Kontrafunk Aktuell vom 4. Juni 2026
Wer ist verantwortlich für die Sprengung der Nord-Stream-Pipelines in der Ostsee? Der Journalist Dirk Pohlmann erklärt, wo er die Drahtzieher vermutet: Ein Gespräch über Interessen und falsche Fährten. BSW-Gründerin Sahra Wagenknecht hat die Brandmauer zur AfD als „völlig idiotisch“ bezeichnet. Über Wagenknechts Empfehlung für Expertenregierungen mit Blick auf die Landtagswahlen im September in Ostdeutschland spricht der Politikwissenschaftler Prof. Werner Patzelt. Die EU will mehr Abschiebungen durchsetzen und dazu auch „Rückführungszentren“ außerhalb der EU errichten. Über die Einigung zwischen Vertretern des EU-Parlaments und der Mitgliedsländer sprechen wir mit der EU-Abgeordneten Mary Khan von der AfD. Und David Berger kommentiert die 12 Euro Eintrittsgeld für den Kölner Dom.
Dirk Pohlmann: Erkenntnisse zur Sprengung der Nord-Stream-Pipelines
Werner Patzelt: Sahra Wagenknecht und die „Expertenregierung“
Mary Khan: EU-Rückführungszentren außerhalb der EU
David Berger: 12 Euro Eintritt im Kölner Dom
Wenn am heutigen Fronleichnamsfest die goldene Monstranz unter einem Baldachin durch die Straßen getragen wird, wenn Weihrauchwolken über alte Pflastersteine ziehen, Fahnen im Wind flattern und Blaskapellen feierlich aufspielen, dann zeigt sich katholisches Christentum in seiner sichtbarsten und prächtigsten Form. Es ist der vielleicht katholischste aller Tage, an dem die Kirche der ganzen Welt zeigen will, dass Christus wirklich real in der Hostie gegenwärtig ist. Die Prozessionen mit ihren festlich geschmückten Altären, den Blumenbildern und den betenden Gläubigen erinnern an eine Zeit, in der der Glaube noch das öffentliche Leben prägte und nicht als private Freizeitbeschäftigung betrachtet wurde. Dass dieses Fest überhaupt entstanden ist, verdankt die Kirche in besonderer Weise dem „heiligen Köln“. Vor allem aber war es der Kölner Erzbischof Konrad von Hochstaden, der nicht nur 1248 den Grundstein zum Kölner Dom legte, sondern die von den Römern gegründete Stadt am Rhein sehr früh zu einem Zentrum der Fronleichnamsfrömmigkeit machte. Die Stadt der Heiligen Drei Könige, der zahllosen Kirchen und Reliquien galt über Jahrhunderte als das „heilige Köln“, als eine Hochburg katholischer Kultur und Glaubenskraft.
Umso befremdlicher wirkt die Nachricht, die kurz vor Fronleichnam die Runde machte: Der Kölner Dom soll ab Juli 2026 für Besucher 12 Euro Eintritt kosten. 12 Euro, um Deutschlands bedeutendste Kathedrale zu betreten. 12 Euro für den Zugang zu jenem Bauwerk, das über Jahrhunderte als steingewordenes Glaubensbekenntnis errichtet wurde. Dass katholische Kirchen im Unterschied zu evangelischen Gotteshäusern auch außerhalb der Gottesdienstzeiten frei zugänglich sind, hängt übrigens mit dem Dogma zusammen, dass die Katholiken an Fronleichnam feiern und auf das das Ewige Licht neben dem Tabernakel hinweist: dass Christus in der konsekrierten Hostie immer real gegenwärtig ist. Und das auch außerhalb der Gottesdienste. Natürlich kostet der Erhalt des Doms Geld. Das ist nichts Neues, sondern seit Jahrhunderten so. Doch die eigentliche Frage lautet nicht, ob Kosten entstehen. Die eigentliche Frage lautet, welches Selbstverständnis hinter dieser Entscheidung steht. Die Verantwortlichen betonen, das Gebet bleibe kostenlos, nur der touristische Besuch werde künftig bezahlt. Formal mag das stimmen. Tatsächlich aber sendet die Maßnahme ein fatales Signal. Der Dom erscheint immer weniger als Haus Gottes und immer mehr als kulturelle Sehenswürdigkeit mit angeschlossener religiöser Nutzung in einer abgelegenen Seitenkapelle. Aus der Kathedrale wird schleichend ein Museum mit Gottesdienstbetrieb.
Wer die Entwicklung der vergangenen Jahre beobachtet hat, erkennt darin kein isoliertes Ereignis. Während der Corona-Zeit blieb auch der Kölner Dom selbst an den höchsten Feiertagen des Kirchenjahres verschlossen. Gleichzeitig wurde dieser Dom wieder zugänglich gemacht, um ihn als Corona-Impfstraße zu missbrauchen – eine für Gläubige schmerzhafte, ja manchen sogar blasphemisch anmutende Verschiebung der Prioritäten. Vor diesem Hintergrund wirkt die Einführung eines Eintrittsgeldes wie ein weiteres Kapitel derselben Geschichte. Verwaltung vor Verkündigung. Betrieb vor Anbetung. Wirtschaftliche Logik vor geistlicher Sendung. Besonders schwer nachvollziehbar erscheint dies angesichts der Tatsache, dass das Erzbistum Köln zu den reichsten Diözesen der gesamten Welt zählt. Auch wenn der Dom nicht direkt dem Erzbistum gehört, dürfte sich mancher fragen, ob tatsächlich ausgerechnet 12 Euro pro Besucher notwendig sind. Oder ob hier nicht vielmehr ein Denken sichtbar wird, das die Kirche zunehmend als eine Art NGO mit eigener Steuer, der Kirchensteuer, versteht. Der Kölner Dom wurde nicht errichtet, damit Touristen Eintrittskarten erwerben. Er wurde gebaut, damit Menschen beten, Gott begegnen und die Gegenwart Christi in der Eucharistie verehren können. Seine gewaltigen Türme sollten zum Himmel weisen, nicht auf eine Kasse am Eingang.
Der Streit um 12 Euro ist deshalb weit mehr als eine Debatte über Finanzen. Er berührt die Frage nach dem Wesen der Kirche selbst. Ist der Dom in erster Linie ein Heiligtum oder ein Baudenkmal? Ist er ein Ort der Gegenwart Gottes oder eine touristische Attraktion mit religiösem Hintergrundprogramm? Das „heilige Köln“ war einst ein Symbol lebendigen katholischen Glaubens. Wenn nun ausgerechnet dort der Zugang zur berühmtesten Kirche Deutschlands mit einem Eintrittspreis versehen wird, dann ist dies für viele Gläubige mehr als eine Verwaltungsentscheidung. Es ist ein Symbol. Ein Symbol für die fortschreitende Verwandlung des Hauses Gottes in einen Wirtschaftsbetrieb. Und man muss kein Prophet sein, um zu erkennen: Wo eine Kathedrale primär als Sehenswürdigkeit verwaltet wird, ist der Weg zur vollständigen Säkularisierung nicht mehr weit. Die Niederlande zeigen seit Jahren, wohin diese Entwicklung führen kann – zu Kirchen, die heute Nachtclubs, Supermärkte oder Veranstaltungshallen sind. Noch ist der Kölner Dom davon weit entfernt. Aber wer die Zeichen der Zeit lesen will, sollte sich fragen, ob die 12 Euro tatsächlich nur ein Eintrittspreis sind – oder nicht vielmehr ein Eintrittsgeld in eine Zukunft, die nicht nur gläubige Christen zu Recht mit Sorge betrachten.

