IEA) wurde während der Ölkrise 1973 gegründet und verwaltet die strategischen Ölreserven ihrer Mitglieder. Dazu zählen neben den europäischen Ländern unter anderem die USA, Australien, Kanada, Mexiko und die Türkei. Weitere Länder wie China, Indien und die Ukraine sind assoziierte Mitglieder.
In ihrem Bericht beschwört die IEA zunächst eine gigantische Krise herauf. Der Krieg im Nahen Osten habe zum größten Versorgungsausfall in der Geschichte des globalen Ölmarktes geführt, behauptet sie. Und diese Krise muss dann als Rechtfertigung für Maßnahmen herhalten, die verdächtig an die Corona-Jahre erinnern. In einem 10-Punkte-Plan rät die IEA nämlich unter anderem dazu, möglichst viel von zu Hause aus zu arbeiten. Drei zusätzliche Homeoffice-Tage pro Woche könnten zum Beispiel den Ölverbrauch durch Autos um 2 bis 6 Prozent senken. Auch Geschwindigkeitsbegrenzungen auf Autobahnen, der Verzicht auf Flugreisen und ein Rotationsmodell für den Zugang von Privatfahrzeugen zu Straßen in Großstädten hätten nach den Modellierungen der IEA enormes Einsparpotenzial. Dabei schwebt den Verfassern des 10-Punkte-Plans vor, dass PKWs mit ungeraden Kennzeichen Straßen an anderen Wochentagen benutzen dürften als solche mit geraden Kennzeichen. Und die EU-Bürger sollen natürlich mehr Rad fahren und zu Fuß gehen oder wenigstens öffentliche Verkehrsmittel nutzen.
Regierungen sollen nach Vorstellung der IEA eine Vorreiterrolle übernehmen, indem sie nicht nur Vorschriften ausarbeiten, sondern gleichzeitig eine begleitende Sensibilisierungskampagne für die Bevölkerung durchführen. Auch den Austausch von Ölheizungen durch Wärmepumpen sollen die Regierungen durch Anreize beschleunigen. Und siehe da: Prompt hat sich schon der EU-Kommissar für Energie und Wohnungswesen Dan Jørgensen zu Wort gemeldet und alle EU-Energieminister dazu aufgefordert, die Nachfrage nach Öl in ihren Ländern zu reduzieren. Dabei verwies der Kommissar ausdrücklich auf den 10-Punkte-Plan der IEA. Das deutsche Bundeswirtschaftsministerium hat über Ostern ebenfalls bereits verschiedene Szenarien durchgespielt, wie auf die Krise reagiert werden könnte. Und auch ihm haben es besonders die Empfehlungen der IEA angetan. Andere Vorschläge zur Krisenbewältigung wie etwa eine temporäre Erhöhung der Pendlerpauschale oder die Senkung der Steuern auf Strom und Kraftstoffe schnitten im Ranking des Ministeriums weit weniger gut ab.
Nicht zuletzt passen die Empfehlungen der IEA verblüffend gut zum Clean Industrial Deal der EU, mit dem Europa bis 2050 zum ersten klimaneutralen Kontinent der Welt gemacht werden soll. Nun ja, ganz so verblüffend ist es nun auch wieder nicht. Denn gleich zu Beginn des Berichts wird hervorgehoben, dass sich namentlich die Europäische Kommission an der Arbeit der IEA beteiligt. Auch die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), als deren Sonderorganisation die IEA mit Sitz in Paris gegründet wurde, unterstützt die Dekarbonisierungsagenda der EU-Kommission ausdrücklich. Und in einem öffentlichen Prüfbericht fordert die OECD insbesondere Deutschland konkret dazu auf, seine Klimamaßnahmen im Verkehrs- und Gebäudesektor deutlich zu beschleunigen. So fügt sich eins zum anderen. 2026 könnte also wieder ein Lockdown-Jahr werden. Diesmal im Zeichen der Energiewende. Zumindest müssen sich die EU-Bürger auf mehr oder weniger sanfte Anregungen zur Senkung ihrer „Ölnachfrage“ gefasst machen!
