Kontrafunk aktuell vom 8. Mai 2026
In Deutschland sitzen Corona-kritische Ärzte weiterhin im Gefängnis. Rechtsanwalt Wilfried Schmitz stellt den Fall Bianca Witzschel sowie weitere mögliche Verfahren vor und erörtert die Frage nach einer späteren Amnestie. In Rumänien ist die Regierung Ilie Bolojan durch ein Misstrauensvotum gestürzt worden. Osteuropa-Experte Boris Kálnoky analysiert die politische Krise, die Rolle der sogenannten Brandmauer und die Stabilität des Landes. Belgien plant die Verstaatlichung seiner Kernkraftwerke. Der Physiker und Energieexperte Dr. André Wakker erklärt, warum das Land seinen Atomausstieg korrigiert, welche Risiken die Problemreaktoren bergen und wie abhängig Europa von Uranimporten ist. In seinem Kommentar beschäftigt sich Burkhard Müller-Ullrich mit dem österreichischen Pavillon auf der Biennale di Venezia.
Wilfried Schmitz: Corona-kritische Ärztin in Haft
Boris Kálnoky: Regierungskrise in Rumänien
André Wakker: Belgien verstaatlicht Kernkraft
Burkhard Müller-Ullrich: Österreich-Pavillon auf der Biennale
Die schreckliche Florentina Holzinger hat es wieder geschafft. Wieder einmal schockt sie die Öffentlichkeit mit einer Kunstperformance, die Schlagzeilen macht. Und wieder einmal geht das Kalkül auf: Entrüstung ist gleich Ruhm ist gleich Geld. Die Reaktion der Reaktionären ist in dieser Rechnung als Konstante eingepreist. Seit Peter Handkes Publikumsbeschimpfung ist darauf Verlass: das Sich-Ereifern konservativer Kreise, das Deklamieren ihres muffigen Kunstbegriffs. Andererseits hat auch die Provokation als solche längst etwas Muffiges. Die Präsentation von Ausscheidungen bringt Kunstkenner zum Gähnen: „Merda d’artista“ von Piero Manzoni, 1961 in Dosen abgefüllt, „Piss Christ“ von Andres Serrano, 1987 weltweit skandalisiert und gerade dadurch sakralisiert, sowie die tausendfältigen Darbietungen von Kacke und Kotze auf Theaterbühnen sind allesamt Zeugnisse eines entsetzlichen künstlerischen Vakuums.
Man könnte es dabei belassen, das zu konstatieren. Aber nein, das bürgerliche Bewusstsein bäumt sich wieder einmal auf. Es fordert Verbot und Entzug öffentlicher Mittel. Die Sache mit den Finanzen ist allerdings auch nicht neu. Früher hieß es von links: Der bourgeoise Opernbetrieb kostet so viel Geld, was hat die Arbeiterklasse davon? Jetzt kommt die Umkehrung von rechts, und die lautet: Das Geld für diesen Biennale-Quatsch würde an anderer Stelle dringender gebraucht. Aber wo?, muss man dann fragen angesichts der gigantischen Ausgaben eines sowieso dysfunktionalen Staats. Solche Finanzvergleiche führen jedoch zwangsläufig ins Abseits. So wie früher einfältige Naturen Militärausgaben gegen Kindergartenplätze aufgerechnet haben, so ist die Entgegensetzung von vitalen Bedürfnissen und kulturellem Überschuss ein geistiges Armutszeugnis. Denn selbstverständlich gibt es immer etwas Dringenderes und Wichtigeres, wenn es um die Verwendung öffentlicher Finanzen geht. Sollte man überhaupt noch Geld für Straßenbau ausgeben, solange die Krankenversicherung nicht kostenlos für alle ist? Und wäre es nicht besser, in die Schulen zu investieren statt in die Polizei?
Die nächste Stufe nach solchen Milchmädchenargumenten ist dann die Herabwertung einzelner Kunstwerke. Wieso ist ein Picasso so teuer? Hat er für das Gekritzel so lange gebraucht? Noch schlimmer: ein einfarbiges Bild, auf dem man nichts sieht. Da ist doch jeder Verkaufspreis eine Frechheit. All diese faden Diskussionen kochen gerade wieder hoch, weil Florentina Holzinger auf der Kunstbiennale von Venedig in einem Becken voller Urin schwimmt, der angeblich in den benachbarten Besucher-WCs gesammelt wird. Angeblich bedeutet hier: Es ist nicht sicher, ob das so stimmt. Darauf kommt es aber gar nicht an. Denn wie bei einem Bild, auf dem man nichts sieht, hat die Künstlerin ein Konzept verkauft. In diesem Fall eines, das bereits Furore machte, bevor irgendjemand den österreichischen Biennale-Pavillon mit dem Pipitank zu Gesicht bekam. Zweifellos ist es ein starkes Konzept. Die Vorstellung, nackte Frauen in Pisse planschen zu sehen, hat etwas Hypnotisches, sonst wären nicht landauf, landab die Medien mit abscheusatten Berichten eingestiegen. Dabei ist der Abscheu oft so erkennbar bigott wie die klassische Schlagzeile eines Boulevardblatts: „Solche Bilder wollen wir nie wieder sehen“ – natürlich direkt neben dem Abdruck besagter Bilder.
Doch während die Mainstreampresse mit ihrer Ekelpose nur den Voyeurismus bedient, versuchen manche Anti-Mainstream-Medien auch noch politische Empörung hochzukochen: Holzingers Darbietung sei nicht bloß Steuergeldverschwendung, sondern Ausdruck eines komplett versifften Kulturbetriebs. Letzteres mag sogar zutreffen, wenn mit „versifft“ korrupt, opak und pervers gemeint ist. Doch öffentliches Nacktbaden in Harn ist es gerade nicht. Das ist vielmehr ein ziemlich authentischer Aufreger, also genau das, was Kunst sein und leisten kann. Und natürlich ist die Biennale genau der richtige Ort dafür: ein nationalstaatlich getünchtes Event der Anywhere-Schickeria, wo es noch Länderpavillons gibt, die in einen ästhetischen Wettbewerb zueinander treten. So war es jedenfalls gedacht. Dass diese grundsätzliche teure und meistens fade Veranstaltung dieses Jahr von einem Skandal erschüttert wurde, lag nicht an Holzinger, sondern an der totalitären Politisierung durch Kunstfunktionäre, die Kampagne gegen Russland und Israel machen und diese Länder von der seit 131 Jahren bestehenden Tradition der Preisverleihung ausschließen wollten. Ein zweiter Skandal aber ist die Renaissance jenes spießigen Banausentums, das sich im Ressentiment gegen das Kopfkino einer Aktionskünstlerin manifestiert.
