Kontrafunk aktuell vom 25. Februar 2026
Die vorübergehende Festnahme des britischen Ex-Spitzenpolitikers Peter Mandelson im Zuge der Epstein-Affäre wird zum Damoklesschwert über der Regierung. Informationen dazu liefert Korrespondentin Sabine Beppler-Spahl. Der Mord an einem Studenten in Frankreich durch Linksextremisten wird zum globalen Politikum. Petr Drulák, Tschechiens Ex-Botschafter in Paris, analysiert die Auswirkungen. Eine Initiative will die Gebühren für den öffentlichen Rundfunk in der Schweiz senken. Welche Rolle dabei die Jugend spielt, erläutert Leroy Bächtold vom Schweizer Team Freiheit. Und Thomas Hartung kommentiert den Versuch, die Gedenkstätte des KZ Buchenwald für Kritik an Israel zu missbrauchen.
Sabine Beppler-Spahl: Der Fall Peter Mandelson und seine Folgen
Petr Drulák: Frankreich steht unter Druck nach einem Mord
Leroy Bächtold: Wie viel Schweizer Fernsehen will die Jugend?
Thomas Hartung: Eine Gedenkstätte wird ins Gegenteil verkehrt
Wie schief sind die Maßstäbe eines Landes verrutscht, in dem ausgerechnet von links gegen eine KZ-Gedenkstätte demonstriert wird? Unter dem Motto „Kufiyas in Buchenwald“ ruft ein Bündnis „jüdischer, queerer und antifaschistischer Gruppen“ dazu auf, die Gedenkfeier zur Befreiung des Lagers im April mit palästinasolidarischen Aktionen zu „erobern“. Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Ein Ort, an dem deutsche Verbrechen an Juden, Sinti, Roma und politischen Gegnern dokumentiert werden, soll zur Kulisse für aktuelle Israel-Anklagen mutieren. Gedenken wird nicht respektiert, sondern „umgenutzt“. Auslöser war ein Vorfall, bei dem einer Besucherin mit Palästinensertuch der Zutritt verwehrt wurde. Die Gedenkstätte meint: Politisch aufgeladene Symbole haben in der offiziellen Zeremonie nichts zu suchen. Das Thüringer Oberverwaltungsgericht hat diese Linie ausdrücklich bestätigt. Die Gedenkstätte darf Besucher mit solchen Zeichen abweisen, um das würdige Gedenken zu schützen.
Genau das wird jetzt zum Skandal erklärt. Die Kampagne wirft Buchenwald „reaktionäre Gedenkpolitik“ und „Parteinahme für Israel“ vor. Man fabuliert vom „Völkermord in Gaza“, insinuiert, die Gedenkstätte stelle sich damit auf die Seite der Täter – und erklärt den Kampf gegen Zionismus plötzlich für „antifaschistisch“ und im Sinne Buchenwalds. Hier kippt etwas Grundsätzliches. Das „Nie wieder“ der deutschen Erinnerungspolitik wird umgedeutet in: „Nie wieder – aber nicht für diese Juden.“ Die Opfer von damals werden rhetorisch vereinnahmt, um die Juden von heute zu delegitimieren. Aus dem historischen KZ soll ein moralischer Kriegsschauplatz gegen Israel werden. Das ist kein Streit mehr um Symbolpolitik. Das ist regressiver Antifaschismus: Man versteht sich als Erbe des Widerstands – und steht faktisch Schulter an Schulter mit einer Bewegung, die den jüdischen Staat von der Landkarte tilgen will. Und wer sich dem am Ort Zehntausender Opfer entgegenstellt, wird als „ultradeutsch“ beschimpft, namentlich angegriffen, teilweise sogar gedoxxt.
Buchenwald versucht genau das zu tun, was man von einer Gedenkstätte erwartet: den Ort schützen, die Toten respektieren, das Gedenken nicht zur Demobühne für aktuelle Konflikte machen. Dafür wird die Leitung jetzt zum Feindbild erklärt – von Leuten, die sich Antifaschisten nennen und zugleich Parolen übernehmen, die längst nahtlos in antisemitische Hasskampagnen passen. Der neue Antifaschismus sieht überall Bühne, überall Kampfzone, überall moralische Pflicht zur Intervention. Er hält sich für besonders wachsam – und wird gerade dadurch besonders regressiv. Wer glaubt, das sei ein Einzelfall, muss nur auf die Berlinale blicken. Dort erlebten wir dasselbe Muster auf großer Bühne. Der preisgekrönte syrisch-palästinensische Filmemacher Abdallah Alkhatib nutzte die Ehrengala, um Israel als „Genozidregime“ zu verurteilen und der Bundesregierung vorzuwerfen, „Partner des Völkermords in Gaza zu sein“. Zuvor hatten Dutzende internationale Künstler, darunter Javier Bardem und Tilda Swinton, in einem offenen Brief das „Schweigen“ der Berlinale zum Gaza-Krieg kritisiert. Bundesumweltminister Carsten Schneider, der als einziger Vertreter der Bundesregierung bei der Gala anwesend war, verließ noch während Alkhatibs Rede aus Protest den Saal.
Buchenwald und Berlinale – zwei Orte, die in völlig unterschiedlichen Kontexten stehen, und doch eine gemeinsame Bewegung zeigen: die Entankerung der Juden aus der Erinnerung. Die Shoah wird zur abstrakten Chiffre, zur moralischen Universalwaffe. Wer in das eigene Weltbild passt, wird zum Opfer erklärt, wer stört, in die Nähe der Täter gerückt. Konservativ denken heißt hier: den Ort wieder ernst nehmen. Eine KZ-Gedenkstätte ist kein Marktplatz für eine beliebige, frei flottierende Moral. Sie ist ein Gedenkraum, in dem die Toten sich nicht mehr wehren können und die Lebenden nicht mit aktuellen Parolen in den Vordergrund drängen sollten. Und ein Filmfestival, das sich gern als moralisches Gewissen inszeniert, muss wissen, dass es nicht im luftleeren Raum agiert – schon gar nicht in Berlin. Die im Wortsinn konservative Pflicht wäre: nicht weniger, sondern ernstere Erinnerung. Buchenwald gegen seine Vereinnahmer verteidigen. Die Berlinale daran erinnern, dass Kritik an Israel etwas anderes ist als Völkermordrhetorik. Und klar zu sagen: Wer Antifaschismus benutzt, um den Judenhass von heute zu bemänteln, hat aus der Geschichte nichts gelernt – und sollte Buchenwald nicht „erobern“, sondern erst einmal besuchen.
