Kontrafunk aktuell vom 4. März 2026
Weitet sich der Iran-Krieg in der Region aus, und hat er darüber hinaus geopolitische Folgen? Seine Einschätzungen dazu erläutert Ralph Bosshard, Oberstleutnant a. D. im Generalstab der Schweizer Armee. Offiziell haben die Schweiz und die EU ein neues Abkommen über ihre Beziehungen unterzeichnet, das letzte Wort wird aber das Volk haben. Der Unternehmer Giorgio Behr erklärt seinen Widerstand gegen die Verträge. Die Leihmutterschaft ist in Deutschland illegal, die Vermittlung ins Ausland ist ein riesiges Geschäft. Monika Glöcklhofer vom Verein Frauenheldinnen geht juristisch gegen eine Messe vor, die hier eine Rolle spielt. Und im Kommentar geht Thomas Hartung der Frage nach, welche tieferen Ursachen das Verschwinden eines Archäologie-Instituts haben könnte.
Ralph Bosshard: Wird aus dem Iran-Krieg ein Flächenbrand?
Giorgio Behr: Braucht die Schweizer Wirtschaft die EU-Verträge?
Monika Glöcklhofer: Soll man ein Kind «kaufen» dürfen?
Thomas Hartung: Weg mit der Archäologie, her mit dem Zeitgeist
Man muss kein Kulturkonservativer sein, um zu verstehen, was hier geschieht: Nicht irgendein Orchideenfach wird eingespart, sondern eine ganze Denkform. Archäologie, Klassische Philologie, Alte Geschichte – das sind jene Disziplinen, die den langen Atem der Geschichte kennen, die Relativierung des Jetzt, die Erfahrung, dass Zivilisationen entstehen und vergehen. Wer diese Fächer streicht, ersetzt historisches Bewusstsein durch Gegenwartspädagogik. Denn parallel zu diesem Abbau der „alten“ Wissenschaften erleben wir einen massiven Ausbau der sogenannten Haltungsfächer: Gender-Studies, „Diversity Management“, Transformationsstudien. Ihr Gegenstand ist nicht primär Wahrheitssuche, sondern Bewusstseinsformung. Sie wollen nicht die Welt erklären, sondern normativ verändern. Es geht weniger um Erkenntnis als um Ideologie, weniger um offene Fragen als um feststehende Antworten. Der Umbau der Hochschulen folgt einer einfachen Kostenlogik: Was sich nicht in Drittmittel, „gesellschaftliche Relevanz“ oder einen Anwendungsfetisch übersetzen lässt, muss weg. Archäologie und andere klassische Fächer aber erinnern an einen Kanon: an eine Hierarchie von Werken, Sprachen, Denkformen, die sich über Jahrhunderte bewährt haben. Wer die griechischen Tragöden, das römische Recht, die christliche Patristik ernst nimmt, erkennt zwangsläufig, dass der Mensch nicht erst 1968 erfunden wurde.
Die neuen Haltungsfächer leben von der gegenteiligen Erzählung: Die Geschichte des Abendlandes sei eine Abfolge von Patriarchat, Kolonialismus, Rassismus. Die Vergangenheit taugt hier nur noch als Steinbruch für Schuldnarrative. In diesem Rahmen stört jede Disziplin, die die eigenen Urteile relativieren könnte – weil sie zeigt, dass Menschen immer schon in Konflikten lebten, ihre Götter wechselten, ihre Gerechtigkeitsbegriffe verhandelten. Die Schließung des Winckelmann-Instituts ist deshalb nicht nur ein Sparakt, sondern ein symbolischer Akt der Dekanonisierung. Man braucht keine Forscher mehr, die mühsam antike Schichten freilegen; man braucht Aktivisten, die moderne Diskurse über „koloniale Provenienz“ und „kulturelle Aneignung“ bedienen. Natürlich wird das haushalterisch begründet. Ja – aber es erklärt nicht, warum die Schere so asymmetrisch schneidet. Denn dort, wo es um politisch erwünschte Haltungsproduktion geht, ist Geld reichlich vorhanden: für „Reallabore der Nachhaltigkeit“, für ganze Forschungsverbünde, die sich der „sozialen Akzeptanz der Energiewende“ oder der „Transformation zu einer post-fossilen Gesellschaft“ widmen.
Diese Projekte aber sind selten ergebnisoffen. Sie sollen Legitimationswissen erzeugen: Zahlen, Studien, Gutachten, die belegen, dass die jeweils aktuelle Regierungsagenda – Klimaplan, Migrationspakt, Antidiskriminierungspolitik – alternativlos ist. Die Universität wird so zur Zulieferin der politischen Klasse; ihre Aufgabe ist nicht mehr Kritik, sondern Affirmation. Wer sie absolviert, hat beste Chancen auf Stellen in Ministerien, Stiftungen, Verbänden. Archäologie dagegen ist unzeitgemäß. Sie verlangt Konzentration, Langsamkeit, stilles Arbeiten an Texten, Daten, Funden. Sie ist nicht sofort „relevant“, nicht tiktokisierbar, gleich gar nicht aktivismustauglich. Die Haltungsfächer dagegen leben vom permanenten Alarm. Rassismus, Klimanotstand, Demokratie in Gefahr – die Welt ist immer kurz vor der Katastrophe, und wer das nicht einsieht, ist Teil des Problems. In dieser Logik ist die Abschaffung der Archäologie kein Kollateralschaden, sondern Voraussetzung. Es darf keinen Ort mehr geben, an dem man lernen könnte, dass Geschichte tiefer, Welt größer, Mensch komplexer ist als der aktuelle Hashtag. „Critical Whiteness Studies“ schlagen die Akropolis. Am Ende steht eine Hochschullandschaft, in der „Wissenschaft“ verwechselt wird mit Projektarbeit, Lehre mit Haltungsvermittlung, Kritik mit „Sensibilisierung“.
Der Umbau hin zu Haltungsfächern zerstört dabei genau das, was Universitäten legitimiert: den Anspruch, Orte der Wahrheitssuche zu sein. Wahrheitssuche ist unbequem; sie kann Mehrheiten widersprechen, Fortschrittsmythen zerstören, Schuldverteilungen durcheinanderbringen. Sie braucht Räume, in denen man etwas sagen darf, bevor man weiß, ob es opportun ist. Die Schließung des archäologischen Instituts an der Humboldt-Universität ist ein Symbol für eine tiefere Krise. Sie steht für eine Republik, die ihre Vergangenheit verlernt, ihre Wissenschaft funktionalisiert und ihre Hochschulen zu Umerziehungsanstalten umgebaut hat. Wer das ändern will, muss nicht nur um einzelne Institute kämpfen, sondern um das Prinzip selbst: dass es in diesem Land noch Orte gibt, an denen man sich der Wahrheit verpflichtet weiß – auch dann, wenn sie weder ministeriell gewollt noch moralisch bequem ist.
