Kontrafunk aktuell vom 7. November 2024
Die deutsche Ampelkoalition ist gescheitert: Kanzler Olaf Scholz wird die Vertrauensfrage stellen. Die Gründe und Konsequenzen erörtern wir mit dem Publizisten Dr. Klaus-Rüdiger Mai. Donald J. Trump hat es allen gezeigt und wird erneut Präsident der USA. Wie hat er das geschafft? Warum war Kamala Harris so schwach? Was wird unter Trump in Sachen Ukraine, Nord Stream und Corona passieren? Antworten hat unser Korrespondent Collin McMahon in Washington. Im Gespräch mit dem Geologen Prof. Klaus Bitzer geht es um die Hochwasserkatastrophe in Spanien, und Cora Stephan kommentiert die Wiederentdeckung des Normalos.
Klaus-Rüdiger Mai: Die deutsche Regierungskoalition ist gescheitert
Collin McMahon: Donald Trump gewinnt die Präsidentschaftswahlen in den USA
Klaus Bitzer: Hochwasserkatastrophe in Spanien
Cora Stephan: Comeback des „Common Man“
Er ist die Wiederentdeckung des Jahrhunderts: „the common man“, der gemeine Mensch, der seit 68 in Deutschland verrufene Normalo, dieser Bier trinkende, hart arbeitende heterosexuelle Spießer mit Frau und Kindern. Fußballfan und Schrebergärtner. Der Mensch im Hintergrund, ohne den die Gesellschaft nicht funktioniert. Ihm hat Aaron Copland 1942 seine „Fanfare“ gewidmet, auf Wunsch des damaligen amerikanischen Vizepräsidenten Henry Wallace, der zum Kriegseintritt der USA das Jahrhundert des „common man“ ausgerufen hatte, denn der leiste die Drecksarbeit, im Krieg, in der Armee – oder bei der Müllabfuhr und bei McDonald’s, könnte man heute ergänzen. Die Jahrzehnte des Wokismus haben ihn in Vergessenheit (oder in Verschiss) geraten lassen, den stinknormalen arbeitenden Menschen, dem die wechselnden Moden städtischer und politmedialer Blasen im Übrigen am Arsch vorbeigehen. Dafür hat er gar keine Zeit. Und ihm leuchten wahrscheinlich weder die Bedeutung noch die Attraktivität dieser Moden ein. In den Städten mag das Lastenfahrrad ja eine großartige Sache sein, dort kann man auch aufs Auto verzichten und sich, statt allmorgendlich die Straßen zu kehren, mit der korrekten Ansprache queerer Personen beschäftigen. Oder laut darüber nachdenken, dass Kinderkriegen egoistisch und klimaschädlich ist. Dort weiß man auch, dass Bauern schlimme Umweltsünder sind, weil sie das Grundwasser und die Insekten vergiften. Und selbstredend ist man nicht etwa nur für Gleichberechtigung, sondern, na klar, für die Gleichstellung von Mann und Frau, obwohl sie weder gleich sind noch das Gleiche wünschen.
In der woken Blase hat man, schlicht gesagt, keinen blassen Schimmer von der Wirklichkeit, und nicht selten hat man den Eindruck, Städter sehen noch immer die Menschen in der Provinz als unrettbar reaktionär und zurückgeblieben an. Die grün-rote Schickeria hält sich für den besseren, moralisch höherstehenden Teil der Bevölkerung, obwohl auch sie ab und an mal jemanden brauchen, der die Verstopfung im Klo beseitigt. In den USA hat sich solch elitärer Dünkel mit der erneuten Wahl von Donald Trump erledigt. Der Millionär Trump hat ein Gefühl, wenn nicht gar eine Vorliebe für Leute, die ebenso wie er die drastische Formulierung schätzen und sich die Hände schmutzig machen, statt den Tee mit abgespreiztem kleinen Finger zu trinken. Dass ihm das eine oder andere Abseitige unterläuft – nun, das passiert, wenn man nicht, wie Kamala Harris, vorsichtshalber vom Teleprompter abliest. Kurz: Trump wirkt authentisch und ist das womöglich gar – selbst wenn man berücksichtigt, dass der Mann jahrelang Erfahrung mit Fernsehshows gesammelt hat. Er ist komisch, er versteht sich auf Selbstironie, und soweit man seine Essgewohnheiten kennt, passt es zu ihm, sich bei McDonald’s in die hohe Kunst des Frittierens von Pommes einweisen zu lassen. Hingegen Kamala Harris: Sie posiert auf der Titelseite der „Vogue“, jener Modezeitschrift für die gehobenen Stände, in der Handtaschen angepriesen werden, die schon mal so viel kosten dürfen wie ein Haus für eine sechsköpfige Familie in der amerikanischen Industrieruine „Rust Belt“.
Trump gehörte nie zum Washingtoner Establishment, und er verkörpert Amerika mehr als seine Kritiker. Deshalb hat er die Wahlen gewonnen. Und dieser angebliche Rassist war dabei offenbar auch noch erfolgreich bei Schwarzen, Latinos und jungen Wählern – und selbst bei Muslimen. Latinos etwa leben überwiegend im Mittleren Westen in ländlicher Umgebung und nicht im Wokistan der großen Städte. Dass Trump J. D. Vance zu seinem „Running Mate“ gewählt hat, war ein guter Schachzug. Der kluge, eloquente J. D. Vance weiß noch immer, was es heißt, in ärmsten Verhältnissen aufzuwachsen. Mit Trump und Vance sind die Republikaner, einst eher elitär, zu einer Partei des Volkes und der Arbeiterklasse geworden. Das größte Pfund, und auch das unterscheidet Trump von Harris, sind seine Mitstreiter. Robert F. Kennedy Junior brach für Trump mit der jahrzehntelang gepflegten Tradition der Kennedys: Sie waren immer Democrats. Vor allem aber ist da Elon Musk, der reiche Paradiesvogel, der auf den Mars will. Auch Musk kommt aus kleinen Verhältnissen, auch er ist ein „Maverick“, ein Quertreiber. Er steht für Erfindungsreichtum, Risikofreude, unternehmerisches Denken, Selbstverantwortung, Vorbild in einer krisenhaften Ökonomie. Und egal, ob er den Mars erobert: Große Träume sind ein wichtiger Impuls für ein Land, das sich nicht abwickelt, wie es Deutschland tut.

