Kontrafunk aktuell vom 04. November 2025
Vor wenigen Tagen fand in Minsk die hochkarätig besetzte internationale Konferenz für eurasische Sicherheit statt. Oberstleutnant im Generalstab a. D. der Schweizer Armee Ralph Bosshard fasst die Erkenntnisse zusammen. In mehreren deutschen Bundesländern werden wegen der Vogelgrippe erneut Tausende Hühner gekeult. Ob das berechtigt ist, bewertet Geflügelzüchter Christoph Schulz. In Sachsen haben CDU, SPD und BSW gemeinsam mit der AfD eine bemerkenswerte Entscheidung getroffen, wie Journalist Olaf Opitz berichtet. In seinem Kommentar blickt Burkhard Müller-Ullrich auf die deutsche Erinnerungskultur, der mittels künstlicher Intelligenz nun ein „Gesicht für die Ewigkeit“ gegeben wird.
Ralph Bosshard: Eurasien versus globaler Westen
Christoph Schulz: Panikmache bei Vogelgrippe erinnert an Corona
Olaf Opitz: CDU und SPD in Sachsen sprengen die Brandmauer
Burkhard Müller-Ullrich: Erinnerungskultur mit künstlicher Intelligenz
Hat die riesengroße Ansammlung postmoderner Betonklötze, die mitten in Berlin unter dem Namen Holocaustmahnmal herumsteht, in den zwanzig Jahren seit ihrer feierlichen Einweihung dazu geführt, dass die Erinnerung an dieses deutsche Menschheitsverbrechen irgendwie stärker und gefestigter geworden ist? Dass die Touris, die, einem Führer hinterher, zwischen den Betonklötzen herum stiefeln, überhaupt den Hauch einer Vorstellung bekommen von der Sache mit dem seltsam altsprachlichen Namen Holocaust? Die Antwort liegt mit schneidender Eindeutigkeit auf der Hand, aber die Frage stellt sich immer wieder neu, weil immer neue Kinkerlitzchen ausgedacht und finanziert werden, um die Sprach- und Antwortlosigkeit zu übertönen. Jetzt ist es ein Projekt, auf das man in Nordrhein-Westfalen richtig stolz sein möchte. Es geht laut Werbetext darum, Überlebenden des Holocausts eine Stimme für die Ewigkeit zu geben. Mehr Schwulst in einem Satz ist schlechterdings nicht möglich. Aber wie gibt man Überlebenden des Holocausts eine Stimme für die Ewigkeit? Ganz einfach: mit KI und Hologramm-Technik. Und weil Holocaust und Hologramm für Leute von der geistigen Beschränktheit dieser Macher irgendwie ähnlich klingen, hat man das Projekt allen Ernstes „Holo-Voices“ genannt. Dazu wurden Interviews mit Zeitzeugen per Computer zu einer Art akustischem Püree verarbeitet, aus dem man wiederum per Computer jeden beliebigen Satz mit der scheinbaren Zeitzeugenstimme zusammensetzen und ertönen lassen kann. Das ist Künstliche Intelligenz in ihrer abgründigsten Form – als Large Language Holocaust Model.
Vordergründig dient das natürlich einem guten, und zwar pädagogischen Zweck. Deswegen schreien die Wohlgesinnten erst mal nicht auf. Auf der Projektwebsite wird präventiv von „Nie wieder ist jetzt!“ gefaselt. Wer wagt es, gegen diesen hochmögenden Auftrag Einspruch zu erheben? Und man weiß doch, dass diese interaktive Technologie gerade bei Jugendlichen mehr Aufmerksamkeit findet als die bloße Präsentation von Text-, Bild oder Tondokumenten. Doch die Virtualisierung von Geschichte ist eine Strategie aus der Hölle. Wir erleben allüberall einen Angriff auf unser ontologisches Fundament, die sogenannte Realität. Die Wirklichkeit wird weich und flüssig, und bald gilt sie als überflüssig, weil der rasende Fortschritt der KI die Gehirne vernebelt. In einer Welt fluider Identitäten verschwimmen nicht nur Mann und Frau, sondern auch Täter und Opfer, Jude und Nazi, Wissenschaftler und Scharlatan. So kommen dann unter dem Jubel der zuständigen Kultusministerin, in Nordrhein-Westfalen heißt sie Ina Brandes und gehört zur Wüst-CDU, solche abenteuerlichen Feuerwerke der philosophischen Ignoranz zustande wie „Holo-Voices“.
Real ist an dieser künstlichen Geisterbeschwörung nämlich nur eins: der ausgekochte Geschäftssinn aller Beteiligten. Da saßen sie zusammen in gut finanzierten Arbeitsgruppen und bastelten voller Ernst und Eifer an Rechnerkapazitäten und Programmdesigns; und mit jeder Sitzung stieg, befeuert vom positiven Feedback aus der politischen Etage, die Gewissheit, dass man hier für die Essener Eventstätte Zeche Zollverein, eine Attraktion von nationalem Rang schaffen werde, eine Attraktion, die fast so attraktiv werden kann wie das Holocaustmahnmal. Schon bei dessen Bau hatten sich ja manche Promotoren vor Begeisterung damit gebrüstet, dass hier etwas Vorbildliches am Entstehen sei, etwas, worum man Deutschland anderswo beneiden werde. Am Ende aber soll sich der Holocaust nicht nur für den Berliner Tourismus gelohnt haben, sondern auch für den in Essen. Dort brachte das Protzen mit historischer Finsternis einen Spaßparcours aus Betonklötzen hervor; hier wird die Nacht der Shoah als Spielsalon erlebbar.
