Kontrafunk aktuell vom 22. Oktober 2025
Die CDU ringt mit sich selbst und ihrer Zukunft. Der Schriftsteller und Historiker Klaus-Rüdiger Mai beurteilt den Kurs der Partei und ihr Verhältnis zur AfD. In Georgien spitzt sich die Lage zu: Deutschland ruft seinen Botschafter zurück, die Spannungen mit der EU wachsen. Wie gefährlich das ist, analysiert Ramon Schack, Publizist und Osteuropa-Kenner. Japan hat erstmals eine Ministerpräsidentin: Sanae Takaichi. Was bedeutet das für Politik und Gesellschaft? Antworten hat Kontrafunk-Kollege Argo Nerd aus Japan. Und Markus Vahlefeld macht sich Gedanken über den türkischen Beitrag zum deutschen Wirtschaftswunder.
Klaus-Rüdiger Mai: Die CDU auf der Suche nach sich selbst
Ramon Schack: Diplomatische Verwerfungen mit Georgien
Argo Nerd: Neue Regierung in Japan – wer ist Ministerpräsidentin Sanae Takaichi?
Markus Vahlefeld: Das türkische Wirtschaftswunder
„Es waren Menschen aus der Türkei, die das Wirtschaftswunder möglich gemacht und Deutschland mit aufgebaut haben.“ – das sagte der deutsche Außenminister Johann Wadephul letzte Woche der türkischen Zeitung „Hürriyet“. Das ist natürlich Unfug, und das weiß auch Herr Wadephul, der hier ganz konsequent in den Fußstapfen seiner Vorgängerin Annalena Baerbock wandelt. Das deutsche Wirtschaftswunder hatte nämlich viel früher begonnen als das sogenannte Anwerbeabkommen mit der Türkei, das erst 1961 in Kraft trat. Das deutsche Arbeitsministerium stand diesem Anwerbeabkommen mit der Türkei übrigens mehr als skeptisch gegenüber. Italiener, Spanier, Portugiesen, Griechen, schließlich Jugoslawen boten ein Reservoir an günstigen Lohnarbeitern, weswegen, wie es hieß, kulturfremde Gastarbeiter das Nachsehen haben sollten. Kulturfremd war übrigens ein Begriff, der damals ganz und gar nicht als rechts galt und auch von prominenten Sozialdemokraten genutzt wurde. O tempora, o mores!
Warum also vereinbarte dann Deutschland ein Anwerbeabkommen mit der Türkei? Und da sind viel weniger arbeitsmarktpolitische Gründe ausschlaggebend als geopolitische. Die Türkei war für die USA ein entscheidender Baustein innerhalb der Nato, grenzte sie im Osten doch direkt an die UdSSR und hatte nach den USA das zweitgrößte Militär aller Nato-Staaten. Wirtschaftlich stand die Türkei jedoch auf wackligsten Füßen. Um die Türkei wirtschaftlich zu stabilisieren, war also der Abfluss arbeitsloser Türken eine hilfreiche Option. Kulturfremdheit interessiert bei derartigen geopolitischen Überlegungen vor allem die US-Amerikaner eher wenig, und genau sie waren es, die Deutschland dann dazu drängten - man könnte auch sagen: höflich, aber mit Nachdruck dazu zwangen –, den deutschen Arbeitsmarkt für die Türken zu öffnen. Und dann kam noch die Kuba-Krise. Die USA hatten ab 1959 begonnen, Jupiter-Atomraketen nahe Izmir zu stationieren, die auch Moskau hätten erreichen können. Atomraketen auf Kuba sollten die sowjetische Antwort darauf sein, es kam zur Krise, fast zur atomaren Eskalation, aus der dann die USA nach eigener westlicher Geschichtsschreibung als Sieger hervorging. Auch hier ist die Wahrheit eine andere.
Ein geheimes Zusatzabkommen zur Beilegung der Kuba-Krise sah vor, dass eben auch die USA ihrerseits die Atomraketen aus der Türkei abziehen würden. Das jedoch stellte für das türkische Militär, das sich zwei Jahre zuvor an die Macht geputscht hatte, eine Schwächung dar, die nun irgendwie kompensiert werden musste. Und so nahm der Zuzug türkischer Gastarbeiter nach Deutschland erst richtig Fahrt auf. Es waren also ganz und gar nicht die Türken, die das Wirtschaftswunder, wie Wadephul sagt, möglich gemacht hätten, sondern im Gegenteil: Es war das deutsche Wirtschaftswunder, das schließlich das Militär, die Regierung und die Türkei als Ganzes zu stabilisieren half. „Die Almancis – wie die Gastarbeiter in Deutschland in der Türkei genannt werden – die Almancis haben damals die Türkei gerettet“, schlussfolgert also die Journalistin Necla Kelek. „Und nicht umgekehrt.“
All das weiß der deutsche Außenminister Herr Wadephul natürlich. Warum also lügt er den Deutschen ins Gesicht und schmiert den sehr national gesinnten Türken Honig ums Maul? Nun, dass Deutschland und die EU in fast allen außenpolitischen Fragen aufs falsche Pferd setzen und sich als inkompetent und überflüssig erweisen, hat die Beilegung des Konflikts zwischen Israel und der Hamas gerade erst gezeigt. Dass Erdogans Türkei nun von Donald Trump als wichtiger Partner hofiert wird, während Deutschland und die EU ausgelacht werden, dürfte der wahre Grund für Wadephuls Unfug sein. Er will sich an die türkischen Entscheider bei der kommenden Nahost-Neuordnung anwanzen und schreckt auch vor historischen Lügen nicht zurück. Und das ist leider der Zustand der deutschen Politik in einer Nussschale.
