Kontrafunk aktuell vom 19. März 2026
Geopolitische Spannungen im Nahen Osten lenken den Blick auf Energiepreise, doch eine oft übersehene Entwicklung könnte gravierender sein: die weltweite Verfügbarkeit von Düngemitteln. Welche Folgen dies für Landwirtschaft und Ernährung hat, erläutert Stefan Frank. Die Neutralität der Schweiz steht auf dem Prüfstand: Keine US-Überflüge, aber EU-Sanktionen gegen Russland. Wie passt das zusammen? Einschätzungen von SVP-Nationalrat Franz Grüter. Ein Urteil gegen Correctiv untersagt zentrale Aussagen zur Potsdam-Recherche. Was dies für den Journalismus bedeutet, analysiert Klaus-Rüdiger Mai. Und im Kommentar macht sich Thomas Hartung Gedanken zur Leipziger Buchmesse.
Stefan Frank: Düngemittelkrise durch den Iran-Krieg
Franz Grüter: Schweiz untersagt dem US-Militär Überflüge
Klaus-Rüdiger Mai: Was von der „Masterplan“-Erzählung von Correctiv übrig ist
Thomas Hartung: Leizpig feiert das Hochamt des Buches
Am Wochenende ist Leipzig wieder, was es im Selbstbild gern immer ist: die Stadt des Buches. Buchmesse – und damit das jährliche Hochamt einer Kultur, die Deutschland einmal zur Lesenation gemacht hat: nicht als Freizeitbeschäftigung, sondern als Form von Bildung, Urteilskraft, innerer Freiheit. Und während sich in den Messehallen die Neuerscheinungen stapeln, Autoren auftreten und Verlage um Aufmerksamkeit werben, passiert in unmittelbarer Nähe etwas, das man nur mit einem Wort beschreiben kann: Entkernung. Denn die Deutsche Nationalbibliothek in Leipzig – das Stammhaus, gegründet 1912 – bekommt keinen Erweiterungsbau. Das klingt nach Verwaltungsdetail. In Wahrheit ist es eine kulturpolitische Richtungsmarke. Und man muss es beim Namen nennen: Gestoppt wurde der 100-Millionen-Bau politisch – von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer. Das ist kein Naturereignis, kein „leider kein Geld“, sondern eine Entscheidung mit Folgen, die er, nach tagelangen Protesten auch aus den eigenen Reihen, jetzt schnell zum „Moratorium“ umdeutete.
Eine Nationalbibliothek ist aber kein Eventort, kein Museum, das man bei Bedarf bespielt. Sie ist das Gedächtnis einer Nation. Und Gedächtnis braucht Platz – nicht in Sonntagsreden, sondern in Regalkilometern, Brandschutz, dauerhafter Zugänglichkeit und – in der schlichten Mathematik der Pflichtablieferung. Jährlich kommen 1,2 Millionen neue Titel allein analog hinzu. Wer da „nicht bauen“ beschließt, beschließt nicht Neutralität, sondern Verschiebung: Die Last wird unsichtbar verlagert – ins Digitale und nach Frankfurt. Weimers Begründung ist bequem modern: Digitalisierung statt Magazinbau. Er will die Pflichtablieferung weitgehend digital abbilden und die gesetzliche Abgabe auf ein digitales Exemplar reduzieren. Das klingt effizient, rational, zeitgemäß. Und genau darin liegt der Denkfehler. Denn das Buch ist nicht bloß „Inhalt“. Das Buch ist Objekt: Papier, Satz, Typografie, Einband, Materialspuren, Randnotizen, Druckgeschichte – kurz: Quelle. Ein Scan ersetzt nicht die Materialität. Eine Datei ersetzt nicht das Ding. Und wer aus dem nationalen Gedächtnis das Ding herausnimmt, verändert nicht nur den Speicher, sondern den Begriff dessen, was bewahrenswert ist.
Gerade Leipzig steht für diese materialgebundene Buchkultur – nicht nur wegen der Messe, sondern weil im Gebäudekomplex der Nationalbibliothek auch das Deutsche Buch- und Schriftmuseum sitzt. Wenn Leipzig magazintechnisch ausblutet, bleibt das Museum als Schaufenster, während die Substanz abwandert. Das ist die Logik einer Kultur, die sich mit Symbolen tröstet, während sie die Grundlagen vernachlässigt: Man zeigt Kultur – man trägt sie nicht mehr. Natürlich: Digitalisierung ist sinnvoll. Niemand fordert, ins Papierzeitalter zurückzukehren. Digital schafft Reichweite, Suchbarkeit, Forschung. Aber digital ist auch Abhängigkeit: von Formaten, Standards, Lizenzen, Rechtemanagement, Hardwarezyklen – und von der banalen Wahrheit, dass „für immer“ im IT-Betrieb eine Fiktion ist, die nur durch permanente Migration teuer erkauft wird. Wer klug ist, hält deshalb das Physische als letzte Sicherung fest. Bewahren heißt vorsorgen – und genau dieses konservative Verantwortungsprinzip wird gerade politisch zurückgedrängt.
Und hier kommt der zweite, fast schon ironische Nebeneffekt: Wer die Pflichtablieferung entmaterialisiert, legt sich nicht nur mit Bibliothekaren an, sondern mit einem ganzen Kulturökosystem. Auch wenn Weimer die Verleihung des Buchhandlungspreises dieses Jahr absagte, bleibt dieser doch bestehen. Die Republik beschwört die „Buchkultur vor Ort“, ruft nach Vielfalt, Beratung, lebendigen Innenstädten. Wenn nun Weimer das Signal sendet, dass das Physische verzichtbar sei, liefert er die ideologische Munition für die Entwertung des Gedruckten. Damit macht er sich die nächsten Gegner: Verlage, Buchhändler, Sammler, Bibliophile – alle, die wissen, dass Kultur nicht nur Inhalt ist, sondern Form und Überlieferung. Und das hat Folgen für Leipzig, das von einer Buchöffentlichkeit lebt: Lesungen, Debatten, das literarische Selbstbild. Ja, die Buchmesse ist der Höhepunkt. Aber ohne infrastrukturelle Sicherung wird dieses Selbstbild zur Messe ohne Fundament. Leipzig feiert das Buch als Event, während das nationale Buchgedächtnis schleichend aus der Stadt herausgezogen wird. Die Zukunft des Buches entscheidet sich nicht allein auf Displays. Sie entscheidet sich an Orten. An Bibliotheken, Magazinen, Lesesälen – und an der Bereitschaft eines Staates, sein Gedächtnis nicht als Kostenstelle, sondern als Verpflichtung zu behandeln. Wer Leipzig als Buchstadt ernst nimmt, muss nicht nur ausstellen und feiern, sondern bauen, bewahren, dem Gedächtnis Raum lassen. Sonst bleibt von der „Stadt des Buches“ am Ende nur die Stadt, während das Buch verschwindet.
