Kontrafunk aktuell vom 21. Januar 2025
Seit gestern ist Donald Trump der amtierende 47. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Unsere Korrespondentin Susanne Heger berichtet über die Amtseinführung und Trumps unmittelbare Pläne. Während der neue US-Präsident die Führung des Iran schon während seiner ersten Amtszeit immer wieder kritisiert hatte, arbeitet Deutschland weiter mit dem Land im Nahen Osten zusammen – obwohl im November 2024 der deutsch-iranische Regimekritiker Dschamschid Scharmahd im Iran hingerichtet wurde. Über eine verfehlte Iran-Politik sprechen wir mit der Tochter des Ermordeten, Gazelle Scharmahd. Taiwan verzeichnet derweil prochinesische Proteste gegen die westlich ausgerichtete Regierung des Inselstaats. Der Autor und Sinologe Jonas Greindberg erklärt deren internationale Bedeutung. Alexander Meschnig behandelt in seinem Kommentar die politische Doppelmoral von Altparteien und Berührungsängste gegenüber der AfD.
Susanne Heger: Amtseinführung und Trumps unmittelbare Pläne
Gazelle Scharmahd: Verfehlte Iran-Politik
Jonas Greindberg: Prochinesische Proteste in Taiwan
Alexander Meschnig: Berührungstabu
Jede Veranstaltung der inzwischen zweitstärksten Partei in Deutschland wird, letztes Beispiel der Parteitag der AfD, von Protesten der selbst ernannten Demokraten begleitet. Die aggressive und schreiende Masse der Gegner fällt dabei durch einen geradezu heiligen Furor auf. Beseelt vom eigenen Widerstand ist der sogenannte Kampf gegen rechts zu einem Wellnessprogramm der edlen Seelen geworden, die jede Berührung mit Personen und Gedanken der AfD panisch abwehren. Alles rund um die Partei wird unisono zum Tabu erklärt. Die Vorstellung eines Tabubruchs durch die AfD ist eine der häufigsten Schlagzeilen der letzten Jahre geworden. Das aus dem Polynesischen stammende Wort „Tabu“ hat keine direkte Übersetzung. Es lässt sich in etwa als „heilige Scheu“ deuten. Das Tabu ist ein ungeschriebenes Gesetz, seine Herkunft ist unbekannt, und man unterwirft sich ihm, ohne darüber nachzudenken. Wenn man ein Tabu übertritt, wird man – wie bei einer Ansteckung – selbst tabu. Bekannt geworden sind der Begriff und der psychische Mechanismus des Tabus durch die 1912 und 1913 in der Zeitschrift „Imago“ erschienenen vier Aufsätze von Sigmund Freud mit dem Titel „Totem und Tabu. Einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der Neurotiker“. „Totem und Tabu“ war die erste große Studie Freuds zur Kulturgeschichte des Menschen und beinhaltet seine umstrittenste Hypothese, den Ödipuskomplex.
Doch bleiben wir beim Tabu und seiner Bedeutung für die Gegenwart: Das Kernverbot der Zwangsneurose ist, so Freud, wie beim Tabu das der Berührung. Das Verbot erstreckt sich dabei nicht nur auf die direkte Berührung mit dem Körper, sondern generalisiert sich auf: in Berührung kommen. Alles, was die Gedanken auf das Verbotene lenkt, ist ebenso verboten wie der unmittelbare Kontakt. Grundlage des Tabus wie der Zwangsneurose ist eine verbotene Handlung, zu der eine starke Neigung im Unbewussten besteht. In „Totem und Tabu“ heißt es: „Der Mensch, der das Tabu übertreten hat, wird selbst tabu, weil er die gefährliche Neigung hat, andere zu versuchen, dass sie seinem Beispiel folgen. Er erweckt Neid; warum also sollte ihm gestattet sein, was anderen verboten ist? Er ist also wirklich ansteckend, insofern jedes Beispiel zur Nachahmung ansteckt, und darum muss er selbst gemieden werden.“ Übertragen wir diesen Mechanismus auf die Proteste im Kampf gegen die AfD oder allgemein „gegen rechts“, dann wird klar, dass wir es hier mit dem klassischen Fall einer Projektion zu tun haben. Dieser Begriff bezeichnet in der Psychoanalyse einen verbreiteten Abwehrmechanismus. Projektion bedeutet das Übertragen und Verlagern eines innerpsychischen Konfliktes durch eigene Wünsche und Emotionen, die im Widerspruch zu gesellschaftlichen Normen stehen, also tabu sind, auf andere Personen oder Gruppen. Damit wird vermieden, sich mit den abgewehrten Inhalten bei sich selbst auseinandersetzen zu müssen. Der Projizierende überträgt also unerwünschte Eigenschaften auf andere, um sich selbst von diesen distanzieren zu können.
Die Wut und die Aggression entstehen dadurch, dass ein anderer sich nicht versagt, was ich mir verbiete. Erinnern wir an die Corona-Zeit: Der Reisefreudige, der Partygeher, der Glühweintrinker, der Restaurantbesucher – sie alle waren der unmittelbare Beweis dafür, dass ein verdammenswerter Egoismus herrscht, der uns alle gefährdet. Mit der Projektion meiner eigenen uneingestandenen Wünsche auf andere wird eine Bewältigung der negativen Anteile der eigenen Persönlichkeit möglich. Dieser Abwehrmechanismus findet stets Schuldige: „die Rechten, die Kapitalisten, die Ungeimpften.“ Tabu und Zwangshandlung haben viele Ähnlichkeiten: Ein innerer Zwang drängt zur Einhaltung des Gebots; die Verbote führen zu Ritualen zwecks Reinigung, Abwehr oder Sühne. Tabus wandeln sich, dienen aber immer der Identitätsbildung, indem eine Gruppe mit Hilfe von Tabus definiert, wer zu ihr gehört und wer nicht. Dazu gehört auch das Tabu, über bestimmte Dinge nicht zu sprechen. Zugleich sind mit der Überschreitung des Tabus Sanktionsdrohungen verbunden, die mit sozialer Exklusion beantwortet werden. Heute kann ein gemeinsames Mittagessen mit einem AfD-Politiker, ein Like auf Facebook für die falsche Sache, eine kritische Haltung zur Masseneinwanderung oder zur Energiewende einen schnell zum Kontaminierten, Unberührbaren machen. Man wird sozusagen selbst tabu und so für die Umwelt zum Risiko.
Das erklärt die panische Angst einzelner Abgeordneter der demokratischen Mitte, wenn ein AfD-Politiker den Fahrstuhl im Reichstag betritt. Manche verlassen, so wird berichtet, fluchtartig die Kabine, man will ja nicht durch die bloße physische Existenz des Tabuisierten verschmutzt werden. Insbesondere Teile der CDU stehen aktuell in den Medien unter Verdacht, die Grenzen des Sagbaren zu überschreiten, also Tabus zu verletzen, sich also nicht strikt von der AfD abzugrenzen. Vielleicht ist es in den letzten Jahren der verordneten Weltoffenheit und Toleranz auch schwieriger geworden, seine negativen Gefühle, etwa in Bezug auf die Masseneinwanderung, zu verdrängen, da die Realität immer mehr in den Vordergrund tritt. Mit der Errichtung von Tabus können die Mechanismen der Ausgrenzung, Stigmatisierung und Abwertung moralisch aufgeladen und ohne Rücksicht oder Gefahr auf die AfD und die sogenannten Rechten übertragen werden. Eine Zwangsneurose neigt dazu, chronisch zu werden, und ist, da ihre rituellen Handlungen Erleichterung und heute mediale und soziale Anerkennung bringen, schwer zu behandeln. Heilung ist an dieser Stelle wohl nicht so schnell in Sicht.
