Kontrafunk aktuell vom 23. Januar 2026
Nach der verkündeten Grönland-Einigung macht Donald Trump weiter mit seinem Friedensrat. Kaum ist dieser gegründet, kommt der 25-Milliarden-Dollar-Plan für Gaza. Israel-Korrespondent Pierre Heumann analysiert die Aussichten des Friedensrats. Ob Kuba, Russland oder der Iran: Wie wirksam sind Sanktionen? Wir fragen Prof. Antony Mueller, ob Machthaber damit tatsächlich getroffen werden – oder ob vor allem die Menschen leiden. Spanien sucht nach Gründen und Schuldigen für das schwere Bahnunglück vom Sonntag. Näheres dazu berichtet die Maschinenbau-Ingenieurin Isabel Villalon. Und im Kommentar beschäftigt sich David Boos mit den Problemen von Geert Wilders und dessen Partei PVV.
Pierre Heumann: Friedensrat für Gaza – Trump in Davos
Antony Mueller: Warum Sanktionen scheitern
Isabel Villalon: Zugunglück – Korruption und Schlamperei in Spanien
David Boos: Niederlande – Wilders’ Freiheitspartei fällt auseinander
„Es gibt Typen, die wir noch mehr hassen als die Römer. Diese verfluchten judäischen Volksfront-Mistkerle.“ Mit diesem einen Satz fasste Monty Python einst in „Das Leben des Brian“ brillant die Crux der damaligen politischen Linken und ihrer zahllosen Abspaltungen zusammen. Die Volksfront von Judäa hasst die Judäische Volksfront, beide verachten die Populäre Front, und am Ende bekämpfen sie sich gegenseitig, mehr als den gemeinsamen Feind. 1979 war das noch ein Witz über Kommunisten und Trotzkisten. 2026 beschreibt es ziemlich präzise den Zustand der europäischen Rechten. Am 20. Januar dieses Jahres verließen sieben Abgeordnete die Fraktion der niederländischen Partij voor de Vrijheid von Geert Wilders. Angeführt wurden sie von Gidi Markuszower, dem ehemals engsten Vertrauten von Geert Wilders. Die PVV schrumpfte damit von 26 auf 19 Sitze und verlor so ihren Status als zweitstärkste Kraft im Parlament. Für Wilders ist es der vielleicht schwerwiegendste Rückschlag nach seinem Triumph bei den Wahlen 2023. Die Geschichte dieser Spaltung beginnt, wie so oft bei rechten Parteien, mit dem Scheitern in der Regierungsverantwortung. Das Kabinett Schoof, jene fragile Koalition aus PVV, VVD, BBB und NSC, hielt gerade einmal elf Monate. Im Juni 2025 zog Wilders seine Minister ab, weil ihm die Asylverschärfungen nicht weit genug gingen. Also ließ er die Regierung platzen – und hoffte, dass seine Wähler den anderen Parteien die Rechnung bei den Neuwahlen im Oktober präsentieren würden.
Das Gegenteil trat ein. Die PVV verlor elf Sitze. Das rechtspopulistische Lager fragmentierte sich. Das Forum voor Democratie gewann hinzu, JA 21 – eine Splittergruppe desselben – ebenso. Wilders hatte sein Monopol auf den Protestwähler verloren. Und in den eigenen Reihen begann es zu rumoren. Die Dissidenten um Markuszower und den ehemaligen Wahlkampfleiter Hidde Heutink forderten in einem internen Brandbrief, was Wilders seit zwanzig Jahren verweigert: eine Demokratisierung innerhalb der Partei. Die PVV ist bekanntlich ein Verein mit einem einzigen Mitglied – Geert Wilders selbst. Es gibt keinen Parteitag, keinen Vorstand, keine Korrekturmechanismen. Wenn Wilders Fehler macht, gibt es nur eine Option: den Austritt. Und genau das taten die sieben. „Die PVV ist mehr als ein Mann mit einem Twitter-Account“, schrieben sie. Ein ziemlicher „Burn“, wie man im Internet heutzutage sagen würde. Doch die Kritik ging weiter, vor allem Heutink warf Wilders einen äußerst uninspirierten Wahlkampf vor, in dem der Parteichef Interviews absagte, TV-Debatten mied und sich auf Social Media zurückzog. Einige bezeichneten dieses Verhalten gar als „Arbeitsverweigerung“. Der große Kommunikator Wilders war müde geworden. Die Ironie der Geschichte will es, dass ausgerechnet Markuszower zum Brutus wurde. 2024 sollte er Asylminister werden, doch der Geheimdienst AIVD verweigerte die Freigabe – angeblich wegen Kontakten zum israelischen Mossad. Wilders zog ihn vom Posten ab, behielt ihn aber in der Fraktion. Nun kehrt sich das Verhältnis um. Der Gefallene wird zum Anführer einer neuen Kraft, die sich als „pragmatische PVV“ positioniert, bereit zur Zusammenarbeit statt zur Fundamentalopposition.
Für die niederländische Regierungsbildung ändert das alles. D66 unter „Polder-Obama“ Rob Jetten braucht Partner für die Regierungsbildung. Mit den Liberalen und Christdemokraten von VVD und CDA kommt er auf 66 Sitze, 10 zu wenig für die Mehrheit. Vor dem Split war diese Lücke kaum zu schließen. Jetzt bieten sich JA 21 und die Gruppe Markuszower als Tolerierungspartner an. Zusammen bringen sie 16 Sitze. Die Rechnung würde aufgehen. Wilders hingegen sitzt draußen. Er hatte Gespräche mit Jetten kategorisch abgelehnt, nun muss er zusehen, wie andere seinen Platz einnehmen. Die Abtrünnigen werden zu Königsmachern, während der König selbst in der Isolation verharrt. Rechte Parteien in Europa stehen vor einem Dilemma. Sie werden gewählt, um zu verändern, doch in Koalitionen können sie wenig umsetzen. Die Brandmauern der etablierten Kräfte lassen ihnen kaum Spielraum. Wenn sie dann scheitern, werden sie dafür bestraft – nicht die anderen. Wilders ist nicht der Erste, dem das widerfährt. Die FPÖ in Österreich kennt dieses Muster nur zu gut, die Lega in Italien ebenso. Nur eine scheint den Spagat bislang zu meistern: Giorgia Meloni. Sie regiert – sehr zum Ärgernis der Volksfront von Judäa – in Rom, macht Kompromisse, ohne ihre Basis zu verlieren, pflegt das europäische Establishment, ohne ihm zu verfallen. Ob das ein Modell für Wilders sein kann? Dazu müsste er zunächst akzeptieren, dass seine Partei mehr sein muss als ein Verstärker für seine Tweets, sonst findet er sich zum Schluss noch allein auf den Stufen des Parlaments sitzend wieder, während ihm ehemalige Weggefährten ein hasserfülltes „Spalter!“ zurufen.

