Kontrafunk aktuell vom 1. Juli 2024
Am Wochenende trafen sich die Delegierten der AfD zum Bundesparteitag in Essen. Der Journalist Philippe Debionne von der „Schwäbischen Zeitung“ war vor Ort und schildert uns in der Sendung seine Eindrücke. Unsere USA-Korrespondentin Susanne Heger spricht mit uns über Reaktionen und mögliche Konsequenzen aus dem ersten TV-Duell zwischen US-Präsident Joe Biden und Ex-Präsident Donald Trump. „Der Spiegel“ prophezeit, Japan könne das gleiche Schicksal wie die Ukraine ereilen. Diese Aussage analysieren wir mit Pascal Lottaz, Associate Professor für Neutralitätsstudien an der Universität Kyoto. Und Frank Wahlig kommentiert seine gespenstischen Erlebnisse auf Berliner Demonstrationen und dortige gespenstische Beschuldigungen und Beschimpfungen seiner Person durch selbsternannte Nazijäger.
Bundesparteitag der AfD in Essen
Demokraten in den USA nach TV-Duell
Japan – Südostasien und Krieg?
Wie man zum Nazi wird
Das Gesicht der jungen Frau hinter der Sonnenbrille unter der schwarzen Maske, fünf Zentimeter vor meinem Gesicht, „Nazi raus“, „Nazi raus“, laut, im Staccato. „Ich bin kein Nazi“, sage ich verblüfft, was einem so einfällt, wenn die Antifa vor einem steht und schreit. „Wir kennen dein Gesicht, du schreibst für die faschistische ‚Junge Freiheit‘. Nazi raus.“
Berlin-Mitte. Rosenthaler Platz, unweit der jüdischen Schule. Mahnwache für die israelischen Opfer der Hamas. Die Polizei bildete eine Kette zur Straße. Der Zug der Palästinenser sollte da vorüberziehen. In Berlin gibt es fast täglich diese Umzüge. In drei Reihen schützt die Polizei die Mahnwache vor den aufgebrachten arabischen jungen Demonstranten. Die jungen Männer schwenken die Fahne Palästinas, schreien „Genozid“ und „Apartheid“. Und drohen. Steine und Flaschen sind auf solchen erlaubten Demos geflogen. Die sind gekommen, um zu bleiben. Ohne die Polizisten würden Migranten die Grenzen des Zusammenlebens neu ziehen und das Zusammenleben neu aushandeln. Für Juden und Israelis wäre kein Raum mehr. Um eine Ahnung davon zu bekommen, wie nahe dieses Land bereits am Bürgerkrieg ist, genügt es, sich eine Demo anzusehen. Berlin ist eine Bildungsreise wert. Dass kein Platz für Judenhass ist, ist eine Phrase der Politiker. Ein Mann mittleren Alters hat eine nagelneue Israel-Fahne dabei. Die Faltnähte sind deutlich zu sehen. Solidarität frisch aus dem Cellophanbeutel. Wir hielten die Fahne gemeinsam, redeten miteinander. Ein Typ mit Megafon sagte, ein Nazi sei unter uns Demonstranten. Der solle sich abmachen.
Wer für die faschistische „Junge Freiheit“ schreibe, sei Nazi, sagt eine junge Frau. Sie wüssten es genau, hätten mich gegoogelt. Die „Junge Freiheit“ ist ein konservatives Blatt, so angesehen, dass meine früheren Chefs, die Intendanten des Südwestrundfunks, dort Interviews geben. Peter Voss und Kai Gniffke sind keine Nazis. Für den Südwestrundfunk war ich politischer Korrespondent. Kontrafunk, meine neue journalistische Heimat, hat ebenfalls keine faschistischen Ambitionen. „Nazi“ ist beleidigend, aber keine Beleidigung. Inzwischen habe ich mich selbst gegoogelt. Google weiß vieles von mir, aber nichts davon deutet auf eine Nähe zu Nazis hin. Ich schreibe nicht für die „Junge Freiheit, sage ich. Die Frau schreit weiter im Staccato, dicht vor meinem Gesicht. „Meine Kinder sprechen Hebräisch“, sage ich, „sie gehen aufs jüdische Gymnasium. Meine Freunde tragen Kippa, ihre Eltern haben die Naziherrschaft überlebt.“
Eine weitere junge Frau mit Sonnenbrille und Maske, im Alter meiner Tochter, ist dazugekommen. Zwei Masken schreien „Nazi, Nazi raus“. Ich versuche zu argumentieren. Ein Nazi auf einer Israel-Mahnwache, merkt ihr was? Habt ihr eine Idee, wofür Nazi steht? Für über eine Million jüdischer Kinder, die getötet wurden. Wer Nazi ist, bestimmen die jungen Frauen von der Antifa hinter den Sonnenbrillen und den schwarzen Masken. Der Mann, mit dem ich eben noch die Israel-Fahne gemeinsam gehalten habe, zupft mir das Tuch aus der Hand und zuckt mit den Schultern. Geschichte wiederholt sich als Farce. Aus der zweiten Reihe drängt sich ein junger Mann vor. „Ich kenne den“, sagt er und deutet auf mich, „der hat zugegeben, ein Faschist zu sein. Mir hat er gesagt, er arbeite für den Kontrafunk und die ‚Junge Freiheit‘“. Ich habe den Kampf um meine Person, um meine Reputation, um die Wahrheit jetzt und hier verloren. So geht betreutes Demonstrieren. Keiner hat geholfen, die schreienden jungen Frauen drängen mich aus der Mahnwache. Die Pro-Israel-Demonstranten haben alle zugeschaut, wie einer weggeschickt wird. Noch auf der Straße waren die „Nazi, Nazi“-Rufe zu hören. „Lass dich nur nicht wieder blicken!“ Passanten schauten, guck, so sieht ein Nazi aus. Mein Name auf dem Klingelschild ist abgeklebt. Grenzen werden von Migranten und der Antifa neu gezogen. Berlin ist kein Ort, wo sich Nazis sicher fühlen können, auch wenn sie keine sind. Dieses Land verändert sich. Der Frechere bestimmt die Regeln des Zusammenlebens.
