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    Montag, 26. August 2024, 5:05 Uhr
    Montag, 26. August 2024, 5:05 Uhr
    (Wdh.06:05, 07:05, 09:05, 12:05, 13:05, 18:05)

    Kontrafunk aktuell vom 26. August 2024

    Was geschieht nach dem Terroranschlag in Solingen? Warum ausgerechnet in Solingen ein Syrer auf dem Stadtfest drei Menschen getötet und acht weitere verletzt hat und inwiefern die Ereignisse ein Wendepunkt sein können, darüber sprechen wir mit dem Journalisten Julian Reichelt. Am Samstag wurde der Chef der Kommunikations- und Informationsplattform Telegram, Pawel Durow, vom französischen Geheimdienst festgenommen. Was man ihm vorwirft und ob in Europa eine weitere Stunde der Zensur schlägt, erklärt Rechtsanwalt Joachim Steinhöfel. In den USA haben sich letzte Woche die Demokraten an ihrem viertägigen Konvent auf den Wahlkampf eingestimmt. Wir analysieren den Parteitag mit unserer USA-Korrespondentin Susanne Heger. Und die Höhepunkte der neuen Ausgabe des Dudens behandelt Prof. Peter J. Brenner in seinem Kommentar des Tages.

    Interview 1

    Julian Reichelt: Solingen und die Folgen

    Interview 2

    Joachim Steinhöfel: Pavel Durov verhaftet

    Interview 3

    Susanne Heger: Rückblick auf den Parteitag der Demokraten

    Kommentar

    Peter J. Brenner: Die neue Dudenausgabe

    Am 20. August 2024 ist die 29. Auflage des Rechtschreib-Dudens erschienen. Das Buch trägt einen ehrwürdigen Namen, und es kann auf eine lange, in das Jahr 1880 zurückreichende Tradition verweisen. Aber den Duden-Verlag gibt es seit 2022 nur noch als Markennamen der Berliner Cornelsen-Gruppe, und auch wenn es in der Öffentlichkeit immer noch nicht so richtig durchgedrungen ist: 2006 hat der Duden sein Rechtschreibmonopol an den „Rat für deutsche Rechtschreibung“ abtreten müssen. Aber das Bedürfnis der Redaktion, den Sprachgebrauch der Deutschen zu schulmeistern, ist ungebrochen. Sprache ist immer ideologieanfällig, und auch die trockensten Wörterbücher schleppen einigen politischen Ballast mit sich. Wenn die Redaktion auf drei Seiten fünfzehn verschiedene Möglichkeiten anbietet, um Personen „geschlechterneutral“ zu benennen, dann merkt auch der Laie, dass hier ein Problem gelöst wird, das man zuvor selbst erzeugt hat. Und man kann es mit der Geschlechtergerechtigkeit auch übertreiben – die „Talibankämpferin“ gibt es sicher nur in den Köpfen der Duden-Redaktion und nicht in der afghanischen Wirklichkeit.

    Unter den rund 2700 N-Wörtern findet sich auch das Stichwort „Neger“, dem die Redaktion erwartungsgemäß besondere Aufmerksamkeit widmet. Der „Neger“ wird, genauso wie die „Negerin“, als „stark diskriminierend“ geächtet; besser sei es, so wird man belehrt, „Person of Color“ oder „Schwarzer“ zu sagen. Der „Nazi“ hingegen, auch ein N-Wort, bleibt erlaubt, auch wenn dieser Begriff im politischen Sprachgebrauch uferlos und in unzweifelhaft abwertender Absicht gebraucht wird. Der „Eskimo“ wiederum ist nur „teilweise diskriminierend“, was immer man sich darunter vorstellen soll; während der „Indianer“, der einige Duden-Auflagen früher noch ungeschoren geblieben war, neuerdings uneingeschränkt „diskriminierend“ ist. Kurioserweise gilt das für den gleich darunter verzeichneten „Indianerhäuptling“ ebenso wenig wie für den „Indianerkrapfen“. Der „Negerkuss“ hingegen wird missbilligt und über das „Zigeunerschnitzel“ muss man gar nicht erst reden. Das Wort „alttestamentarisch“ solle man nicht „unüberlegt“ verwenden, heißt es – das sollte man übrigens bei keinem Wort –, weil es im „Nationalsozialismus“ verwendet wurde.

    Offenkundig entspringen diese Wertungen eher einem volkserzieherischen Ehrgeiz als einer nüchternen Bestandsaufnahme des Sprachgebrauchs. Elektronische Datenbanken liefern der Duden-Redaktion inzwischen milliardenfache Belege, vor allem aus Zeitungen, daneben aus Romanen und Sachtexten. Damit kann aber nur der schriftliche und öffentliche, nicht aber der mündliche und private Sprachgebrauch erfasst werden. Man kann sich jedenfalls vorstellen, dass zumindest jenen Teilen der deutschsprachigen Bevölkerung, die einer geregelten Arbeit nachgehen, die diskriminierungsfreie Bezeichnung der Ureinwohner Amerikas ebenso gleichgültig ist wie die Frage, ob ein „geschlechtergerechter Sprachgebrauch“ am besten mit einem Genderstern, einem Doppelpunkt oder einem Unterstrich praktiziert wird. Stilebenen werden im Duden nur sehr sparsam beschrieben. Hin und wieder wird unterschieden zwischen „gehoben“ und „umgangssprachlich“ sowie zwischen einem knappen Dutzend Sondersprachen. Die „Jägersprache“ gibt es noch, der frühere Hinweis auf die „Zigeunersprache“ ist verschwunden, und die Aufnahme der „Gendersprache“ als Sondersprache eines elitären akademisch-medialen Milieus steht noch aus.

    An der Auswahl der inzwischen 151.000 Stichwörter kann man, wie bei jedem anderen Lexikon auch, endlos herummäkeln. Auf den ersten Blick sieht es so aus, als wären die Österreicher und Schweizer mit der Aufnahme von Austriazismen und Helvetismen etwas zu kurz gekommen. Aber immerhin: Das österreichische „Pickerl“ und das schöne schweizerische „weibeln“ kommen vor. Über die sicher abermals gestiegene Zahl der Anglizismen zu klagen, wäre unangebracht. Sie gehören zum Wortbestand der deutschen Sprache – der „User“ und der „Follower“ und viele Dutzend weiterer Wörter aus dem breiten Feld der digitalen Kommunikation sind nun einmal da, und sie werden auch benötigt. Die Hinweise zu deren Eindeutschung sind ebenso hilfreich wie die zahlreichen Erläuterungen zu „Zweifelsfällen“ und die meist vernünftigen, gelb unterlegten Variantenempfehlungen. Nicht jede Belehrung hätte man wirklich gebraucht. Bestimmte Schreibweisen durch Verweis auf die Wortherkunft zu erläutern, ist sinnvoll, dass aber das Wort „Sisyphos“ in der ersten Silbe mit „i“ und in der zweiten mit „y“ geschrieben wird, sieht man eigentlich, wenn man hinschaut. Das hätte nicht noch einmal erläutert werden müssen. Auf das Überflüssige könnte man verzichten, auf die moralischen Belehrungen erst recht, aber dank seines Umfangs und seiner Aktualität ist dieser Duden nützlich, wenn auch angesichts der digitalen Konkurrenz, auch der aus dem eigenen Haus, nicht unbedingt unverzichtbar.