Kontrafunk aktuell vom 4. Juli 2025
Die Cancel-Culture hat den Kontrafunk erreicht. Linksradikale Antidemokraten aus Konstanz bedrohen eine geplante Bootsfahrt mit Prominenten und Hörern auf dem Bodensee. Die Konsequenzen schildert Kontrafunk-Gründer Burkhard Müller-Ullrich. Wer profitiert am meisten von der Zolleinigung zwischen den USA und China? Und welche Bedeutung kommt Trumps Handelsdeal mit Vietnam zu? Das erklärt der Sinologe Jonas Greindberg. Im Gespräch mit Finanzexperte Urs Bolt begeben wir uns in die Welt der Kryptowährungen, denn in Deutschland wird schon bald der erste an den Euro gekoppelte Stablecoin emittiert. Dabei geht es auch um den geplanten digitalen Zentralbank-Euro und die Frage, ob er programmierbar sein wird. Im Kommentar des Tages widmet sich Carlos A. Gebauer der Spielplatz-Posse von Köln.
Burkhard Müller-Ullrich: Bootsfahrt gecancelt
Jonas Greindberg: Zolleinigung USA-China
Urs Bolt: Stablecoins und Zentralbank-Euro
Carlos A. Gebauer: Kommentar zur Kölner Spielplatz-Posse
Will man in einem Land die besten Bergsteiger sehen, muss man dorthin gehen, wo die Berge stehen. Will man in einem Land die besten Seeleute treffen, muss man dorthin gehen, wo die Küste ist. Und will man in einem Land die klügsten Köpfe finden, muss man dorthin gehen, wo die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten ihren Hauptsitz haben. Wir im Westen reisen nach Köln, wenn wir eines herausragenden Gedankens hab- und teilhaftig werden wollen. Wir blicken dorthin, wo der WDR residiert und sein allumfassender Geist das Missionswerk des herausragenden Intellekts durch die Gassen in die Häuser streut. Denn dort in der Domstadt erwägt die Stadtverwaltung derzeit, sämtliche Spielplätze der Stadt abzuschaffen. Um jedweder Diskriminierung im Vorhinein zu begegnen, sollen sie umbenannt werden in „Spiel- und Aktionsflächen“. Viel ist schon gespottet worden über diesen Schritt. Ganz ohne Grund. Denn wie klug die Umbenennung ist, erschließt – auf zweiten Blick – eine detaillierte Analyse. Warum? Ganz einfach: Die Neubenennung der sozialen Interaktionsräume für junge Menschen unter freiem Himmel ist in erster Linie ein wichtiger wirtschaftspolitischer Impuls für die kommunale Schilderwirtschaft. Denn mit dem Abmontieren nur eines Blechschildes pro Einheit ist es nicht getan. Es wird mehr gebraucht. Zum Beispiel das Hinweisplakat: „Das Spielen und Aktivsein für Personen ab zwölf Jahren ist verboten.“
Teilnehmer, die nach dem Abusus einer Einwegspritze regungslos neben einer Schaukel liegen oder sich unter einem Karussell von einer biochemischen Reise in das Ich erholen, können durch bloßes Passivsein weit sichtbar Normgehorsam dokumentieren. Zugleich ist das Projekt des Namenwandels ein befruchtend-belebendes Beschäftigungsprogramm für die örtliche Logopädieszene. Früher stand ein alterstypisch verschnupfter Vierjähriger mit verklebten Atemwegen und einem Ball unter dem Arm vor der Tür und fragte, ob Tom mit auf den Spielplatz kommt. Künftig muss er seine Artikulation weit elaborierter ausarbeiten: „Treffen wir uns gleich auf der Spiel- und Aktionsfläche, Tom?“. Die Kasse zahlt sechs Stunden pädiatrischen Sprechunterricht. Ansgar wird Ansager und Modigliani Moderator. Der sozio-kulturelle Paradigmenwechsel (weg vom Platz, hin zur Fläche!) wird auf und zu Köln nicht ohne weitreichende Auswirkungen bleiben. Man darf nämlich nicht übersehen, dass sich unweit der bekannten Wallraf-Fläche (veraltet auch noch Wallraf-Platz genannt) kein Domplatz befindet. Köln hat nur eine Domplatte! Muss also nicht auch – konsequent – die Platte zur Fläche werden? Zur Bet- und Andachtsfläche? Für einen diskriminierungsfreien Zugang von überallher? Nach dem Motto „Wir haben Fläche!“?
Die terminologische Extension der frühpädagogischen Toberäume zur weitergreifenden, präadoleszenten Aktivierungsebene deutet den Nutzenden zugleich an, dass wir nicht auf der Welt sind, um Spaß zu haben. Aus Spiel wird schon bald Ernst und in den vormals „Sandkiste“ genannten Körperertüchtigungszentren können die Muskelmäntel der Dreikäsehochs gestählt werden. Früh übt sich, was ein Aktivist werden will. Klettertüchtig, rutschtüchtig, friedensfähig. Neben dem zentral gelegenen Neumarkt gilt in Köln bekanntermaßen auch das Neuehrenfelder Takufeld als altgedienter Exerzierplatz. Spiel- und Aktionsflächen könnten also – mit einem sanften linguistischen Shift – insgesamt zu Exerzierflächen harmonisiert werden. Wenn dann der letzte Wegweiser ausgetauscht, die verrosteten Schrauben eingeschmolzen und die historischen Emailleschilder vergessen sein werden, dann wird der städtische Internetbeauftragte die Bühnenfläche der Öffentlichkeit betreten und mit sorgengefalteter Stirn, aber handlungsfroh (fast spielerisch) von der höchsten Ebene der Stadteltern den allerletzten Akt des Rebranding einfordern: das Mitnehmen der schreibgeschwächten Lesenden. Auf der Heimseite der Stadt Köln wird stehen, dass Spiel- und Aktionsflächen zum Ausschluss des Ausschließens von Benachteiligten – ungeachtet der Beschilderung – ab sofort anders zu benennen sind: Ihr Name sei Spielplatz.

