Kontrafunk aktuell vom 21. Januar 2026
„Lobbygetriebenes Brechmittel“ ist keine strafbare Bezeichnung, wenn sie an die Adresse einer Politikerin wie Marie-Agnes Strack-Zimmermann geht. Den Freispruch vor dem Oberlandesgericht Karlsruhe kommentiert der Strafverteidiger Marco Mansdörfer. Baden-Württemberg kämpft kurz vor den Landtagswahlen gegen eine zunehmende Deindustrialisierung. Der Publizist Wolfgang Bok beurteilt die aktuelle Lage und ihre Ursachen. Der Konflikt zwischen dem Regime im Iran und dessen Kritikern beschäftigt die ganze Region. Wie die Nachbarstaaten auf die Ereignisse blicken, schildert der Islamwissenschaftler Walter Posch. Und im Kommentar geht Oliver Stock der Frage nach, ob die Reichen wirklich immer reicher und die Armen wirklich immer ärmer werden.
Marco Mansdörfer: Freispruch im „Brechmittel“-Fall Strack-Zimmermann
Wolfgang Bok: Baden-Württembergs Abstieg in die industrielle Kreisliga
Walter Posch: Irans Nachbarn auf dem Beobachtungsposten
Oliver Stock: Oxfams großer Irrtum – warum mehr Milliardäre weniger Armut bedeuten
Jedes Jahr, wenn sich in Davos die Limousinen stauen und der Champagner kaltgestellt wird, beginnt ein vertrautes Schauspiel: Vertreter der entwicklungspolitischen Hilfs- und Lobbyorganisation Oxfam treten vor die Kameras und verkünden mit ernster Miene eine immergleiche Botschaft: Die Reichen werden reicher, die Armen bleiben arm oder werden es angeblich noch mehr. Als Kronzeuge dienen die Weltbank und ihre Zahlen. Das System ist ungerecht, der Kapitalismus moralisch fragwürdig, die Marktwirtschaft neigt sich ihrem Ende zu. Es ist ein Ritual wie das Glockengeläut am Sonntag, nur säkularer und mit mehr Schuldzuweisungen. Dieses Jahr lautet die Schlagzeile: Rund 3000 Milliardäre besitzen 18,3 Billionen Dollar. Ihr Vermögen ist seit 2020 inflationsbereinigt um mehr als 80 Prozent gewachsen. Gleichzeitig lebt fast die Hälfte der Menschheit in Armut. Große Medien greifen dankbar zu, schreiben von „massiv steigender Ungleichheit“ und unterstellen einen direkten Zusammenhang zwischen dem Reichtum der einen und dem Elend der anderen. Es ist die Kuchentheorie, die alle nachbeten: Wenn die einen richtig zulangen, haben die anderen weniger. Das klingt empörend, es fühlt sich moralisch richtig an, weniger zu essen, und hinterlässt ansonsten schlechte Gewissen.
Es ist aber sachlich falsch. Wohlstand ist kein Kuchen, sondern eher ein Hefeteig: Bei der richtigen Temperatur geht er auf und vermehrt sich. Und dann haben alle etwas davon. Die gleichen Weltbankzahlen, auf die sich Oxfam beruft, erzählen nämlich in Wahrheit eine völlig andere Geschichte. Nach der Weltbank-Armutsdefinition lebten 2020 noch 50,5 Prozent der Weltbevölkerung in Armut, 2025 sind es 45,5 Prozent. In nur fünf Jahren sind also Hunderte Millionen Menschen der Armut entkommen. Nicht in einzelnen Ländern, sondern weltweit. Während die Vermögen der Milliardäre stiegen, schrumpfte gleichzeitig auch die Armut. Das ist kein Widerspruch, sondern ein Zusammenhang, den Oxfam und ihre Nachbeter konsequent verschweigen: Er nennt sich Wirtschaftswachstum. Selbst die extreme Armut ist zurückgegangen, von 11,4 auf 10,1 Prozent. Dabei ist diese Zahl das Ergebnis statistischer Kosmetik – ohne diese hätte sie sogar noch besser ausgesehen. Die Weltbank hat 2025 die Armutsgrenze um rund 40 Prozent angehoben, ein Rechentrick, der auf dem Papier mehr als 800 Millionen Menschen auf der Erde extrem arm erscheinen lässt. Ohne diese methodische Verschärfung läge die Zahl der extrem Armen heute bei rund 540 Millionen Menschen, also bei etwa 6,5 Prozent der Weltbevölkerung – dem niedrigsten Wert der gesamten Menschheitsgeschichte. Vor 200 Jahren lebten rund 90 Prozent in extremer Armut. Heute gilt: Noch nie lebten so wenige Menschen in bitterster Not. Das ist die wahre und die gute Nachricht. Doch sie passt eben nicht ins moralische Drehbuch.
Und noch etwas passt nicht: Denn was hat diesen Anteil auf einstellige Werte gedrückt? Es sind nicht Umverteilungsprogramme, nicht NGOs, nicht Empörungskampagnen à la Oxfam, sondern: Industrialisierung, Marktwirtschaft und wirtschaftliches Wachstum. Der Rückgang der Armut beschleunigte sich überall dort, wo Märkte geöffnet wurden. In China, Indien, Vietnam zum Beispiel. Und die Armut ging überall dort zurück, wo sozialistische Systeme kollabierten. Richtig ausgedrückt geht die Rechnung so: Im gleichen Zeitraum, in dem die Quote der extrem Armen von knapp 30 Prozent im Jahr 2000 auf heute historisch niedrige Werte gesunken ist, stieg das Vermögen der Milliardäre inflationsbereinigt um 840 Prozent. Nach dem Nullsummenglauben dürfte das natürlich nicht sein. Wenn Reichtum nur durch Ausbeutung entstünde, müssten mit jedem neuen Milliardär Millionen neue Arme entstehen. Aber das Gegenteil passiert. Die Nullsummenideologie betrachtet die Wirtschaft eben als Kuchen mit fester Größe, der nur gerechter verteilt werden müsste. In der Realität haben wir aber den Hefeteig, der so stark wächst, dass sowohl die Zahl der Reichen steigt als auch die Zahl der Armen sinkt. Das eigentliche Ärgernis sind nicht Oxfam-Vertreter, die das bewusst weglassen, sondern es ist die mediale Begleitmusik, die diese Zahlen jedes Jahr ungeprüft weiterträgt, obwohl längst belegt ist, dass sie ohne solide wissenschaftliche Grundlage sind. Empörung verkauft sich eben besser als Statistik, Moral besser als Mathematik, und so wird das Märchen von der immer ungerechteren Welt weiter erzählt, während die Wirklichkeit still und leise genau das Gegenteil tut: Wirtschaftswachstum macht die Reichen reicher und die Armen weniger arm. Das ist kein Skandal, sondern der größte zivilisatorische Fortschritt der letzten 200 Jahre.
