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    Dienstag, 24. März 2026, 5:05 Uhr
    Dienstag, 24. März 2026, 5:05 Uhr
    (Wdh.02:05, 06:05, 07:05, 09:05, 12:05, 13:05)

    Kontrafunk aktuell vom 24. März 2026

    Marcel Joppa im Gespräch mit Klaus-Rüdiger Mai, Volker Boehme-Neßler und Gerald Hauser – Kontrafunk-Kommentar: Oliver Stock

    Die deutsche Sozialdemokratie ist nach den jüngsten Wahlen nur ein Schatten ihrer selbst. Was das für die Koalition in Berlin bedeutet, erklärt der Autor und Historiker Klaus-Rüdiger Mai. Der Fall rund um die Schauspielerin Collien Fernandes führt zu einer Empörungswelle in Medien und Politik. Warum das eigentlich ein Ablenkungsmanöver ist, erläutert der Medienrechtler Prof. Volker Boehme-Neßler. Unzufriedenheit herrscht bei den europäischen Landwirten: Erst setzt die EU das Mercosur-Abkommen durch, nun sollen auch noch Fördergelder zweckentfremdet werden. Einzelheiten präsentiert Gerald Hauser, EU-Abgeordneter für die österreichische FPÖ. Und Oliver Stock geht in seinem Kommentar der Frage nach, warum der Iran-Krieg auch unser Essen verteuern wird. 

    Interview 1

    Klaus-Rüdiger Mai: Die SPD hat ausgedient

    Interview 2

    Volker Boehme-Neßler: Empörungswelle im Fall Collien Fernandes

    Interview 3

    Gerald Hauser: EU will Gelder für Landwirte zweckentfremden

    Kommentar

    Oliver Stock: Warum das Essen durch den Iran-Krieg teurer wird

    Frühmorgens in Wittenberg im Nordosten Deutschlands. Den Ort haben wir als Lutherstadt abgespeichert. Dass er Jahrhunderte später schon wieder über unsere Zukunft mehr verrät als jede Talkshow, haben nur die auf dem Schirm, die dort wohnen und arbeiten. Machen wir einen Ortstermin und schauen es uns an: In einem Gewerbegebiet hinter meterhohen Rohrleitungen zischt es, Dampfwolken steigen auf, Ventile schlagen im Takt der Industrie. Hier, im Werk der SKW Piesteritz, wird Gas nicht einfach zur Energieerzeugung verbrannt. Hier wird es verwandelt. In Ammoniak. In Dünger. In Ernte. Und damit, am Ende: in Brot. Es ist der größte industrielle Gasverbraucher Deutschlands, der hier steht – noch vor dem Chemieriesen BASF in Ludwigshafen. Und genau hier beginnt eine Geschichte, die gerade kaum jemand erzählt. Eine Geschichte über den Iran-Krieg, über steigende Gaspreise – und darüber, warum unser Essen ab jetzt teurer werden kann. Denn was nach Geopolitik klingt, ist in Wahrheit ein stiller, aber unerbittlicher Mechanismus. Gas ist nicht nur Energie. Gas ist der Rohstoff für Stickstoffdünger. Und Stickstoffdünger ist die Grundlage moderner Landwirtschaft. Ohne ihn keine stabilen Erträge, keine vollen Silos, keine günstigen Lebensmittel. Das ist der Zusammenhang, den kaum jemand kennt – aber er entscheidet gerade über die Preise im Supermarkt um die Ecke. Gerade gerät genau dieser Mechanismus ins Rutschen. Der Krieg im Iran treibt die Gaspreise nach oben. Und damit beginnt eine Kettenreaktion, die viel tiefer geht als alles, was wir an der Tankstelle sehen.

    Nach Angaben des Europäischen Düngemittelverbands macht Gas bis zu 90 Prozent der variablen Produktionskosten von Dünger aus. Wenn Gas teurer wird, wird Dünger nicht ein bisschen teurer, sondern der Preis schnellt drastisch nach oben. Der Markt liefert bereits die Zahlen dazu. Der wichtigste Stickstoffdünger, Harnstoff, kostet aktuell rund 650 Dollar pro Tonne. Das sind bis zu 70 Prozent mehr als noch vor wenigen Wochen. Das ist kein normaler Markt mehr. Das ist ein Stresssignal. Und damit kommt der Punkt, an dem es konkret wird. Bauernpräsident Joachim Rukwied sagt: „Die Preise für Dünger schießen nach oben.“ Viele Betriebe könnten das schlicht nicht mehr bezahlen. Es passiert etwas, das in jeder Agrarökonomie-Vorlesung gelehrt wird, aber im Alltag kaum jemand auf dem Schirm hat: Wenn Bauern weniger düngen, sinken die Erträge. Nicht nur vielleicht, sondern messbar. Weil Pflanzen ohne Stickstoff nicht wachsen, keine Körner ausbilden, keine Masse entwickeln. Was auf dem Feld fehlt, fehlt später im Supermarkt. Der Chefökonom der Food and Agriculture Organization, Máximo Torero, bringt es trocken auf den Punkt: „Das Ganze wird die Aussaat beeinflussen.“ Es werde weniger produziert. Erst Getreide. Dann Futter. Dann Fleisch und Milch. Und dann stiegen die Preise auf breiter Front. Das ist kein schneller Effekt. Es ist eher wie ein Feuer, das sich im Keller ausbreitet und dann langsam nach oben frisst. Europa ist dabei besonders verletzlich.

    Die eigene Düngemittelproduktion wurde in den letzten Jahren deutlich zurückgefahren, weil sie bei hohen Gaspreisen nicht mehr wettbewerbsfähig war. Die Bauern haben sich abhängig gemacht von Importen, von globalen Märkten, von stabilen Lieferketten. Doch diese Stabilität bricht gerade weg. In Deutschland wirkt das Ganze noch wie ein ferneres Problem. Die Lebensmittelpreise sind bislang vergleichsweise ruhig. Aber das ist eine Illusion. Ein Echo der Vergangenheit. Die eigentliche Bewegung kommt erst noch. Das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung erwartet, dass die Inflation wieder deutlich anzieht. Das Ifo-Institut sieht Werte um 3 Prozent als realistisch, wenn Energie dauerhaft teuer bleibt. Und besonders betroffen sind genau die Produkte, die jeder täglich kauft: Brot, Milch, Fleisch. Damit endet es nicht. Die Europäische Zentralbank warnt, dass solche Energieschocks sich festsetzen können – über Löhne, über Erwartungen, über die gesamte Preisstruktur. Aus einem Rohstoffproblem wird dann ein Dauerproblem. Das eigentliche Szenario ist also kein Knall. Es ist ein Kriechen. Wenn Gas teuer bleibt, bleibt Dünger teuer. Wenn Dünger teuer bleibt, wird weniger gedüngt. Wenn weniger gedüngt wird, sinken die Erträge. Und wenn die Erträge sinken, steigen die Preise. Der Chef der Internationalen Energie-Agentur, Fatih Birol, warnt vor „ernsten Folgen für die Weltwirtschaft“. Das klingt abstrakt, ist es aber nicht. Denn am Ende führt die Spur immer wieder nach Wittenberg. Dorthin, wo aus Gas Dünger wird. Und aus Dünger Ernte. Und aus Ernte unser Essen.