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    Montag, 5. Februar 2024, 5:05 Uhr
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    (Wdh.06:05, 07:05, 09:05, 12:05, 13:05, 18:05)

    Kontrafunk aktuell vom 5. Februar 2024

    Andreas Peter im Gespräch mit Susanne Heger, Wolfgang Wodarg und Ulrich Heyden – Kontrafunk-Kommentar: Uwe Jochum

    Andreas Peter spricht mit unserer USA-Korrespondentin Susanne Heger über einen Streit zwischen der US-Regierung und der Regierung des Bundesstaates Texas über den Kontrollverlust an der Grenze zu Mexiko. Mit dem in Russland lebenden und arbeitenden Journalisten Ulrich Heyden reden wir über dessen Buch „Mein Weg nach Russland. Erinnerungen eines Reporters“ und die aktuelle Lage im größten Flächenstaat der Erde. Der Mediziner Dr. Wolfgang Wodarg berichtet über besonders perfide Formen von Korruption mithilfe von vermeintlich unabhängigen Nichtregierungsorganisationen. Und Uwe Jochum hat für seinen Kommentar über das deutsche Politiktheater Kleists berühmtes Stück „Der zerbrochene Krug“ auf den neuesten Stand gebracht.

    Interview 1

    Streit zwischen Texas und Biden um die Grenze zu Mexiko

    Interview 2

    Wie ist die Lage in Russland?

    Interview 3

    Korruption über Nichtregierungsorganisationen

    Kommentar

    Der zerbrochene Krug

    Wo sind wir, wenn der Bundeskanzler sich an nichts mehr erinnern kann? Wo sind wir, wenn der Regierende Bürgermeister von Berlin eine Affäre mit der Bildungssenatorin hat? Wo sind wir, wenn die Außenministerin den Elefanten im diplomatischen Porzellanladen gibt und im Ausland mit Geld um sich wirft wie mit kölschen Kamellen? Wo sind wir, wenn der Wirtschaftsminister eine ganz spezielle Clanpolitik betreibt? Und endlich: Wo sind wir, wenn der Finanzminister das Regierungsgetue irgendwie „im Haushalt darstellen“ kann? – und zwar „mit Mitteln“, wie er einmal bekundet hat?

    Nun, wir sind in einem Lustspiel. In dem Lustspiel schauen wir auf ein Dorf, in dem ein kahlköpfiger Dorfrichter seine Fäden zieht und alles und alle so manipuliert, dass er dabei seinen Schnitt macht. Die Macht, die er haben will, verschafft er sich durch willkürliche Auslegung der Gesetze; das Geld, das er haben will, verschafft er sich durch kreative Kassenführung; und weil er eitel ist, will er auch Frauen haben und meint, er könne sich Frauen durch Macht und Geld verschaffen. Aber auch im Falle unseres Lustspiels geht der Krug nur so lange zum Brunnen, bis er bricht und ein Gerichtsrat erscheint, der die Amtsführung unseres Richters überprüfen soll. Das geht nicht gut aus für den Kahlkopf. Denn in dem Moment, da er damit konfrontiert wird, sein manipulatives Tun und Treiben während einer Verhandlung öffentlich zu tun und zu treiben, kommt an den Tag, dass er nur eines kann: schmeicheln und drohen. Dass es Gesetze gibt, die auch ihn als Amtsträger binden, war ihm schnurzegal; und über ein moralisches Empfinden, das seinem Tun und Treiben Einhalt gebieten würde, verfügt er nicht. Und so kommt allmählich an den Tag: Der Mann hat in dem Amt, das er bekleidet, nichts zu suchen.

    Ein Lustspiel ist das alles aus zwei Gründen. Zum ersten sehen wir ihn auf der Bühne, wie er sich dreht und windet, um seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Und je länger wir ihm zusehen, desto mehr häuft er Ausreden auf Ausreden und Lügen auf Lügen, bis er selber nicht mehr durchfindet und das Lügennetz reißt. Das ist amüsant, weil der Kahlkopf auf der Bühne immer mehr ins Schwitzen kommt, das Publikum im Parkett aber immer mehr Zusammenhänge erkennt. Es ist dieses rasch wachsende Missverhältnis zwischen den Lügen dort oben auf der Bühne und der Wahrheit hier unten im Parkett, das uns zum Lachen bringt. Was wir in diesem Lachen erfahren, ist so etwas wie die Selbstbefreiung der Wahrheit, die immer und stets sie selber ist, während der Lügner hinkend durchs Leben muss. Zum zweiten aber ist das Stück ein Lustspiel, weil es gut ausgeht. Am Ende ist die Welt wieder eingerenkt, der Bösewicht und Lügner wird bestraft, die Liebenden dürfen sich küssen und heiraten, und das Publikum darf zufrieden nach Hause gehen. Und auf dem Nachhauseweg darf der Bürger und Staatsbürger darüber nachdenken, wie man die Sache von der Bühne herunter ins reale Leben bekommt und dort dafür sorgt, dass die Manipulationen des kahlköpfigen Richters entlarvt, der von ihm verursachte Schaden behoben und Recht und Gesetz erneuert werden.

    Die aufmerksamen Hörer wissen natürlich längst, dass hier von Heinrich von Kleists Lustspiel „Der zerbrochene Krug“ die Rede ist. Und sie werden auch längst eingewendet haben, dass ein Lustspiel ein Lustspiel sei und nicht mit der Realität verwechselt werden dürfe. Ich möchte dagegenhalten und sagen: Jedes Stück, das etwas taugt, taugt deshalb, weil es uns ein Modell vor Augen führt, anhand dessen wir die Welt und unser eigenes Tun in der Welt erkennen können. Es ist es ja eine ganz besondere Pointe dieses Lustspiels, dass es in kaltem Realismus davon ausgeht, dass die Gesetze keine Kraft durch sich selbst haben und die Akteure keine interesselosen Engel sind. Vielmehr geht es auf der Bühne bunt durcheinander, man fällt sich ins Wort, man versteckt seine Absichten, man schmeichelt und droht und wird handgreiflich. Ganz wie im richtigen Leben.

    Und ganz wie im richtigen Leben ist das Stück nicht in dem Moment aus, da die Machenschaften des Dorfrichters ans Licht kommen, sondern erst in dem Moment, da der Schritt von der Aufdeckung der Machenschaften zur Gewalt droht und der korrupte Amtsinhaber sein Heil in der Flucht suchen muss. Dieser Moment ist der Moment der Frauen, in unserem Stück der Moment der Eve, die ihrem Verlobten zuruft: Geh, wirf den korrupten Richter vom Tribunal herunter. Das ist der Moment, da das Ehrgefühl der Männer greift: Sie stellen sich vor die bedrohten und betrogenen Frauen, und vor dieser doppelten Kraft aus aufgewühlter Moral und körperlicher Gewalt muss die Lüge fliehen.

    Das ist unsere Lage.