Kontrafunk aktuell vom 26. August 2025
Vor zehn Jahren verkündete Angela Merkel: „Wir schaffen das.“ Der österreichische Publizist Gerald Grosz zieht in seinem neuen Buch eine vernichtende Bilanz zur Politik, die damit ausgelöst wurde. Israel will Gaza einnehmen, doch die eigene Bevölkerung ist gespalten beim Blick auf dieses Vorhaben. Israel-Korrespondent Pierre Heumann berichtet über die aktuelle Lage. Die Pflegeversicherung in Deutschland ist dreißig Jahre nach Einführung auf dem Weg in den finanziellen Kollaps. Gründe und mögliche Auswege aus Praxis-Perspektive schildert Axel Hölzer, Geschäftsführer von Seniorenzentren. Und im Kommentar erklärt Markus Vahlefeld, was er vom Feldzug gegen den Begriff Mohr hält.
Gerald Grosz: Merkels Erbe zehn Jahre nach „Wir schaffen das“
Pierre Heumann: Israel und die Pläne zur Einnahme von Gaza
Axel Hölzer: Woran die Pflegeversicherung in Deutschland krankt
Markus Vahlefeld: Wie die Mohren ausgemerzt werden sollen
Ob es wirklich die letzten Zuckungen eines seit Jahren, vielleicht Jahrzehnten herrschenden linken Kulturkampfes sind, vermag mit Sicherheit niemand zu sagen. Dass die Antirassisten, Decolonizer und Buntheitsfanatiker erneut ernten, was sie an Idiotie gesät haben, mag nämlich ein Pyrrhussieg sein: Die Mohrenstraße wurde am Samstag umbenannt in Anton-Wilhelm-Amo-Straße. Vorausgegangen war ein Rechtsstreit, bei dem das Oberverwaltungsgericht Berlin dem Bezirk-Mitte recht gegeben hatte, die Umbenennung vornehmen zu können. Natürlich wird Berlin-Mitte von einer grünen Bezirksbürgermeisterin regiert. Offizielle Namen von Gebäuden wie auch Straßennamen sind Ehrbezeugungen. Dass die mindestens seit dem Jahr 1710 nach den Mohren benannte Straße in Berlin daher als Beispiel für weißen Rassismus herhalten muss, ist schlicht Quatsch. Es lässt eben unter den Tisch fallen, dass der Name eine wie auch immer deskriptive oder distanzierte, aber am Ende eben doch ehrenvolle Erinnerung an schwarze Menschen in Berlin war. Da aber früher alles rassistisch vergiftet und kolonial verseucht war und erst der heutige liberal-progressive Mensch als aufgeklärt gelten darf, muss halt weg, was alt ist.
Der neue Namensgeber, Herr Anton Wilhelm Amo, war ebenfalls Mohr, also schwarzer Hautfarbe, ursprünglich aus Ghana, und wurde schließlich um 1730 der erste schwarze Gelehrte an Deutschlands Universitäten. Seine Dissertation schrieb Amo auf Latein und gab ihr den Titel „De iure Maurorum in Europa“ (was übersetzt heißt: „Über die Rechtsstellung der Mohren in Europa“). Und auch dass er zuvor am Hof Anton Ulrichs von Braunschweig-Wolfenbüttel ganz offiziell als Kammermohr gearbeitet hatte, zeigt: Egal, wie es die ewig gut meinenden Kempen von links auch drehen, den Begriff Mohr bekommen sie einfach nicht raus. Aber geht es den ewig Gutmeinenden wirklich um den Mohren und das Aufzeigen des ewig grassierenden Rassismus? Mitnichten. Sie würden gerne, aber sie können nicht. Denn die ganze Geschichte um Anton Wilhelm Amo ist eine Geschichte nicht über Rassismus, sondern über die Weltoffenheit der Frühaufklärung zu Beginn des 18. Jahrhunderts. Eine Geschichte nicht über Leid und Unterdrückung, sondern über Förderung, Bildung und Aufstieg. Es ist die Geschichte über die großen Errungenschaften und Freiheiten, die Europas einzigartige Kultur prägen. Wie Herr Amo wirklich nach Europa kam, von seiner Familie geschickt oder womöglich verschleppt, vor allem aber: Wer seine Familie war, das ist bisher noch nicht ausreichend erforscht. Es könne nicht einmal ausgeschlossen werden, so heißt es, dass Amo seinerseits aus einer Familie westafrikanischer Sklavenhändler stamme – womit er nach dem Berliner Straßengesetz, das „Wegbereiter von Sklaverei“ explizit ausschließt, als Namensgeber wiederum ausscheiden müsste. Man kann sich also jetzt schon Popcorn bestellen, um dem linken Deutungskampf um Rassismus und Sklaverei zuzuschauen.
Und damit schließt sich der Kreis zu der bereits erwähnten Idiotie, die wir aus dem großen antirassistischen Projekt der Claudia Roth und der Annalena Baerbock hinlänglich kennen. Die beiden Damen gaben Ende 2022 unter großem Tamtam die berühmten Benin-Bronzen an Nigeria zurück. Ein vom deutschen Steuerzahler finanziertes Museum in Nigeria sollte extra für die Bronzen erbaut werden, damit die Artefakte dem nigerianischen Volk zur Verfügung stehen könnten. Daraus wurde nichts, weil der nigerianische Staatspräsident schon Monate vor der Übergabe die Bronzen an den Nachfolger der Könige von Benin übereignet hatte, sie also weiterhin im Privatbesitz sind. Was noch schöner ist, und diese ganze westliche Unterwerfungspose in eine Posse verwandelt: Die Könige von Benin zeichneten sich durch regen und extrem brutalen Sklavenhandel aus. Natürlich mit Mohren, die sie über ihre Küsten verschiffen ließen. Je schriller die Linken schreien, desto offenkundiger werden nicht nur ihre ideologischen Ungereimtheiten, sondern vor allem ihre Bildungsdefizite. Ich gebe der Anton-Wilhelm-Amo-Straße keine drei Jahre, bis herauskommt, Herr Amo, der nach Ghana zurückkehrte und dort starb, war nicht der edle Wilde, zu dem die Linken jeden Nichtweißen machen wollen. Und dann? Nennen wir sie wieder in Mohrenstraße um, der Kreis hätte sich geschlossen, und man könnte endlich zur Vernunft zurückkehren.
