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    Freitag, 12. Juli 2024, 5:05 Uhr
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    (Wdh.06:05, 07:05, 09:05, 12:05, 13:05, 18:05)

    Kontrafunk aktuell vom 12. Juli 2024

    Benjamin Gollme im Gespräch mit Paul Ingendaay, Laleh Hadjimohamadvali und Harald Kujat – Kontrafunk-Kommentar: Roger Letsch

    Die Nato ist im 75. Jahr ihres Bestehens aktiv wie lange nicht mehr und verlangt auch von Deutschland mehr Engagement. Unser Gast zu Zeitenwende und Abschreckung ist Harald Kujat, General a. D. der Bundeswehr. Mit der gebürtigen Iranerin Laleh Hadjimohamadvali sprechen wir über die Präsidentschaftswahl im Iran sowie über die Menschenrechtssituation im Land. Auf das EM-Finale bereiten wir uns mit dem Schriftsteller und Fußballfan Paul Ingendaay vor, und Roger Letsch kommentiert das europäische Trägerraketenprojekt Ariane 6.

    Interview 1

    Nato-Gipfel

    Interview 2

    EM-Endspiel

    Interview 3

    Iran nach der Wahl

    Kommentar

    Verliebt in Ariane 6

    Am ersten Weihnachtstag 2021 trug eine Ariane-5-Rakete das James-Webb-Teleskop ins All. Es war einer der letzten Starts dieses Typs Trägerrakete der ESA, dem europäischen Gegenstück der Nasa, und mit Sicherheit der Start mit dem höchsten Prestige. Eines der ambitioniertesten wissenschaftlichen Projekte der Menschheit lief wie am Schnürchen, alles passte und die Europäer hatten ihren Anteil. Leider sind solche technologischen Meilensteine ganz ohne ideologischen Beigeschmack selten geworden. Eine Weile stand die ESA dann ohne eigene Rakete da, denn die Ariane 5 war zu teuer, die Entwicklung der kleineren Vega von Pannen begleitet, und die Ariane 6 lag zeitlich zurück. Schon für 2020 war der erste Start geplant, der sich um ganze vier Jahre verzögerte. Erst in dieser Woche, am 9. Juli 2024, hob die erste Ariane 6 ab. Die ESA – so hieß es in vielen Medien – melde sich zurück im Geschäft der Nutzlasten und Satelliten. Endlich sei man wieder unabhängig von fremden Mächten und müsse keine politischen Instabilitäten mehr fürchten, weil man nicht mehr auf die Hilfe Russlands oder der USA angewiesen sei, um Technik in eine Erdumlaufbahn zu schaffen. Leider ist das nur ein Teil der Wahrheit, denn Ariane 6 kommt mehr als zehn Jahre zu spät: Das Konzept war schon überholt, als die Entwicklung im Jahr 2015 begann. Schließlich startete und vor allem landete die erste Falcon 9 von SpaceX bereits im Dezember 2015 erfolgreich und beendete faktisch das Zeitalter der Wegwerfraketen. Die Ariane 6 kann – wie ihre Vorgängerin – nur einmal verwendet werden, was sich erheblich auf die Kosten pro Start und pro Kilo Nutzlast auswirkt. 

    Der Vorsprung von SpaceX ist sogar noch eklatanter, wenn man bedenkt, dass die ESA in Guayana den Vorteil der Äquatornähe hat, was beim Start zusätzlichen Schwung gibt. Der Nachteil: viel Regen, extreme Luftfeuchtigkeit und hoher Logistikaufwand im Vergleich zum trockenen und gut erreichbaren Boca Chica in Texas. Betrachtet man als staatlicher Akteur die Raumfahrt vorwiegend durch die Prestigebrille und kann mit voller Kelle das Geld der Steuerzahler verteilen, ist Wiederverwendbarkeit keine große Sache. Die Apollo-Missionen vor einem halben Jahrhundert sollten die Amerikaner vor den Russen zum Mond bringen, nichts weiter. Von der Saturn-5-Mondrakete wurden ganze fünfzehn gebaut, nur dreizehn verwendet. Man war gekommen, etwas zu beweisen, nicht, um zu bleiben. Die Raumfahrt von heute ist anders. Sie ist ein Geschäft, in dem es um Frachtraten, Startfrequenz, Infrastruktur und Versicherungsprämien geht und wo Trägersysteme miteinander im Wettbewerb stehen wie Billigflieger zwischen Berlin und Mallorca. Und welch ein Glück für die Flugpreise, dass die Airlines sich nicht in staatlicher Hand befinden! Wie es aussieht, wenn staatliche Organisationen sich an der Wiederverwendbarkeit versuchen, konnte man am Beispiel des Space-Shuttle der Nasa gut sehen: 1,5 Milliarden Dollar kostete jeder Start.

    Was die Kosten pro Kilo Nutzlast angeht, hat Ariane 6 Boden zu SpaceX gutgemacht, reicht aber an die Falcon Heavy nicht heran, die für die Hälfte der Kosten dreimal so viel tragen kann. Für 2700 Dollar schafft es SpaceX derzeit, ein Kilo Nutzlast in eine geostationäre Umlaufbahn zu bringen. Wenn in einigen Jahren das deutlich größere Starship verfügbar ist, könnte der Preis auf unter 20 Dollar pro Kilo fallen. Das wäre ein Sprung, den man mit den Kosten für ein Buch vergleichen könnte: nämlich vor und nach der Erfindung des Buchdrucks. Und der Sprung wird in Texas gemacht, leider nicht in Paris oder Bremen.

    Die 2000er-Jahre waren bislang mit bis zu 35 Prozent der weltweiten Starts die beste Zeit für Arianespace. Seit Elon Musk auftauchte, sinken die Marktanteile kontinuierlich. Heute dominiert SpaceX den Markt zu fast 90 Prozent, und Ariane 6, mit der man bis in die 2030er-Jahre fliegen will, wird daran wenig ändern. Allerdings werden ESA und Arianespace genug zu tun haben, denn welcher staatliche Akteur in Europa geht mit seinem Weltraumprojekt schon zu SpaceX, wenn man zahlendes Mitglied der ESA ist! Und natürlich gibt es da noch jene Kunden, die niemals Geschäfte mit diesem Elon machen würden. Übrigens: Da Jeff Bezos mit seinen eigenen Raketenträumen nicht so recht vorankommt, ist ihm die Ariane 6 gerade recht: Mehr als die Hälfte aller bisher verkauften dreißig Starts gehen an Amazon und deren geplanten Starlink-Clone namens Kuiper. Die ESA ist beim Hinterherrennen also nicht allein. Der Nachfolger der verspäteten Ariane 6, diesmal ein wiederverwendbares System namens Themis nach Vorbild der Falcon 9, liegt heute schon drei Jahre hinter dem Plan, Einsatzdatum unbekannt. Wir wollen aber die europäische Raumfahrt auch nicht allzu schlechtreden. Immerhin wurde das James-Webb-Teleskop (JWST) mit einer Ariane ins All geschickt. Allerdings hatte SpaceX im Jahr 2003, als der Vertrag zwischen Arianespace und Nasa zum Transport des JWST abgeschlossen wurde, noch keinen einzigen erfolgreichen Start vorzuweisen. Im letzten Jahr waren es 61; 90 Prozent aller weltweiten Starts.