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    Mittwoch, 24. Dezember 2025, 5:05 Uhr
    Mittwoch, 24. Dezember 2025, 5:05 Uhr
    (Wdh.02:05, 06:05, 07:05, 09:05, 12:05, 13:05, 18:05)

    Kontrafunk aktuell vom 24. Dezember 2025

    Gernot Danowski im Gespräch mit Jeannette Fischer, Karlheinz Weißmann und Pierre Heumann – Kontrafunk-Kommentar: Oliver Stock

    Heiligabend steht bei „Kontrafunk aktuell“ im Zeichen aktueller Entwicklungen und grundsätzlicher Fragen. Zum Auftakt berichtet unser Israel-Korrespondent Pierre Heumann über die Situation in Nazareth: Wie erleben die Menschen dort diesen Heiligabend unter den Bedingungen von Unsicherheit und politischen Spannungen, und welche Folgen hat die aktuelle Lage für Gläubige, Pilger und das öffentliche Leben? In der Jahresendreihe zum Thema Konservatismus sprechen wir mit dem Historiker Karlheinz Weißmann über die Frage, was konservativ sein heute bedeutet. Abschließend geht es um Vertrauen als gesellschaftliches und persönliches Thema. Die Psychoanalytikerin Jeanette Fischer spricht über Selbstvertrauen, Gottvertrauen und das Wiedergewinnen von Vertrauen. Und Oliver Stock schöpft in seinem Kommentar bei all den Fehlentwicklungen in Deutschland dennoch ein wenig Hoffnung.

    Interview 1

    Pierre Heumann: Was ist eigentlich in Nazareth los?

    Interview 2

    Karlheinz Weißmann: Was ist konservativ?

    Interview 3

    Jeanette Fischer: Vertrauen wiedergewinnen

    Kommentar

    Oliver Stock: In Deutschland brennt noch Licht

    Wir sind in einen müden Winter gerutscht in Deutschland. Nicht mal kalt genug für Glühwein ist es, und der Kaffee wirkt auch nicht mehr recht. Aus dem „Herbst der Reformen“ ist nichts geworden, wie aus so vielem, was uns die Regierung versprochen hatte. Die Zahlen unterfüttern unsere Stimmung: Die Wirtschaft tritt auf der Stelle, das Wachstum schrammt an der Null, und selbst diese Null wirkt inzwischen ambitioniert. Deutschland, einst das Versprechen von Fleiß und Fortschritt, fühlt sich an wie ein Wartezimmer, aus dem niemand mehr aufgerufen wird. Die Maschinen laufen noch, aber sie klingen müde. Die Zuversicht, früher ein Grundrauschen, ist zu einem sehr seltenen Geräusch geworden. Die Gründe sind bekannt und doch erstaunlich hartnäckig: Bürokratie ist kein Schlagwort mehr, sondern Alltag. Allein auf EU-Ebene sind seit 2019 mehr als 13.000 neue Rechtsakte hinzugekommen, das sind, wenn man so will, 13.000 Misstrauensanträge gegen die Bürger, denen man nicht zutraut, ohne Regeln das Richtige zu machen. Dazu nationale Vorgaben, Berichtspflichten, Nachhaltigkeitsnachweise, Lieferkettengesetze. Für große Konzerne ist das teuer, für Mittelständler oft existenziell. Investitionen werden verschoben, Projekte verkleinert, Risiken gemieden. Die Investitionsquote der Unternehmen liegt deutlich unter dem Durchschnitt vergleichbarerer Länder. Gleichzeitig sinkt der private Wohlstand: Reallöhne haben sich zwar zuletzt leicht erholt, liegen aber, über mehrere Jahre gerechnet, noch immer unter dem Niveau vor der Inflationswelle. Die gefühlte Verarmung ist real.

    Am deutlichsten zeigte sich die politische Erschöpfung jüngst in der Rentenfrage. Die Fakten sind brutal klar: Heute kommen auf 100 Erwerbstätige rund 37 Rentner, 2035 werden es über 45 sein. Der Bundeszuschuss zur Rentenkasse liegt bereits bei mehr als 100 Milliarden Euro pro Jahr – fast ein Viertel des gesamten Bundeshaushalts. Ökonomen, Beiräte, Forschungsinstitute haben gerechnet, modelliert, gewarnt. Längeres Arbeiten, flexibler Renteneintritt, stärkere Kapitaldeckung – alles liegt auf dem Tisch. Und was macht die Regierung? Sie setzt einen neuen Arbeitskreis ein. Wieder einmal. Es ist Politik als Warteschleife. Damit verspielt sie Vertrauen. Nicht nur in sich selbst, sondern in die Reformfähigkeit des Systems überhaupt. Und wo solcher Stillstand regiert, wirkt jede Alternative automatisch dynamischer. So weit, so melancholisch. Doch wer nur auf diesen Zustand blickt, verpasst die andere Hälfte der Wirklichkeit. Denn Deutschland ist nicht nur das Land der Blockaden, sondern auch eines, das das Comeback in sich trägt. Beispiele? Wir fahren irgendwo in die Mitte der Republik. Nach Herzogenaurach. Da sitzt Adidas. Während viele DAX-Konzerne über Absatzschwäche und Margendruck klagen, meldet der Sportartikelhersteller Wachstum gegen den Trend. 2025 legte der Umsatz währungsbereinigt um rund 11 Prozent zu, das operative Ergebnis sprang von rund 270 Millionen auf mehr als eine Milliarde Euro. Die Marge kletterte wieder in den Bereich von 9 Prozent. Das alles ist kein kosmetischer Erfolg, das ist ein struktureller Turnaround. 

    Bemerkenswert ist nicht nur das Ergebnis, sondern der Weg dorthin. Adidas hat sich „entkompliziert“. Weniger Modelle, klarere Linien, stärkerer Fokus auf Sport und Marke. CEO Bjørn Gulden führt das Unternehmen weniger wie ein Finanzingenieur als wie ein Mannschaftsbetreuer: Fitness zuerst, Spielsystem klar, Stars wieder in Form bringen. Analysten sprechen von verbesserter Preissetzungsmacht, besserem Margenmix, höherer Disziplin. In einer Wirtschaft, die gern auf äußere Umstände verweist, wirkt Adidas wohltuend oldschool: Probleme im eigenen Haus analysieren, Prioritäten setzen, umsetzen. Es funktioniert. Fahren wir weiter. Fahren wir nach München. Dort sitzt das Europäische Patentamt. Es macht selten Schlagzeilen, aber hier wird über die nächsten Jahrzehnte entschieden: Forschung und Technologie bekommen hier ihr Siegel. Und von den Patentwächtern kommt das: Europa ist weltweit die Nummer zwei bei Patenten für Quantencomputer-Technologien – direkt hinter den USA. Rund 25 Prozent aller einschlägigen Patente stammen aus Europa, Deutschland ist der führende Anmelder. Das ist kein akademischer Trostpreis. Quantencomputing, Quantensensorik und Quantenkommunikation gelten als Schlüsseltechnologien für Medizin, Materialforschung, Logistik, Verschlüsselung. Wer hier Patente hält, definiert Standards, Märkte und Machtpositionen von morgen.

    Der Erfolg entsteht nicht aus einem europäischen Silicon Valley, sondern aus einem dichten Netz von Universitäten, Max-Planck-Instituten, Fraunhofer-Zentren und forschungsnahen Unternehmen. Still, gründlich, oft unterschätzt. Natürlich fehlt es Europa an Wagniskapital, an Tempo, an Risikofreude. Aber Patente entstehen nicht aus Lautstärke, sondern aus Substanz. Sie sind der Beweis, dass dieses Land mehr kann, als es sich derzeit zutraut. Vielleicht liegt darin die versöhnliche Pointe dieses Winters. Deutschland ist nicht am Ende. Es ist nur schlecht gelaunt. Zwischen Bürokratie und Reformstau gibt es Menschen und Unternehmen, die zeigen, dass es anders geht. Sie warten nicht auf Arbeitskreise, sie arbeiten. Sicher, Adidas rettet nicht die Volkswirtschaft. Und Quantenpatente zahlen noch keine Renten. Aber sie erinnern daran, dass Stillstand kein Schicksal ist.