Kontrafunk Aktuell vom 12. Juni 2026
Die AfD wird in mehreren Bundesländern immer stärker, die Union hält dennoch an der Brandmauer fest. Wie lange kann diese Strategie noch funktionieren? Dies erörtern wir mit dem Politikwissenschaftler Prof. Christian Stecker. Der Bundesgerichtshof hat mit einem Urteil zur journalistischen Berichterstattung für Aufsehen gesorgt. Welche Folgen das für Medien und Pressefreiheit hat, erläutert der Rechtsanwalt Carsten Brennecke. Hans-Georg Maaßen, der ehemalige Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, hält die Aussagekraft der neue Statistik zur politisch motivierten Kriminalität für begrenzt und legt seine Kritik in der Sendung dar. Und im Kommentar beschäftigt sich Silke Hasselmann mit der neuen Patriotismus-Debatte rund um die Fußball-Weltmeisterschaft und Schwarz-Rot-Gold.
Christian Stecker: Brandmauer und Koalitionsoptionen
Carsten Brennecke: BGH-Urteil und Pressefreiheit
Hans-Georg Maaßen: Politische Kriminalitätsstatistik
Silke Hasselmann: Patriotismus-Debatte
In Deutschland bloß keine ungetrübte Vorfreude aufkommen lassen, gar so etwas wie Nationalstolz – müssen sie sich bei dem deutsch-französischen Fernsehkultursender Arte gedacht haben. Jedenfalls haben sie unmittelbar vor Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft eine Dokumentation ausgestrahlt unter dem Titel „Flagge auf der Brust – Fashion oder Patriotismus?“. Als würde es nicht reichen, schon mit dem Filmtitel einen blödsinnigen Gegensatz zu konstruieren, deuten Autor und Sender kurzerhand das Sommermärchen der 2006er WM in Deutschland nachträglich zu einem klirrend kalten Albtraum um. Regisseur Juri Sternburg, der in seinem Film eine kommentierende Hauptrolle spielt, zeigt unter anderem Bilder von den damaligen „Public Viewing“-Fanmeilen in Berlin und anderen Städten, besucht bei bestem Sommerwetter von heiteren Fans aus aller Welt, geprägt vor allem von einem Meer an deutschen Fahnen. Zu sehen auch jede Menge Hüte, Schals, Trikots und Streifen auf den Wangen von glücklichen Kinder, Männern und Frauen in den deutschen Nationalfarben Schwarz, Rot, Gold. Was das gewesen ist? Für den Arte-Reporter „Party-Patriotismus“, was fast noch harmlos klingt. Aber der Mann arbeitet sich an dem deutschen Patriotismus ab, der sich 2006 zum ersten Mal seit Kriegsende 1945 gezeigt hat, weil er sich ohne Verdacht auf Geschichtsvergessenheit und Wiederbelebungsversuche der nationalsozialistischen Ausprägung zeigen durfte.
Wer vor zwanzig Jahren in Deutschland gelebt hat und alt genug gewesen ist, um die Stimmung mitzubekommen, kann sich nicht ernsthaft anders daran erinnern. Und zwar völlig egal, ob damals Fußballfan gewesen und am Turnierverlauf interessiert oder nicht. Die Welt war tatsächlich in einem freundlichen und im besten Sinne selbstbewussten Deutschland zu Gast, dessen Bevölkerung selbstverständlich frühere Gräueltaten der Vorfahren nicht vergessen, sich aber auch nicht mehr psychotisch zu Land und seinen Symbolen verhalten wollte, die immerhin auf eine zutiefst demokratische Freiheitsbewegung zurückgehen. Doch der Arte-Kollege weiß mehr: „Natürlich verbindet Fußball auch.“ hören wir ihn in seinem Machwerk sagen. „Aber genauso gab es pogromähnliche Zustände in ländlichen Gebieten. Nachdem Deutschland gegen Italien rausgeflogen war, wurden Pizzerien angegriffen, wurden Menschen durch die Straße gejagt.“ Gut, auch auf Nachfrage, etwa des Nachrichtenportals „Nius“, kann Arte keinerlei Belege für diese ungeheuerliche Behauptung vorlegen. Das erinnert uns irgendwie an die berühmt-berüchtigte Hetzjagd-Behauptung von Bundeskanzlerin Merkel, die ihrer Meinung nach 2018 in Chemnitz auf Ausländer stattgefunden haben soll, was der damalige Verfassungsschutzpräsident Maaßen allerdings zunächst mangels Beweisen intern und dann auch öffentlich bestritten hat.
Doch an dieser journalistischen Unredlichkeit stört sich Arte ebenso wenig wie an Juri Sternburgs steiler These, der damalige „Party-Patriotismus“ und ein positives Nationalgefühl hätten „zu Pegida und zur AfD geführt“. Wobei: Vielleicht hatte die 2006 regierende Bundeskanzlerin Angela Merkel von der CDU ja damals schon ähnliche Gedanken und deshalb beschlossen, fortan möglichst wenig mit Nationalstolz in Verbindung gebracht zu werden. Warum sonst sollte sie am Abend der wieder gewonnenen Bundestagswahl 2013 einem feiernden, Fähnchen schwenkenden Parteifreund auf offener CDU-Bühne und vor laufenden Kameras genau diese Deutschlandfahne entrissen und mit angewidertem Gesicht weggeworfen haben? Hm… 2013? Gründung der Partei „Alternative für Deutschland“! Klingelt da was? Ansonsten: Wo ist Bärbel Bas, wenn sie sich wirklich mal nützlich machen könnte? Etwa als Stil- und Farbberaterin der deutschen Fußball-WM-Delegation. Denn als diese in Frankfurt am Main in die Lufthansa-Sondermaschine stieg und sie in North Carolina, USA, wieder verließ, hätte auch der Spitzensozialdemokratin auffallen können, dass das Ganze irgendwie – nun ja – „einheitsgrau, fast hätte ich gesagt einheitsbraun“ wirkt. Denn egal in welcher Form und Größe: Kein Schwarz-Rot-Gold, nirgendwo. Keine Deutschlandfahne, kein Deutschlandfähnchen, auch keine sonstige Spur von Nationalfarben an Gangway, Transportmittel, Reiseteilnehmern. Alles angestrichen oder angezogen in Blau, Beige, Grau.
Schade, dieses modische Understatement auf großer Mission, während sich zum Beispiel die norwegische Nationalmannschaft als Wikinger inszenierte, die türkische Delegation in großen Reisebussen in rot-weißer Nationalfarbe zu ihrem Flughafen fuhr und auch andere Teilnehmerländer ihre Teams mit sichtbaren Zeichen von Nationalstolz auf die Reise in die USA, nach Mexiko oder Kanada entsandt haben. Immerhin: Auf dem Rasen wird sich die deutsche Elf – in ihrer Zusammensetzung längst bunt und vielfältig – anders präsentieren. Zu dieser WM findet Schwarz-Rot-Gold vergleichsweise viel Raum auf den Spielertrikots. Leider konnte sich Adidas mit einem ästhetisch recht hässlichen breitgezackten Designentwurf beim Deutschen Fußballbund durchsetzen. Für viele Fans vermutlich kein annähernd so großes Problem wie die horrenden Preise für die Leibchen. Verbuchen wir diese Anmutung also einfach unter „Rache des deutschen Herstellers“ dafür, dass sich der DFB künftig von einem US-amerikanischen Unternehmen ausrüsten lässt. Und gönnen wir ansonsten jedem, der es mag, seinen Stolz auf die deutsche Fußballnationalmannschaft zu zeigen. Mögen die Nagelsmann-Kicker Gründe dafür liefern.
