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    Montag, 1. Juni 2026, 5:05 Uhr
    Montag, 1. Juni 2026, 5:05 Uhr
    (Wdh.02:05, 06:05, 07:05, 09:05, 12:05, 13:05)

    Kontrafunk Aktuell vom 1. Juni 2026

    Stefan Millius im Gespräch mit Christian Eckl und Harald Kujat – Kontrafunk-Kommentar: Marcel Thoma und Thomas Hartung

    Schwappt der Krieg in der Ukraine über auf Europa? Sicherheitsanalysten sehen Anzeichen dafür. Hören Sie eine Einschätzung dazu von Harald Kujat, General a. D. der deutschen Bundeswehr. Wie schützt man sich vor Drohnen, die zunehmend zur Gefahr nicht nur in Kriegen, sondern auch gegen zivile Infrastruktur werden? Marcel Thoma, CEO eines Schweizer Herstellers von Abwehrsystemen, erklärt die Welt der leisen Gefahr. Die deutsche Pflegeversicherung ist nach dreißig Jahren selbst ein Pflegefall. Wo es überall fehlt und warum keine echte Reform kommt, beurteilt Christian Eckl, Verleger des Magazins „Pflegemanagement“. Und im Kommentar geht Thomas Hartung auf die Ausladung des US-Milliardärs Peter Thiel von den Wiener Festwochen ein.

    Interview 1

    Harald Kujat: Weitet sich der Ukraine-Krieg aus?

    Interview 2

    Marcel Thoma: Wie schützt man sich vor Drohnen?

    Interview 3

    Christian Eckl: Wie rettet man die Pflege in Deutschland?

    Kommentar

    Thomas Hartung: Cancel-Culture bei den Wiener Festwochen

    Es gibt Skandale, die auf den ersten Blick von Personen handeln, auf den zweiten aber den Zeitgeist entlarven. Aktuell betroffen sind Milo Rau und Peter Thiel. Thiel ist nicht irgendwer. Er ist Mitgründer von Paypal, Investor im Silicon Valley, Gründer des Datenunternehmens Palantir und einer der einflussreichsten politischen Denker der amerikanischen Rechten. Man muss seine Ansichten nicht teilen. Man kann sie sogar entschieden ablehnen. Aber man kann kaum bestreiten, dass er zu den Männern gehört, die die Gegenwart prägen. Genau deshalb wollte ihn Milo Rau zu den Wiener Festwochen einladen. Ausgerechnet Milo Rau. Jener Theatermacher, der jahrelang als linker Provokateur auftrat, der den Kapitalismus kritisierte, die westlichen Machtstrukturen analysierte und sich als Aufklärer verstand. Seine Idee war eigentlich naheliegend: Wer die Macht verstehen will, muss mit den Mächtigen sprechen. Wer die Gegenwart begreifen will, darf ihren Protagonisten nicht ausweichen. Doch genau an diesem Punkt begann das Drama. Kaum war die Einladung ausgesprochen, erhob sich Protest. Künstler sagten ihre Teilnahme ab. Intellektuelle warnten vor einer „Legitimierung“ Thiels. Nicht seine Argumente wurden kritisiert, sondern bereits seine Anwesenheit. Die bloße Tatsache, dass er sprechen sollte, galt vielen als Zumutung.

    Man muss sich das vorstellen: Ein Kulturfestival lädt einen Denker ein, damit dessen Positionen öffentlich diskutiert werden können. Und die Antwort eines Teils des Kulturbetriebs lautet: Nein, diskutieren wollen wir nicht. Er soll gar nicht erst reden dürfen. Dabei wird seit Jahren von Offenheit, Diversität und Dialog gesprochen. Kaum erscheint jedoch jemand mit den falschen Ansichten, verwandelt sich die angebliche Vielfalt in bemerkenswerte Einfalt. Besonders aufschlussreich ist dabei die Rolle von Milo Rau selbst. Er hatte eigens ein Verfahren geschaffen, um mit solchen Konflikten umzugehen. Eine Art institutionalisierte Debattenkultur. Experten wurden angehört. Diskussionen wurden geführt. Die Einladung wurde geprüft. Das Ergebnis lautete: Es gibt keinen ausreichenden Grund für eine Ausladung. Damit hätte die Geschichte eigentlich enden können. Doch dann geschah das Entscheidende: Trotz des eigenen Verfahrens, trotz der eigenen Argumente und trotz aller Bekenntnisse zur Debatte wurde die Veranstaltung abgesagt. Nicht weil neue Erkenntnisse vorlagen. Nicht weil Thiel gegen Gesetze verstoßen hätte. Sondern weil der Druck aus dem eigenen Milieu zu groß wurde.

    Genau darin liegt die eigentliche Pointe. Der Fall zeigt, dass viele Institutionen des Kulturbetriebs heute nicht mehr an Auseinandersetzung interessiert sind, sondern an der Kontrolle des Debattenraums. Die Frage lautet nicht mehr: Ist ein Argument richtig oder falsch? Die Frage lautet: Darf derjenige, der es vertritt, überhaupt sprechen? Das ist ein fundamentaler Unterschied. Eine freie Gesellschaft lebt von der Fähigkeit, gegensätzliche Positionen auszuhalten. Sie entsteht nicht dadurch, dass alle dieselbe Meinung haben. Sie entsteht dadurch, dass unterschiedliche Meinungen öffentlich aufeinandertreffen. Wer glaubt, eine Idee werde dadurch gefährlich, dass sie ausgesprochen wird, offenbart vor allem Misstrauen in die eigene Überzeugungskraft. Gerade die politische Linke hat früher darauf bestanden, dass man sich mit Gegnern auseinandersetzen müsse. Heute gilt zunehmend das Gegenteil. Die Debatte wird nicht gesucht, sondern vermieden. Der Widerspruch wird nicht widerlegt, sondern ausgeladen.

    Dass diese Ausladung gerade Milo Rau trifft, entbehrt nicht einer gewissen Komik. Noch vor wenigen Wochen sorgte er für Schlagzeilen, als er die Hamburger Theater-Debatte um die AfD und den Umgang mit rechten Positionen befeuerte. Damals trat er als Verfechter der politischen Konfrontation auf und erklärte, Demokratie müsse den offenen Konflikt aushalten. Umso aufschlussreicher wirkt nun der Fall Peter Thiel: Ausgerechnet dort, wo Rau die Debatte tatsächlich hätte führen können, scheitert sie am Widerstand des eigenen Milieus. Thiel mag dabei nur als aktueller Anlass herhalten. Morgen wird es jemand anderes sein. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, was man von Peter Thiel hält. Die entscheidende Frage lautet, ob unsere kulturellen Institutionen noch bereit sind, den Streit der Ideen auszutragen. Die Wiener Festwochen haben darauf eine ernüchternde Antwort gegeben. Aber vielleicht ist genau das die wichtigste Lehre: Die größte Gefahr für die Debattenkultur geht heute nicht mehr von ihren erklärten Feinden aus, sondern von jenen, die sich zu ihren leidenschaftlichsten Verteidigern erklären.