Kontrafunk aktuell vom 27. November 2025
Kanzler Merz wirbt für seine Rentenpläne: Reformturbo, Aktivrente, längere Lebensarbeitszeit. Doch ist das wirklich Reform – oder politisches Verschiebespiel? Darüber sprechen wir mit Politikredakteur Frank Wahlig. Auch die Wirtschaft ringt mit ihrer Haltung zur AfD: Der Verband der Familienunternehmer hat die Brandmauer aufgegeben, als Reaktion darauf treten Rossmann und Thalia aus. Was bedeutet die Situation für Unternehmen, und wie groß ist die Not? Einschätzungen dazu von Thomas Knott von der Mittelstandsinitiative Brandenburg. Gudula Walterskirchen blickt auf die EU-Beitritts-Frage der Ukraine, und Roger Letsch beschäftigt sich in seinem Kommentar mit der Skandalisierung von ganz normalen Vorgängen.
Frank Wahlig: Generaldebatte im Bundestag und Rentenstreit
Thomas Knott: Familienunternehmen und die Brandmauer
Gudula Walterskirchen: Warum die Ukraine nicht EU-Mitglied werden sollte
Roger Letsch: Die Skandalisierung des Normalen – geleaktes Telefonat Witkoff und Uschakow
Was denken und reden wohl die Sherpas über die Alpinisten und Hobbybergsteiger, welche sie auf die Gipfel des Himalajas bringen? Wird es um die Erhabenheit der Berge, um Grenzerfahrungen und die Überwindung der menschlichen Natur gehen? Sicher nicht! Als Sherpa überbringt man brav die Ware seiner Auftraggeber, die eigene Gipfelerfahrung ist nicht von Belang. Die Presse spricht selten mit den Sherpas, egal, ob es sich um solche für dieGipfel der Gebirge oder die Gipfel der Politik handelt. Der Nachrichtenagentur Bloomberg ist es nun gelungen, das Telefonat zwischen zwei Sherpas in die Finger zu bekommen, welches am 14. Oktober zwischen Steve Witkoff, dem Unterhändler von Präsident Trump, und Putins engem Berater Juri Uschakow stattfand. Der Aufschrei in den Medien ist gewaltig und zielt wie üblich in erster Linie auf Witkoffs Chef, doch wenn man zum Donald noch den Wladimir im selben Sack hat, prügelt es sich umso leichter. Schließlich „weiß“ man ja schon immer, dass die beiden unter einer Decke stecken.
Im geleakten Telefonat geht es um Friedenspläne, der Steve und der Juri nennen sich Freund und beim Vornamen, tauschen Höflichkeiten aus und versorgen sich gegenseitig mit Tipps für den Umgang ihrer Chefs miteinander. Am Tag zuvor kehrten – auch dank Trumps Vermittlung – die letzten lebenden israelischen Geiseln heim, und Witkoff sagte, es sei sicher eine gute Idee, wenn Putin dies und die erfolgreichen Bemühungen Trumps im Telefonat erwähnen würde, welches er und Uschakow vorbereiteten. „Ich denke sogar, dass wir vielleicht einen 20-Punkte-Friedensvorschlag ausarbeiten sollten, so, wie wir es in Gaza getan haben“, fügte er hinzu. Da war kein Feilschen und Fluchen, sondern ein verbal umarmendes Einverständnis. Beste Freunde im engsten Kreis, um sie herum und nur mit minimaler Aufmerksamkeit bedacht: die anderen, die auch am Konflikt beteiligt sind. Zuallererst natürlich die Ukraine. Alles ausgeblendet in diesem Sherpa-Moment, als der Steve und der Juri auf das schwere Gepäck zu ihren Füßen und den Weg vor sich schauten und sich Tipps gaben, wie sie ihre Auftraggeber auf dem Weg nach oben bei Laune halten könnten. Jeder, der glaubt, dass Diplomatie jenseits der Abschluss- und Presseerklärungen anders funktioniert, wer glaubt, man läse sich gegenseitig mit erhobenem Zeigefinger Paragrafen aus dem großen Buch des internationalen Rechts vor und gehe mit moralgeschärften Dolchen aufeinander los, hat seine letzten diplomatischen Erfahrungen im Sandkasten gemacht, wo ein gebrülltes „Der darf das aber nicht!“ als Argument galt und die herbeigeheulte Mutter als konfliktbeendende Supermacht zur Verfügung stand.
Diplomatie war immer genau so! Manchmal mangels Verhandlungsmacht auch garniert mit sehr undiplomatisch erscheinenden Abkürzungen in Form von zeitgeistig getarnten Bestechungen. Wie sonst sollten die Radwege nach Peru und die queer-feministischen Tanzkurse nach Marokko kommen? Diplomaten gehen sich nicht gegenseitig an die Kehle und überschütten sich auch nicht mit moralischen Vorwürfen! Dafür sind Militär und Politik zuständig. Doch das Kommentariat will Blut sehen und urteilt brüllend vor Wut, dass Witkoff von Sinnen sei, dass man so doch nicht verhandeln könne, dass persönliche Interessen im Spiel, Moral und Anstand verletzt wurden und Verrat sowieso begangen sei. Jedoch wurde nichts verkauft, niemand geopfert und niemand bezahlt. Stattdessen konnten wir einen seltenen Blick hinter die Kulissen werfen und sehen, wie die diplomatische Wurst wirklich gemacht wird, die später in der medialen Wursttheke zur Begutachtung ausliegt. Die Inhaltsstoffe? Geld, Zeit und Interessen. Moral ist nicht enthalten, nicht mal als Konservierungsstoff.
Witkoff und Ushakov erscheinen im Gespräch auf Augenhöhe, was für Diktate sicher hinderlich, für erfolgreiche Abkommen auf Gegenseitigkeit aber generell eine gute Ausgangsposition ist. Ganz gleich, wie sehr man dabei auchinnerlich mit den Zähnen knirschen mag. Das pfauengleiche Moralgetöse europäischer Politiker hat uns im Ukrainekrieg nicht weiter gebracht als die pompöse indisch-pakistanische Zeremonie am Grenzübergang Attari-Wagah. Aufgeblasene Theatersoldaten, die mit rollenden Augen, gezwirbelten Bärten und zu Schalmeienklang aufeinander zustolzieren. Im Duett eine Attraktion fürs Publikum, allein vollzogen und mit einem grinsenden Putin auf der anderen Seite jedoch eine tägliche Portion Fremdscham. „Diplomaten ärgern sich nie – sie machen sich Notizen“ sagte Napoleons Außenminister Talleyrand und es ist gerade der Mangel an Ärger im Telefonat, der den wütenden Kommentatoren am Umgang der Verhandlungsführer Trumps und Putins missfällt. Man hielte sich lieber an Lenins Definition, dass die Diplomatie während des Krieges nichts zu tun habe. Die Kunst besteht wohl darin, zu erkennen, wenn der Krieg vorbei ist.

