Kontrafunk aktuell vom 20. Februar 2026
Sechs Jahre nach Beginn der Corona-Pandemie hat das Schweizer Bundesverwaltungsgericht entschieden: Die milliardenschweren Impfstoffverträge müssen offengelegt werden. Über Transparenz, Haftung und politische Verantwortung sprechen wir mit dem SVP-Nationalrat Rémy Wyssmann. Die Fastenzeit der Christen hat begonnen, gleichzeitig hat auch der Ramadan begonnen. Ob und wie die deutlich gestiegene religiöse Sichtbarkeit im Stadtbild das gesellschaftliche Gleichgewicht verändert, erörtern wir mit Prof. Mouhanad Khorchide, Leiter des Zentrums für Islamische Theologie an der Universität Münster. Die rasante Entwicklung der künstlichen Intelligenz und deren Bedeutung für qualifizierte Berufe erläutert Jobst Landgrebe, Gastprofessor für künstliche Intelligenz. Und Oliver Stock wendet sich in seinem Kommentar an den deutschen Finanzminister.
Mouhanad Khorchide: Ramadan und religiöse Sichtbarkeit in Europa
Rémy Wyssmann: Offenlegung der Schweizer Impfstoffverträge
Jobst Landgrebe: Künstliche Intelligenz und die Zukunft der Arbeitswelt
Oliver Stock: Deutscher Spitzensteuersatz
Lieber deutscher Finanzminister Lars Klingbeil, ich will hier gleich zu Anfang ganz offen sein: Ich gehöre zu denen, die den Spitzensteuersatz zahlen. Ich tue das seit Jahren, einigermaßen gefasst und ohne Fluchtreflex. Aber ich sage auch: Es reicht. Mehr gibt es nicht. Wenn ihr weiter zugreift, fange ich ernsthaft an, meine Koffer zu packen. Meloni wartet schon. Schon heute verschwindet mit Solidaritätszuschlag, Kirchensteuer und all den sonstigen kreativen Erfindungen deines Fiskus ungefähr die Hälfte meines Einkommens. Mein Steuerberater trägt mir diese Nachricht regelmäßig vor, mit der Miene eines Arztes, der eine unangenehme Diagnose überbringt. Man hört zu, nickt, geht nach Hause – und lebt weiter. Der Mensch gewöhnt sich an fast alles, sogar an chronische Zahnschmerzen. Aber irgendwann kommt der Punkt, an dem man nervös wird. Und genau da bin ich jetzt. Ich will euch gar nicht bei euren Rechenkünsten stören. Politische Mathematik folgt eigenen Gesetzen: Zwei plus zwei ergibt je nach Koalition mal drei, vier oder ein Sondervermögen. Mich beschäftigt eine viel banalere Frage. Warum brauche ich seit meinem ersten Arbeitstag einen Steuerberater? Zugegeben: Ich bin kein Zahlenmensch. Excel ist für mich ungefähr so zugänglich wie ein feindlicher Dschungel, in dem Formeln wie Guerillatruppen im Hinterhalt liegen. Aber warum ist das System so kompliziert konstruiert, dass ein normaler Bürger ohne professionelle Hilfe zwangsläufig Fehler macht? Das Standardwerk für Steuerpflichtige umfasst 1400 Seiten. 1400! Das ist kein Regelwerk mehr, das ist ein literarisches Monument der Verunsicherung. Wenn ihr schon in diesem Jahr zum ersten Mal die Rekordsumme von mehr als einer Billionen Euro Steuern in Deutschland einnehmt – warum schafft ihr es dann nicht, dass ein Mensch mit Taschenrechner und gesundem Menschenverstand seine Steuer berechnen kann? Oder ist Unübersichtlichkeit vielleicht kein Unfall, sondern Methode?
Noch rätselhafter ist mir, wofür ihr das Geld eigentlich braucht. Ich zum Beispiel lebe in Düsseldorf. In meiner Nähe gibt es mehrere offene Drogenszenen. Gerade ist wieder ein neuer Brennpunkt entstanden. Ich mag meine Kinder da nicht rauslassen. Werden diese Brennpunkte verschwinden, wenn ich mehr zahle? Wird die Bahn pünktlicher? Wird ein Flughafen fertig, bevor meine Enkel ihre Rente beantragen, die für sie dann auch nicht mehr zum Leben reicht? Oder würdet ihr vielleicht denen helfen, die etwas aufbauen: Start-ups, Selbständige, Unternehmer, die Arbeitsplätze schaffen und Verantwortung tragen? Würdet ihr Bildung ernsthaft fördern, Meisterprüfungen und Studentenkredite finanzieren? Ich sehe davon wenig. Stattdessen wachsen Vorschriften, Tarifzwänge, Bürokratie, und der vierte Integrationskurs wird auch noch bezahlt. Mein Eindruck ist: Der Staat gleicht einem Fass ohne Boden. Wir können es füllen, wie wir wollen – irgendwo unten läuft es wieder heraus. Und ich glaube auch nicht, dass Friedrich Merz und die Union in der Lage sind, ein Gegenmodell zu entwickeln und durchzusetzen. Die Liste der Versprechen der Union ist lang, die Liste der gebrochenen noch länger. Keine neuen Schulden – bis zur Wahl. Danach: Rekordverschuldung. Einsparungen beim Bürgergeld – am Ende fast nichts. Große Rentenreform? Ich schaffe erst mal einen Arbeitskreis. Steuerreform? Irgendwann vielleicht. Die Wahrheit ist: Dieses System funktioniert parteiübergreifend. Die Steuern steigen leise weiter. Tabak, Alkohol, Energie – alles wird mit moralischen Begründungen teurer. Gesundheit, Klima, Gerechtigkeit. Klingt gut. Bringt Milliarden. Gespart wird nicht.
Ihr sprecht ständig von Gerechtigkeit. Die Wohlhabenden sollen mehr tragen, damit die anderen, die Ärmeren, profitieren. Das klingt rührend, wie eine Gute-Nacht-Geschichte. Aber euer Denkfehler ist grundlegend. Ihr betrachtet Wohlstand wie einen Kuchen: Wenn einer ein großes Stück bekommt, bleibt weniger für die anderen. In Wirklichkeit ist Wohlstand eher ein Hefeteig. Er wächst, wenn man ihn wachsen lässt. Wo Wachstum entsteht, sinkt Armut. Umgekehrt hat noch kein Land seine Bürger reich besteuert. Dass ihr das ignoriert, überrascht mich nicht. Es passt nicht in euer Weltbild. Also entzieht ihr dem Teig immer mehr Hefe und wundert euch, dass er flach bleibt. Am Ende bleibt ein trockenes Stück Brot: gleich verteilt, gerecht verwaltet und für alle nichts drauf. Vielleicht wäre es klüger, weniger über Verteilung zu reden und mehr über Entstehung. Sonst sitzen wir bald alle gemeinsam am Tisch, schauen auf leere Teller und trösten uns damit, dass wenigstens niemand mehr hat als der andere. Nur satt wird davon keiner.
