Kontrafunk aktuell vom 25. Dezember 2025
Friede auf Erden ist eine schöne Vision, leider sieht die Wirklichkeit in vielen Ländern dieser Erde anders aus. Über die Weihnachtsbotschaft und ihre Wirkung in der heutigen Zeit reden wir mit dem Pfarrer und früheren Talkshow-Moderator Jürgen Fliege. Welche schönen weihnachtlichen Musikstücke gibt es jenseits von Bachs Weihnachtsoratorium? Und in welchen Gegenden der Welt wird am schönsten gesungen zum Fest? Darüber spricht der Organist und Publizist David Boos. In unserer Reihe „Was ist konservativ?“ kommt die Vorsitzende der Desiderius-Erasmus-Stiftung Erika Steinbach zu Wort. Und im Kommentar des Tages benennt Uwe Jochum die Essenz von Weihnachten. Sie lautet: „Denkt um!“
Jürgen Fliege: Friede auf Erden
David Boos: Musik zu Weihnachten
Erika Steinbach: Was ist konservativ?
Uwe Jochum: Denkt um!
Es gibt Menschen, die fürchten die Weihnachtszeit. Denn die winterliche Dunkelheit beschränkt unser Gesichtsfeld, die Kälte zwingt uns in unsere Wohnungen zurück, und das allmähliche Verebben des geschäftigen Lärms macht die Stille um uns und in uns ganz laut. Wir finden uns zu Weihnachten plötzlich auf kleinem Raum mit uns selbst konfrontiert und sind ratlos, was wir mit uns anfangen sollen. In dieser Lage helfen uns die Medien aus der Patsche. Auch an Weihnachten belasten sie uns mit den Problemen der Welt, und diese Problembelastung entlastet uns von uns selbst. Wenn die Medien nicht helfen, gehen wir in den Weihnachtsgottesdienst. Dort sind wir nicht nur wieder in Gesellschaft mit anderen Menschen und können von uns absehen; sondern dort erfahren wir auch, verpackt als Weihnachtsbotschaft des Ökumenischen Rates der Kirchen, dass bei der Geburt Jesu ganz wie heute das Klima unfreundlich war, die Gewalt des Autokraten Herodes in der Luft lag und der jungen Familie schließlich nichts anderes als die Flucht übrigblieb. Und damit das nun auch wirklich jeder versteht, erklärt uns der Ökumenische Kirchenrat: „Heute wie damals durchleben Familien die Risiken, Gefahren und Ungewissheiten des Menschseins in unserer viel zu harten Welt. Millionen von Familien auf der ganzen Welt werden von Armut und Verfolgung heimgesucht, von Klima und Katastrophen vertrieben und als Flüchtende vor Konflikt und Gewalt auseinandergerissen.“ Soweit das Zitat. Es zeigt, dass wir auch mitten im Raum der Kirchen von uns selbst entlastet werden durch die Belastung mit den Problemen der Welt.
Wie aber aus dieser bis in die weihnachtlichen Kirchen fortgeführten Problembelastung Frieden entstehen soll, ist die Frage, auf die wir von den Vertretern der Amtskirchen keine Antwort erhalten. Dabei wäre die Antwort leicht zu finden. Sie liegt in den drei Anfängen, die sich mit der Person Jesu Christi verbinden und von denen uns die Evangelien berichten. Der erste Anfang ist die weihnachtliche Geburt Jesu in Bethlehem. Mit dieser Geburt beginnt wie mit jeder Geburt ein neues Menschenleben, dessen Anfang uns auch im Zeitalter der Gentechnik unverfügbar bleibt und das sich auf eine Zukunft hin öffnet, die auch im Zeitalter zunehmender Planwirtschaft unplanbar ist. Eines aber ist gewiss: Der Mensch ist von Anfang bis Ende ein Leibwesen, das zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort zu leben hat. Er ist weltgebunden, ortsgebunden und damit kulturgebunden. Der zweite Anfang ist die Taufe am Jordan. Sie ist der Moment, da Jesus bewusst wird, dass er als Mensch einen Auftrag in der Welt hat; es ist ein Auftrag zur Gestaltung der Zukunft, ein Auftrag, der nur dann vollbracht werden kann, wenn Jesus, und in seiner Nachfolge wir alle, die Belastungen durch das Alte hinter uns lassen und uns auf das hin orientieren, was werden soll, aus uns und aus der Welt. Daher lautet die fundamentale Botschaft, mit der Jesus seinen Weg beginnt: „Denkt um!“
Der dritte Anfang des Christentums schließlich ist Ostern mit seinem Durchgang durch den Tod und der Wiedererweckung Jesu Christi. In diesem Durchgang erfährt Jesus, erfahren seine Jünger und erfährt jeder, der sich auf dieses Ereignis einlässt, dass der Tod unserem Leben eine Grenze setzt, dass er aber eine Grenze ist, die wie jede Grenze zwei Seiten hat: ein Hüben und ein Drüben. Drüben geht es weiter. Drei Anfänge also: An Weihnachten beginnt das neue Leben, am Jordan beginnt der Auftrag, die Welt mitzugestalten und ihr einen Sinn zu geben, und an Ostern beginnt die Überwindung des Todes. Wenn es je in der Weltgeschichte eine Religion der größtmöglichen Entlastung durch Schaffung von Sinn gab, dann ist es das Christentum, in dessen Zentrum wir in uns selbst mit dem großen „Denkt um!“ konfrontiert werden und an dessen weihnachtlichem Anfang der Anfang aller Anfänge steht: die Geburt eines Menschen, der – man möchte sagen: wie jeder Mensch – mehr ist als ein Mensch.
