Kontrafunk aktuell vom 30. Dezember 2025
Donald Trump ist seit einem Jahr zurück im Weißen Haus – in einer Welt, die instabiler ist als je zuvor. Welche außen- und innenpolitischen Impulse hat Trump gesetzt? Wir fragen unseren US-Experten Roger Letsch. 2025 brachte neue militärische Eskalationen, Waffenruhen und internationale Friedensinitiativen im Konflikt zwischen Israel und der Hamas mit sich. Was ist davon geblieben, und was erwartet die Region 2026? Einschätzungen von dem deutsch-israelischen Rechtsanwalt Nathan Gelbart. In unserer Interviewreihe „Was ist konservativ?“ richten wir den Blick auf die Medien. Wer prägt öffentliche Wirklichkeit, und gibt es eine mediale Schieflage? Darüber diskutieren wir mit Roland Tichy. Und Im Kommentar widmet sich Norbert Bolz die Großraum- und Großmachtpolitik von China, Russland und den USA.
Roger Letsch: Trump 2.0 – die Bilanz eines knappen Jahres
Nathan Gelbart: 2025 – ein Schicksalsjahr für den Nahen Osten
Roland Tichy: Ein Blick auf konservative Medien
Norbert Bolz: Europa – der kränkelnde Kontinent
Gerade hat China ein militärisches Großmanöver rund um Taiwan gestartet. Russland führt nun schon fast seit vier Jahren einen harten Abnutzungskrieg gegen die Ukraine. Die USA drohen immer wieder mit Militärschlägen gegen die Infrastruktur Venezuelas und erneuern immer wieder ihre Ansprüche auf Grönland. All das sendet Schockwellen durch Europa. Bei Lichte betrachtet, handelt es sich hier um die kalte Realpolitik von Großräumen. Und darauf sind wir in Europa geistig nicht vorbereitet. Manchmal würde es helfen, die richtigen Bücher zu lesen, zum Beispiel Carl Schmitts Abhandlung aus dem Jahre 1939 über die „Völkerrechtliche Großraumordnung mit Interventionsverbot für raumfremde Mächte“. Dass niemand dieses erhellende Büchlein liest, hat einen einfachen Grund: Carl Schmitt war der „Kronjurist des Dritten Reiches“ und katholischer Antisemit. Das ist natürlich unappetitlich genug, aber es sollte uns nicht den Zugang zu wesentlichen Einsichten versperren.
Schmitt geht von der Monroe-Doktrin aus dem Jahre 1823 aus, in der das völkerrechtliche Großraumprinzip zum ersten Mal ausformuliert worden ist. Es hat drei Säulen: „Unabhängigkeit aller amerikanischen Staaten; Nichtkolonisation in diesem Raum; Nichtintervention außeramerikanischer Mächte in diesem Raum“. Diese Monroe-Doktrin bleibt für Carl Schmitt das Muster für Großraumpolitik bis zum heutigen Tag. Die Geopolitik wird damit den Imperativen der Weltwirtschaft noch vorgeordnet. Oder einfacher gesagt: Die eigenen Interessen des Landes stehen im Vordergrund. Wir kennen das von Donald Trumps Maga: „Make America Great Again“. Entsprechendes könnte Putin heute auch für Russland formulieren. Und China will erklärtermaßen zur wichtigsten Macht der Welt werden – an der neuen Seidenstraße wird schon gebaut.
Dagegen ist Europa in seinem politischen Moralismus erstarrt. Und dieser politische Moralismus produziert regelmäßig diplomatische Peinlichkeiten, wie wir sie vor allem von Frau Baerbocks „feministischer Außenpolitik“ und heute von Herrn Wadephul kennen. Die Unfähigkeit zu einer pragmatischen Diplomatie ist der Ausdruck eines naiven Liberalismus und Universalismus, der auf eine „One World“, also eine friedliche Weltgesellschaft hofft. Was einmal die große Stärke Europas war, nämlich die Fähigkeit zur Selbstkritik, dient heute nicht mehr der Selbsterhaltung, sondern ist in Masochismus umgeschlagen. Viele sprechen ja vom Selbstmord Europas und denken dabei an die islamische Massenmigration. Aber wir haben es mittlerweile auch mit einer bewussten Zerstörung der westlichen Kultur zu tun, die von den Bewohnern des akademischen Elfenbeinturms als „Dekonstruktion“ verklärt wird, doch im Klartext einfach Nihilismus heißt.
Doch nicht nur die links-grün-woken Abbruchunternehmer, sondern auch die liberalen Gutmeinenden der politisch-medialen Elite Europas leben in einer Blase der Weltfremdheit und Realitätsverweigerung – ganz und gar isoliert von der Bevölkerung und vom Rest der Welt. Sie glauben, mit Liberalismus, Kapitalismus und Demokratie am Ende der Geschichte angekommen zu sein, und der Rest der Welt müsse uns nur noch nachfolgen. Womit sie in ihrem Fortschrittsoptimismus nicht gerechnet haben, ist die Rache der Illiberalen – und zwar von innen und außen. Am spektakulärsten erleben wir das heute in Form der Wiederkehr von Religion als politischem Faktor. Wer sich in dieser neuen alten Welt zurechtfinden will, kann von Kant und seinem Projekt des ewigen Friedens kaum etwas lernen, wohl aber von Machiavelli.
