Kontrafunk aktuell vom 26. Dezember 2025
In unserer Reihe „Was ist konservativ?“ sprechen wir mit dem Herausgeber der „Achse des Guten“, Fabian Nicolay. Wie ist die Situation der Christen in Syrien zu Weihnachten? Darüber informiert Pfarrer Peter Fuchs, Geschäftsführer von Christian Solidarity International in Deutschland. Die Maga-Bewegung von Donald Trump ist gespalten. Worum sich der Streit dreht und was das für die 2026 anstehenden Zwischenwahlen bedeutet, erklärt Kontrafunkredakteur und USA-Kenner Collin McMahon. Und Alexander Meschnig beschäftigt sich in seinem Kommentar mit dem Preis, den Deutschland für die Nibelungentreue seines Kanzlers zur Ukraine zahlt.
Fabian Nicolay: Was ist konservativ?
Peter Fuchs: Lage der Christen in Syrien
Collin McMahon: Streit in der Maga-Bewegung
Alexander Meschnig: Deutschlands Nibelungentreue zur Ukraine
Im März 1909 verteidigte der damalige Reichskanzler Bernhard von Bülow im Reichstag das militärische Bündnis mit der Habsburger-Monarchie mit den bekannten Worten: „Wir stehen in Nibelungentreue zu Österreich-Ungarn.“ Dieses Zitat, im Ersten Weltkrieg vielfach wiederholt, wurde zum geflügelten Wort. Es machte den Begriff der Nibelungentreue zur offiziellen Parole des Kaiserreichs und steht heute für eine Bündnistreue in ausweglosen Situationen, für ein Durchhalten buchstäblich „bis zum eigenen Untergang“. Deutschland folgt in Gestalt von Kanzler Merz diesem historischen Muster in der bedingungslosen Unterstützung der Ukraine. Vor dem EU-Rats-Treffen in der vergangenen Woche hatte Merz die Enteignung russischer Vermögenswerte im Ausland ganz zu seiner persönlichen Forderung gemacht und sich schließlich eine Abfuhr eingeholt. Noch einen Tag vor der Entscheidung des EU-Rats, der Ukraine einen zinslosen Kredit über 90 Milliarden Euro zu geben, hatte Merz noch getönt, russisches Vermögen für die Finanzierung der Ukraine heranzuziehen. Nun sind es am Ende doch wieder deutsche Steuergelder, denn Russland wird, anders als von der EU verkündet, sicher niemals Reparationen an die Ukraine zahlen.
Deutschland gehört seit Kriegsbeginn zu den größten Geldgebern: die Kosten für Militär- und Finanzhilfen, Wiederaufbauzusagen, aber auch für Kriegsflüchtlinge (Unterkunft, Sozialleistungen) summieren sich auf jährlich zweistellige Milliardenbeträge – Tendenz steigend. Laut Angaben der Bundesregierung hat Deutschland seit Beginn des Krieges bis Ende September 2025 offiziell etwa 36 Milliarden zivile Hilfe plus 40 Milliarden Euro militärische Unterstützung bereitgestellt beziehungsweise zugesagt. Geld, das nicht in Deutschland für Infrastruktur, Schulen, Digitalisierung oder für Entlastungen der Bürger verwendet werden kann. Die indirekten wirtschaftlichen Schäden wiegen für das Land schwer und sind kaum quantifizierbar: hohe Energiepreise nach dem Ende günstiger russischer Gaslieferungen, Deindustrialisierung in energieintensiven Branchen wie Chemie oder Stahl, Abwicklung der Autoindustrie, Wettbewerbsnachteile gegenüber den USA und China sowie Reallohnverluste – alle diese Kosten tauchen nicht direkt auf, treffen aber Unternehmen wie Haushalte gleichermaßen. Die politisch-sozialen Kosten, eine wachsende Spaltung der Gesellschaft und der Verlust von Vertrauen in die Politik, können darüber hinaus gar nicht monetär beziffert werden. Die eigentliche Streitfrage ist also nicht: wie teuer die Unterstützung des Krieges wird, sondern: Wie lange kann Deutschland diese Kosten noch tragen? Diese Frage beantwortet die deutsche Politik bis heute nicht. Es spricht seit Beginn des Ukraine-Krieges alles dafür, dass in Deutschland eine rationale Abwägung der Kosten und Folgen der eigenen Politik durch ein moralisches Bekenntnis ersetzt wurde. Es gibt weder ein klar formuliertes Kriegsziel noch konkrete Ausstiegsbedingungen, es werden, ähnlich wie in der Migrationskrise 2015, auch keine Obergrenzen bei den Kosten festgesetzt. Faktisch heißt das: Weiter so, egal wie lange es dauert. Dazu kommt eine moralische Erhöhung, die Kritiker mit immer denselben Vorwürfen konfrontiert: „Wer zögert, unterstützt den Aggressor Putin“ oder „Frieden ohne Sieg ist Kapitulation.“ Das sind Dogmen und absolute Kategorien, keine strategischen. Sie schließen eine Folgenabwägung aus – ein klassisches Merkmal der Nibelungentreue, die keine Zweifel oder Kompromisse kennt. Soziale, wirtschaftliche und industrielle Schäden im Land werden als „zumutbar“ oder „sekundär“ behandelt, Kritiker dieser Politik gelten als „unsolidarisch“ oder „naiv.“
Merz hat sich, angesichts seiner innenpolitischen Probleme, seit seiner Wahl ganz der Außenpolitik verschrieben, und hier ist die Ukraine-Politik sein Steckenpferd geworden, das ihm seine eigene Wichtigkeit suggeriert. Im Frühjahr 2025 ließ er die Deutschen wissen: „Ich bereite mich mental darauf vor, dass der Krieg lange dauern wird. Ein Frieden zum Preis der Kapitulation der Ukraine kommt für mich nicht in Frage.“ Und im Bundestag sagte er noch im Dezember 2025: „Wir werden die Ukraine so lange unterstützen, wie es nötig ist.“ Diese Aussagen zeigen eine kompromisslose Unterstützung ohne erkennbare Grenzen für die zeitliche Dauer oder den Umfang der Hilfen. Die Wiederholung und Beharrlichkeit der unbedingten Solidarität erzeugen den Eindruck, dass Merz tatsächlich bereit ist, den eingeschlagenen Kurs über einen langen Zeitraum durchzuhalten, unabhängig davon, wie gravierend die Folgen für das eigene Land sind. Auch nach fast vier Jahren Ukraine-Krieg wird dieser Kurs politisch und medial konstant verteidigt, nicht als Notmaßnahme, sondern als dauerhafte Verpflichtung. Genau diese Kombination — unbegrenzte Dauer, unbedingte Entschlossenheit, Verzicht auf Kompromisse — entspricht dem Muster der „Nibelungentreue“. Aus den historischen Erfahrungen der verheerenden Konsequenzen einer solchen Politik wurde die „Nibelungentreue“ im 20. Jahrhundert zu einer negativen Maxime: eine Bündnis- und Prinzipientreue, auch dann, wenn die Lage längst aussichtslos oder selbstschädigend geworden ist. Die Ukraine-Politik Deutschlands, aber auch ganz Europas, weist hier Parallelen auf: eine stetige Eskalationslogik statt einer Exitstrategie, „Durchhalten“ als Selbstzweck, aber vor allem auch die Angst vor einem Gesichtsverlust. Denn Nachdenken wird als Schwäche interpretiert. Eine rationale Politik muss aber Interessen und Prinzipien abwägen. Denn wenn Prinzipien absolut gesetzt werden, wird Politik rein ideologisch. Die nun nach dem EU Gipfel beschlossene neuerliche finanzielle Unterstützung der Ukraine durch die Aufnahme von gigantischen Schulden könnte Deutschland im wahrsten Sinne des Wortes in den nächsten Jahren teuer zu stehen kommen.
