Kontrafunk aktuell vom 06. November 2025
In Deutschland wurde der islamistische Verein „Muslim Interaktiv“ verboten, dessen Mitglieder bei Kundgebungen das Kalifat forderten. Über die Hintergründe spricht die Publizistin Sigrid Herrmann. Wie es mit der Umsetzung von Donald Trumps Friedensplan für den Nahen Osten läuft und welche Bedeutung die Festnahme der obersten israelischen Militärjuristin Tomer-Yerushalmi hat, analysiert unser Korrespondent in Israel, Pierre Heumann. Roger Letsch kommentiert die Wahl von Zohran Mamdani, dem ersten muslimischen Bürgermeister von New York. In Serbien hat Präsident Vucic nach einjährigen Massenprotesten Neuwahlen in Aussicht gestellt, worüber Politikwissenschaftler Dušan Dostanić berichtet.
Sigrid Herrmann: Verbot von „Muslim Interaktiv“
Pierre Heumann: Lage im Nahen Osten
Dušan Dostanić: Neuwahlen in Serbien?
Kommentar Roger Letsch: Bürgermeisterwahl in New York
Die weltweite Hauptstadt des Kapitalismus hat einen neuen Bürgermeister. New York City hat gewählt und Zohran Kwame Mamdani konnte sich klar und mit absoluter Mehrheit gegen Andrew Cuomo durchsetzen. Frank Sinatras „if you can make it there, you can make it anywhere“ kommt der begeisterten deutschen Presse in den Sinn, und oberflächlich betrachtet erfüllt Mamdani alle Voraussetzungen: 1991 in Uganda geboren, Muslim, Sohn von Eltern indischer Abstammung, der erst in Südafrika lebte und 1999 nach New York gezogen war. Die amerikanische Staatsbürgerschaft hat er erst seit 2018. Noch tiefer sollte man nicht graben, sonst findet man Privilegien: Der Vater ist College-Professor für postkoloniale Studien und die Mutter eine sehr bekannte Filmregisseurin, beide stammen aus den oberen Sphären des indischen Kastensystems. Dank ökonomischer Unabhängigkeit hatte Zohran viel Muße zur Selbstfindung, und wäre er als Rapper „Mister Cardamom“ erfolgreicher gewesen, gäbe es heute wohl einen anderen Bürgermeister in „Big Apple“.
Sein Redetalent ermöglichte ihm, auf der Ebene in die Politik einzusteigen, die heute den schnellsten Erfolg verspricht: zielgruppenorientierter, hemmungslos verlogener Populismus! TikTok-affin mit perfekt sitzenden Anzügen und Colgate-Lächeln kann Mamdani vor jede Wählergruppe treten und ihnen das Blaue vom Himmel versprechen. Er kann Reis mit Fingern und Burritos mit Messer und Gabel essen, und je nach Publikum verfängt das. Wer sagt denn, dass alle Wähler, die ihr Kreuz an derselben Stelle machen, auch dasselbe wollen? Was New York so wie viele urbane Zentren auf keinen Fall will, sind Republikaner. Deren Bewerber Curtis Sliwa stand von Anfang an auf verlorenem Posten, weshalb die Vorwahl bei den Demokraten auch die eigentliche Entscheidung brachte. Dort setzte sich Mamdani bekanntlich klar gegen seinen Mitbewerber Cuomo durch, der als ehemaliger Gouverneur des Staates New York jede Menge der unbeliebten und teils tödlichen Corona-Maßnahmen in der Stadt zu verantworten hatte. Als unabhängiger Kandidat brachte Cuomo thematisch einfach nichts zustande. Die Drohung vor den Konsequenzen der Wahl des extrem weit linksstehenden Mamdani reichte einfach nicht aus.
Die Demokraten erscheinen seit der Wahl Trumps thematisch verwirrt und haben sich fast widerstandslos ihrem sozialistischen Flügel um Bernie Sanders, AOC und nun auch Mamdani ergeben. Doch die Begeisterung des Establishments hält sich in Grenzen und die Gouverneurin des Staates New York hat bereits klargemacht, dass die meisten von Mamdanis Wahlversprechen an seiner mangelnden Zuständigkeit scheitern werden. Die Busse der Stadt will er nicht nur kostenlos, sondern auch schneller machen. Doch weder hat er das Geld dazu, noch kann er dem Verkehr in Manhattan befehlen, schneller zu fließen. Er will die Miete für sogenannte „rent stabilized homes“ einfrieren, dabei stöhnen die Vermieter heute schon über hohe Instandhaltungskosten und geringe Erlöse. Die einzigen Steuern, die Mamdani erhöhen könnte, sind die Grundsteuern, was Mieten und Bauen zusätzlich verteuern würde. Mindestlohn verdoppeln, kostenlose Kinderbetreuung, 200.000 neue Wohnungen bauen, staatlich betriebene Supermärkte…Geschenke, Geschenke, Geschenke! Doch wer wählt sowas, wenn doch allen klar sein sollte, dass am Ende irgendjemand die Party bezahlen muss? Jedenfalls nicht die jüdischen Stadtviertel in Brooklyn, wo man Mamdani wegen seiner antikapitalistischen Ideen und Djihad-Fantasien ablehnt. Auch nicht die Einwohner von Staten Island, dem Wahlbezirk, in dem die New Yorker Arbeiterklasse noch am ehesten halbwegs bezahlbaren Wohnraum findet. Dort hatte letztlich Cuomo die Nase vorn.
Mamdanis Sieg stützt sich auf die zahlreichen Muslime und das superprogressive akademische Prekariat der Stadt. Die einen bekommen arabische Werbespots und werden als eigentliche Opfer des Terrors vom 11. September 2001 angesprochen – Stichwort Islamophobie. Die anderen hoffen auf schicke neue Wohnungen und Jobs in staatlich gelenkten Sozialprogrammen. Hauptsache, mehr Staat! Doch Präsident Trump hat angekündigt, an Bundesmitteln nur noch das Nötigste nach New York zu überweisen, und Florida und Texas stöhnen bereits jetzt unter dem erwartbaren Zuzug wohlhabender New Yorker, die sich das leisten können und vor den sozialistischen Versprechen des neuen Bürgermeisters fliehen. Wird Zohran Mamdani New York also auf links drehen, oder wird er – statt sich auf die Erfüllung seiner Wahlkampfversprechen zu konzentrieren – mit der Macht zufrieden sein? Das werden wir recht schnell wissen, gerade was seine Pläne für die Sicherheit der Stadt anbelangt. Die Nagelprobe könnte sein, ob Mamdani die Kriminalität in der Stadt mit Polizisten oder mit Sozialarbeitern in den Griff bekommen will.
