Kontrafunk aktuell vom 10. November 2025
Wie denkt man in Moskau über die Beziehungen zu Deutschland und der EU? Die freie Journalistin und Übersetzerin Éva Péli teilt mit uns ihre Eindrücke und Gesprächserfahrungen nach einem Russland-Besuch. Im Sudan ist der Bürgerkrieg zurück. Der frühere Leiter der internationalen Anwaltschaft für Subsahara-Afrika bei der Menschenrechtsorganisation Christian Solidarity International, Franklyne Emmanuel Ogbunwezeh erläutert uns die Hintergründe. Deutschland nimmt Rekordschulden auf. Der Wirtschaftshistoriker Michael von Prollius erklärt, warum Staatsverschuldung dennoch per se kein Grund zur Panik ist. Und Norbert Bolz kommentiert die Vergabe des westfälischen Friedenspreises an die Nato.
Éva Péli: Wie beurteilt man in Moskau die Beziehungen zu Deutschland und der EU?
Franklyne Emmanuel Ogbunwezeh: Wieso ist im Sudan schon wieder ein blutiger Bürgerkrieg ausgebrochen?
Michael von Prollius: Wieviel Verschuldung kann ein Staat schultern?
Norbert Bolz: Preisverleihung als politische Propaganda
Bekanntlich beendete der Westfälische Friede den Dreißigjährigen Krieg. Damit begann eine Epoche der Diplomatie, der Balance und der Verständigung. Das ist natürlich ein starkes Motiv, einen Preis zu stiften, der an bedeutende Politiker und Institutionen verliehen wird. Dieser westfälische Friedenspreis wird jetzt wieder in Münster verliehen. Zu den bisher gefeierten Preisträgern gehören etwa Vaclav Havel, Helmut Kohl und Helmut Schmidt. Zu den Preisträgern gehört aber eben auch der französische Präsident Emmanuel Macron 2024. Er meinte, der Krieg in der Ukraine habe Europa wachgerüttelt. Das ist deshalb interessant, weil Macron noch im November 2019 die Nato für „hirntot“ erklärt hatte. Hinter dem Sinneswandel steht wohl, dass es ihm nun nicht mehr um Kritik an den USA, sondern um die Abschreckung Russlands geht. Das muss man im Hinterkopf behalten, wenn man bewerten will, dass der Preisträger des westfälischen Friedenspreises 2026 die Nato ist. Übrigens sitzen in der Jury unter anderen der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Wüst und Bundespräsident Steinmeier.
Zunächst einmal klingt das wie ein Paradoxon: Eine Militärmacht als Friedenspreisträger. Nato-Kritiker fühlen sich an Orwell erinnert: „Krieg ist Frieden“. Aber ich finde, man sollte die Kritik am Friedenspreis 2026 nicht als Nato-Kritik anlegen. Die Kritik muss anders angesetzt werden, nämlich mit der Frage: Warum gerade jetzt? Die offizielle Antwort lautet: Die russische Aggression gegen die Ukraine erweist die Nato als westliche Friedensmacht. Aber zurzeit stiftet die Nato keinen Frieden. Denn die Formel „Frieden durch Stärke“ bedeutet ja im Klartext: Umstellung auf Kriegswirtschaft und Aufrüstung. Wer Rheinmetall-Aktien hat, kann sich darüber freuen.
Aber die Zweifel daran, dass es sich bei der Nato um eine Friedensmacht handelt, liegen tiefer. Das entscheidende Stichwort lautet: Nato-Osterweiterung. Viele Länder des Ostblocks sind damals vor dem verwundeten Bären Russland unter den Schutzschild der Nato geflüchtet. Doch man vergisst dabei gerne, dass dadurch Absprachen mit Russland gebrochen wurden. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, der Auflösung des Warschauer Pakts und dem Fall der Mauer träumten viele vom friedlichen Weltstaat. Aber Putin hat mehrfach deutlich gesagt, dass die Implosion des Ostblocks die „größte geopolitische Katastrophe“ seit dem Zweiten Weltkrieg war – und dass er sie korrigieren will.
Soll man das nun moralisch-humanitaristisch oder realpolitisch beurteilen. Die USA neigen zur Realpolitik. Es ist bezeichnend, dass Trump sein Verteidigungsministerium in Kriegsministerium umbenannt hat. In Europa dagegen neigt man zu einer moralischen Interpretation. Das heißt, man überlagert eine hochkomplexe Realität mit einfachen Unterscheidungen, nämlich gut und böse, Frieden und Krieg, Nato und Putin. Was bedeutet das nun für den an den Nato-Generalsekretär Rutte verliehenen westfälischen Friedenspreis? Man könnte zunächst einmal den Eindruck gewinnen: Je weniger Frieden auf der Welt, desto mehr Friedenspreise. Aber bedenklich ist nicht nur die Inflation, sondern auch die Politisierung der Preise. Das wurde zum ersten Mal überdeutlich bei der Verleihung des Friedensnobelpreises an Barack Obama im Jahr seiner Amtseinführung 2009. Er konnte damals noch gar nichts für den Frieden getan haben – und hat es auch später nicht getan. Deutlich politisch motiviert war auch die Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels 2025 an den Historiker Karl Schlögel. Für ihn ist Putin die „Gestalt des Bösen“ und Russland der Feind. Das ist aber nicht der Duktus eines Historikers, sondern exakt die Sprache führender Politiker unserer Zeit. Die Vergabe von Preisen als politische Propaganda – das tut dem Frieden nicht gut.
