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    Mittwoch, 15. April 2026, 5:05 Uhr
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    (Wdh.02:05, 06:05, 07:05, 09:05, 12:05, 13:05)

    Kontrafunk aktuell vom 15. April 2026

    Stefan Millius im Gespräch mit Alex Baur, Roger Letsch und Johannes Benigni – Kontrafunk-Kommentar: Oliver Stock

    So schnell in die Höhe geschossen wie Anfang der Woche sind die Spritpreise seit Jahren nicht mehr. Der Energieberater Johannes Benigni analysiert die Ereignisse am Energiemarkt und die weiteren Aussichten. US-Präsident Trump wird dieser Tage von seinen Gegnern mal wieder für verrückt erklärt. Über die Ursprünge der Dauerempörung spricht Kontrafunk-Redakteur Roger Letsch. In Peru haben die Präsidentschaftswahlen vom Sonntag noch keinen Sieger hervorgebracht. Südamerika-Korrespondent Alex Baur beleuchtet die Resultate der ersten Runde. Und im Tageskommentar beurteilt Oliver Stock den Wunsch der deutschen Regierung nach Unabhängigkeit bei der Energieversorgung.

    Interview 1

    Johannes Benigni: Ausnahmezustand am Energiemarkt

    Interview 2

    Roger Letsch: Was hinter dem Trump-Hass steckt

    Interview 3

    Alex Baur: Peru wählt – und alles bleibt unklar

    Kommentar

    Oliver Stock: Deutschlands Traum von der eigenen Energie

    Es ist ein Satz, der hängen bleibt: „Langfristig müssen wir das Energieangebot ausweiten […], auch durch heimische Gasvorkommen.“ Der Satz fiel nach einem Verhandlungsmarathon der Regierungsspitzen am Wochenende. Es geht um mehr Autarkie Deutschlands bei der Energieversorgung. Das klingt nach Aufbruch, nach mehr Selbstkontrolle, nach einem Deutschland, das sich aus der energiepolitischen Abhängigkeit befreit. Doch wer hinter diese Worte schaut, erkennt schnell, dass sie weniger von neuen Möglichkeiten erzählen als von alten Grenzen. Deutschland will unabhängiger werden, das ist nachvollziehbar, gerade im andauernden Krieg im Nahen Osten und angesichts explodierender Preise. Nur: Der Boden, auf dem dieses Land steht, gibt das schlicht nicht her. Beim Erdgas etwa fördert Deutschland heute vier bis fünf Milliarden Kubikmeter im Jahr, bei einem Bedarf von rund neunzig Milliarden. Das sind rund 5 Prozent, mehr nicht – und 5 Prozent sind keine Strategie, sondern bestenfalls eine Ergänzung. Die bekannten Lagerstätten liegen im Norddeutschen Becken, von Niedersachsen über Schleswig-Holstein bis nach Nordrhein-Westfalen. Dort wurde jahrzehntelang gefördert, dort ist die Infrastruktur vorhanden, dort kennt man die Geologie. Aber die Reserven sind begrenzt, sie liegen bei sehr grob geschätzten 14 bis 32 Milliarden Kubikmetern. Selbst wenn man sie vollständig heben würde, reichte das nur für wenige Monate. Das ist die nüchterne Realität hinter der politischen Hoffnung. An diesem Punkt beginnt regelmäßig die Debatte über Fracking, also die Förderung von Gas aus Schiefergestein. Die Idee ist einfach: Wenn es anders nicht geht, holen wir uns das Gas aus tieferen, schwer zugänglichen Schichten. Tatsächlich vermuten Geologen dort deutlich größere Mengen, im Schnitt rund 700 Milliarden Kubikmeter. Das klingt nach viel, doch entscheidend ist, was davon tatsächlich gefördert werden kann und zu welchem Preis.

    Schon 2020 hat Deutschland diese Frage untersuchen lassen, begleitet von einer Expertenkommission, die Studien zu Umweltauswirkungen und Fördermöglichkeiten ausgewertet hat. Das Ergebnis ist bis heute ernüchternd: Die Risiken für Umwelt und Grundwasser sind real, die Datenlage begrenzt. Vor allem aber ist der mögliche Beitrag zur Energieversorgung sehr überschaubar. Fracking ist kein Hebel für schnelle oder umfassende Unabhängigkeit, sondern allenfalls eine langfristige Option mit erheblichem Konfliktpotenzial. Oder anders gesagt: Auch Fracking stillt den Hunger nicht. Ein ähnliches Bild zeigt sich beim Erdöl. Die größte deutsche Lagerstätte liegt in der Nordsee, das Feld Mittelplate. Dort werden rund 1,4 Millionen Tonnen pro Jahr gefördert, während der Verbrauch bei 80 bis 90 Millionen Tonnen liegt. Das Verhältnis spricht für sich. Selbst wenn man alle bekannten Reserven ausschöpfen würde, wäre nach wenigen Monaten Schluss. Die oft beschworene Energie unter der Nordsee existiert, aber sie ist klein, und sie ändert nichts an der grundsätzlichen Abhängigkeit. Bleibt die Kohle, und hier wird es komplizierter. Deutschland verfügt über große Braunkohlevorkommen, jahrzehntelang waren diese das Rückgrat der Stromversorgung und genau das, was heute wieder gesucht wird: ein heimischer Energieträger, jederzeit verfügbar. Doch dieser Vorteil hat sich ins Gegenteil verkehrt. Der Ausstieg ist politisch beschlossen, die ebenfalls politisch gewollten CO₂-Kosten steigen, und gesellschaftlich ist die Akzeptanz stark gesunken. Kohle kann kurzfristig helfen, sie kann Versorgungslücken schließen, aber sie ist kein Modell für die Zukunft, sondern fühlt sich heute an wie ein Relikt aus einer anderen energiepolitischen Zeit.

    Vor diesem Hintergrund wirken politische Forderungen nach mehr heimischer Förderung zwar verständlich, aber sie greifen zu kurz. Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer verlangt, Deutschland müsse „alles in die Waagschale werfen, was wir an Ressourcen in unserem Land haben“. Das ist ein nachvollziehbarer Reflex, denn wer abhängig ist, sucht nach Kontrolle über das eigene Vorkommen. Doch die Zahlen setzen dieser Vorstellung enge Grenzen. Gleichzeitig kommt von links deutlicher Widerspruch: Die Abgeordnete Ines Schwerdtner warnt vor „Politik für fossile Konzerne“ und lehnt neue Förderprojekte grundsätzlich ab. Die Frontlinien sind damit klar gezogen, die Energieversorgung wird zum Kulturkampf, doch das ändert eben auch nichts an der physikalischen Realität. Denn egal, wie man es dreht: Deutschland kann seine fossilen Ressourcen stärker nutzen, es kann etwas mehr Gas fördern, es kann auch Fracking vorantreiben, ein wenig mehr Öl aus der Nordsee holen und Kohlekraftwerke länger laufen lassen. Aber all das zusammen reicht nicht aus, die Abhängigkeit zu durchbrechen. Es verschiebt sie bestenfalls, aber es beseitigt sie nicht. Atomenergie wäre eine Lösung, doch sie ist politische Tabuzone. Es bleiben die Erneuerbaren, die aber längst nicht das liefern, was Deutschland braucht. Der Satz der Bundesregierung, sich wieder eigenen fossilen Quellen zuzuwenden, ist deshalb weniger eine neue Strategie als vielmehr ein politisches Signal, das den Willen zeigt, Optionen offenzuhalten. Doch erstens sind Optionen noch keine Lösung. Und zweitens werden nicht einmal alle Optionen auf den Tisch gelegt. Damit ist klar: Deutschland kann sich vielleicht seine eigene Zapfsäule bauen. Voll wird der Tank davon aber trotzdem nicht.