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    Freitag, 22. Mai 2026, 5:05 Uhr
    Freitag, 22. Mai 2026, 5:05 Uhr
    (Wdh.02:05, 06:05, 07:05, 09:05, 12:05, 13:05)

    Kontrafunk Aktuell vom 22. Mai 2026

    Benjamin Gollme im Gespräch mit Leo Keller, Thomas Matter und Oliver Stock – Kontrafunk-Kommentar: Jobst Landgrebe

    Palantir gilt als eines der geheimnisvollsten Technologieunternehmen der Welt. Wie der US-Konzern Daten sammelt und warum seine Systeme inzwischen auch von Sicherheitsbehörden eingesetzt werden, erklärt Semantic-Web-Spezialist Leo Keller. Elon Musk will SpaceX an die Börse bringen. Wirtschaftsjournalist Oliver Stock analysiert, ob das Raumfahrtunternehmen wirklich Milliarden wert ist und wie viel Zukunftsfantasie dahintersteckt. Warum die Schweiz eine Obergrenze für das Bevölkerungswachstum braucht, erläutert der SVP-Nationalrat Thomas Matter, Mitinitiant Schweizer Nachhaltigkeitsinitiative. Und in seinem Kommentar analysiert Jobst Landgrebe die aktuelle Eskalation im Krieg zwischen Russland und der Ukraine.

    Interview 1

    Leo Keller: Gefährliche Datenkrake Palantir?

    Interview 2

    Oliver Stock: SpaceX vor dem Börsengang

    Interview 3

    Thomas Matter: Initiative „Keine 10-Millionen-Schweiz!“

    Kommentar

    Jobst Landgrebe: Die Eskalationsgefahr im Ukraine-Krieg

    Seit über vier Jahren tobt in Osteuropa ein Krieg, der schon deutlich mehr als eine Millionen Menschenleben gekostet hat. Russland hat vor über vier Jahren völkerrechtswidrig angegriffen. Doch unabhängig davon handelt sich hierbei eindeutig um einen Krieg mit den Opponenten Russland auf der einen und nicht nur der Ukraine, sondern auch den meisten EU-Staaten und den USA auf der anderen Seite. Es geht bei diesem Krieg um geostrategischen Einfluss und den Zugriff auf Rohstoffe, vor allem aber um die Neuregelung der Machtverhältnisse auf dem europäischen Kontinent nach dem Ende der kurzen unipolar US-dominierten Weltordnung, die wir zwischen 1989 und 2008 erlebt haben. Warum findet dieser Krieg kein Ende, worum wird so hart und unerbittlich gekämpft, wie soll das nur weitergehen? Zunächst einmal sind beide Seiten nicht bereit, Kompromisse zu machen, weil die Opponenten noch glauben, siegen zu können oder zumindest eine Niederlage hinauszögern wollen. Russland will Territorien annektieren, wahrscheinlich auch Charkow, Dnjepropetrowsk und sicherlich Odessa, damit die künftige Ukraine keinen Meereszugang mehr hat. Außerdem will man die prowestliche Regierung beseitigen und die Restukraine dauerhaft demilitarisieren. Russland will sie auch aus der Nato oder ihrer künftigen, vielleicht rein europäischen Nachfolgeorganisation heraushalten. Die Ukraine und die EU wollen all dies verhindern, doch eine Rückeroberung der bereits verlorenen Gebiete plant man wohl nicht mehr. Zudem will man im Westen Russland schwächen und destabilisieren.

    Beide Seiten haben Stärken und Schwächen, die ein rasches Ende des Krieges durch eine totale Niederlage der anderen Seite verhindern. Die Ukraine hat immer noch gerade genug Soldaten zum Halten der sehr langsam nach Westen hin bröckelnden Front, auch wenn bereits Hunderttausende getötet wurden. Die Ukraine bekommt aus dem Westen auch die wichtigsten Defensivwaffen: Artillerie, Munition, Drohnen, Raketen sowie Logistik, Aufklärung der Feindesbewegungen und Angriffskoordinaten für Attacken auf zivile Infrastruktur und Industrieanlagen in Russland. Russlands Hauptproblem scheint die innenpolitische Unmöglichkeit zu sein, einen raschen Eroberungskrieg zu führen, bei dem im erbarmungslosen Drohnenkrieg weitere Hunderttausende Soldaten stürben. Daher setzt man weiterhin auf die bisher betriebene Strategie der schleichenden Abnutzung, mit deren Hilfe man bisher glaubte, die Kriegsziele mittelfristig erreichen zu können. Doch diese Strategie wird nun durch eine westliche Eskalation konterkariert, nämlich durch Angriffe auf zivile und industrielle Infrastruktur wie Raffinerien und andere Ziele in Moskau wie am vergangenen Wochenende. Russland kann sie wegen der Größe seines Territoriums, der Verteilung der Ziele und der Mengen der eingesetzten Waffen nicht vollständig abwehren. Diese Angriffe können weiterhin gesteigert werden, beispielsweise durch die Kombination von Drohnen mit Raketen.

    Bald wird der Westen ebenfalls über Überschallraketen verfügen, wie Russland, China und Iran sie schon haben. Diese sind nicht abwehrbar. In den ersten Kriegsjahren wären solche Angriffe tief im russischen Territorium noch undenkbar gewesen. Doch nun sind sie möglich geworden, weil Russland keine Abschreckungsmacht gezeigt hat – es hat diese Art von Angriffen seit dem Angriff auf Kursk im Jahre 2024 immer wieder über sich ergehen lassen, ohne entsprechend zu reagieren. Da diese Angriffe auf die Dauer große kumulative Schäden anrichten, kann Russland sie nicht mehr tolerieren. Auch aus innenpolitischer Sicht ist das nicht möglich. Aus der Perspektive seiner Strategen muss Russland seine Abschreckungsmacht nun wiederherstellen, wenn es durch den Krieg nicht in eine schwere ökonomische und innenpolitische Zwangslage gebracht werden will. Welche Möglichkeiten bestehen aus russischer Sicht? Die derzeit favorisierte Option sind Angriffe auf westliche Rüstungsunternehmen in Nato-Staaten, die Waffen für die Ukraine herstellen, aber auch Angriffe auf zivile Ziele, wie sie auch gegen Russland erfolgen. Dies ist die Forderung des radikalen Kreml-Beraters Sergei Alexandrowitsch Karaganow. Um die Abschreckungsmacht Russlands wiederherzustellen, schlägt er vor, den Westen mit konventionellen Raketen anzugreifen und sogar taktische Atomwaffen einzusetzen, falls Ersteres zu keinem Ende der Angriffe auf Russland führt.

    Nun sind taktische Atomwaffen anders einzuschätzen als strategische, doch ist die Vorstellung einer solchen Eskalation grauenvoll. Und das soll sie auch sein. Diese Position vertritt Karaganow schon länger, doch während er anfangs kein Gehör fand, scheint er nun in Moskau immer mehr Anhänger seiner Abschreckungsdoktrin hinter sich zu scharen. Lohnt sich für den Westen die derzeit betriebene Eskalation? Ich glaube nicht. Denn sie hat das Potenzial, die Nato zu zerstören, und zwar dann, wenn Russland die karaganowschen Angriffe ausführt, es aber zu keinem Nato-Beistand der USA für die betroffenen Nato-Länder kommt. Außerdem ist die Vorstellung eines eskalierenden Luftkriegs zwischen EU-Europa und Russland mit vielen zivilen Opfern grauenhaft. Dies ist nicht im Interesse der beteiligten Völker. Was wir nun brauchen, ist ein Rückkehr zu Verhandlungen, bei der die Sicherheitsinteressen Russlands ernst genommen werden und man sich der neuen multipolaren Realität stellt, um die kontinentalen Machtverhältnisse neu zu ordnen. Nur dadurch können die jahrhundertealten Handelsbeziehungen zu Russland, die für unseren Wohlstand und Frieden essenziell sind, wiederhergestellt werden. Die Alternative ist ein Zermürbungskrieg, den wir im Zweifel auf bitterste Weise verlieren, aber sicherlich nicht gewinnen werden.