Kontrafunk aktuell vom 18. Juli 2025
Die gescheiterte Richterwahl im Bundestag rückt das Bundesverfassungsgericht ins Rampenlicht: Ist die Institution noch der neutrale, unabhängige Hüter des deutschen Grundgesetzes? Hören Sie eine Einschätzung von Rechtswissenschaftler Prof. Volker Boehme-Neßler. In Argentinien hat Präsident Javier Milei in den letzten achtzehn Monaten Land und Wirtschaft umgekrempelt. Unser Südamerika-Korrespondent Alex Baur berichtet über ein Land im Umbruch und Widerstand gegen weitere Reformen. Im Südwesten Syriens wurden bei Kämpfen in dieser Woche mehrere Hundert Menschen getötet. Die meisten von Ihnen sollen Drusen gewesen sein. Der Islamwissenschaftler und frühere Diplomat Alfred Schlicht erläutert die Situation der religiösen Minderheit in Syrien und das Interesse Israels an den Drusen. Alexander Meschnig widmet sich in seinem Kommentar dem dramatischen Bevölkerungswachstum in Afrika sowie den arabischen Ländern und beleuchtet die Konsequenzen für Europa.
Volker Boehme-Neßler: Die Parteien und das Bundesverfassungsgericht
Alex Baur: Achtzehn Monate Milei in Argentinien
Alfred Schlicht: Israel und die Drusen in Syrien
Alexander Meschnig: Der Fluch der Demografie
In den vergangenen Tagen sind Tausende Migranten von Libyen aus über das Mittelmeer nach Südkreta gekommen. Nach vorläufigen Schätzungen der griechischen Behörden seit Jahresbeginn mehr als 10.000. Hier könnte, so die Angst der griechischen Regierung, eine neue viel genutzte Fluchtroute im Entstehen sein. Die Zahl der Ankommenden in die EU geht, trotz gegenteiliger Beteuerungen in Politik und Medien, nicht substanziell zurück, und es gibt wenig Grund zur Annahme, dass sich das in Zukunft ändern wird. Ein entscheidender Faktor ist dabei die Demografie. Im Jahr 1995 veröffentlichte der amerikanische Demograf Gary Fuller im Auftrag der CIA eine Studie zum Zusammenhang von globalen Krisenherden und der Bevölkerungsentwicklung. Im Zentrum seiner Arbeit steht der Begriff „Youth Bulge.“ Er meint die überproportionale Ausstülpung (Bulge) der demografischen Alterspyramide in einer Gesellschaft. Nach Fuller liegt ein „Youth Bulge“ dann vor, wenn die Gruppe der 15- bis 24-Jährigen mindestens 20 Prozent der Gesamtbevölkerung beträgt. In Deutschland liegt dieser Anteil derzeit bei etwa 10 Prozent, in vierzig Ländern der islamischen und schwarzafrikanischen Welt bei über 30 Prozent. Entscheidend ist dabei die Zahl an jungen Männern, für die keine gesellschaftliche Position zur Verfügung steht und die im wahrsten Sinne des Wortes „Überflüssige“ sind. Bürgerkriege, Grenzkonflikte, ethnische und religiöse Spannungen sind in der Regel historische Begleiterscheinungen von „Youth Bulges“.
Die demografische Entwicklung der arabischen, aber vor allem der afrikanischen Länder übertrifft alles, was historisch bekannt ist. So wird sich etwa Nigeria, das bevölkerungsreichste Land Afrikas, bis 2050 von derzeit knapp 200 auf über 400 Millionen Menschen verdoppeln. Ähnlich, wenn auch nicht ganz so dramatisch wie in Afrika, sind die Zuwachsraten in den arabischen Ländern. Für die islamische Welt gilt allgemein, dass sie in nur fünf Generationen von 150 Millionen auf 1,2 Milliarden Menschen gewachsen ist. In einer Rangliste der zehn Länder mit den höchsten Geburtenraten der Welt finden sich neun afrikanische und ein asiatisches Land (Afghanistan). Afrika wächst jede Woche um fast eine Million Menschen, das sind 40 bis 50 Millionen im Jahr. Es spielt in diesem Zusammenhang folglich überhaupt keine Rolle, ob Deutschland jedes Jahr 200.000, 500.000 oder noch mehr Migranten aufnimmt. Millionen weitere Auswanderungswillige stehen bereit. Aber so genau will das niemand wissen, man schließt hierzulande gerne die Augen und verweist – neben der Berufung auf die Menschenrechte und eine „europäischen Lösung“ – weiter auf nebulöse Formeln wie das viel zitierte „Fluchtursachen bekämpfen.“ Allein der Glaube, dass eine Verbesserung des Lebensstandards vor Ort, massenhafte Migration verhindern kann, zeugt von einem absoluten Unwissen über die Dynamik von Wanderungsbewegungen. Solange es ein Wohlstandsgefälle zwischen Industrie- und Entwicklungsländern gibt, bedeutet eine Verbesserung der Situation vor Ort, den Migrationsdruck weiter zu erhöhen.
Die europäische Auswanderung nach Amerika erreichte ihren Höhepunkt erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als sich die Lebenssituation der meisten Menschen bereits verbessert hatte und finanzielle Mittel für die Schiffspassage in die USA vorhanden waren. Wer meint, Fluchtursachen in Afrika oder anderswo zu bekämpfen, wird auf jeden Fall kurz- und mittelfristig die Auswanderung verstärken. Was wir seit 2015 beobachten, ist nur ein zeitlicher Aufschub notwendigen Handelns, der die Situation weiter zuspitzen wird und Deutschland, respektive Europa, immer mehr in eine unkontrollierbare Lage versetzt. Seit Jahren strömen nun die überzähligen jungen Männer zahlreicher islamischer und afrikanischer Staaten in das alternde Europa und verändern die uns vertraute Welt, ohne dass wir eine Antwort auf diese Herausforderung haben. Es handelt sich hier um eine historisch einmalige Form der Migration, denn bis dato wurden in Friedenszeiten Menschen anderer Kulturen nur aus ökonomischen Gründen, also nach Maßgabe der Bedürfnisse der Aufnahmegesellschaft, in größerer Zahl integriert.
Die seit 2015 beschleunigte Masseneinwanderung erfolgt zu einem Zeitpunkt, in dem ein moralischer Universalismus die dominierende Ideologie der westeuropäischen Länder geworden ist und sie politisch und medial fest im Griff hat. Der vor allem auch in Deutschland in Medien und Politik herrschende abstrakte Humanitarismus, der sich von den Konsequenzen seiner Handlungen völlig frei gemacht hat, ist nicht in der Lage, die Einwanderungsströme zu begrenzen, da er keine Unterschiede mehr zwischen Ethnien, Kulturen oder Nationen anerkennen will. Der Staatsbürger wird in den Worten von Ex-Kanzlerin Merkel zum „schon länger hier Lebenden“, der sich in nichts vom Einwanderer unterscheidet. Der Einwanderungsdruck auf Europa wird angesichts der Bevölkerungsdynamik in Kombination mit der politischen und ökonomischen Situation in den meisten afrikanischen und islamischen Ländern nicht nachlassen. An der alles entscheidenden Frage kommt am Ende niemand, auch nicht in Deutschland, vorbei: Wird Europa seine Grenzen effektiv verteidigen und den Zustrom illegaler Einwanderer unterbinden können? Das Problem der Masseneinwanderung ist für das Schicksal Europas zur Schlüsselfrage des 21. Jahrhunderts geworden.

