Skip to main content
Kontrafunk live hören
Kontrafunk live hören
Kontrafunk Livestream Player
die Nachrichten vom 14. Juni, 5 Uhr
die Nachrichten vom 13. Juni, 19 Uhr
die Nachrichten vom 13. Juni, 15 Uhr
die Nachrichten vom
13. Juni, 10 Uhr
    Dienstag, 27. Januar 2026, 5:05 Uhr
    Dienstag, 27. Januar 2026, 5:05 Uhr
    (Wdh.02:05, 06:05, 07:05, 09:05, 12:05, 13:05)

    Kontrafunk aktuell vom 27. Januar 2026

    Marcel Joppa im Gespräch mit Marco Gallina, Tobias Ulbrich und Ralph Boleslawsky – Kontrafunk-Kommentar: Thomas Hartung

    Die Vereinigten Staaten haben ihren Austritt aus der Weltgesundheitsorganisation bekanntgegeben. Was dies für die WHO und für Deutschland als Spitzenzahler bedeutet, erläutert der Rechtsanwalt Tobias Ulbrich. Die Ärztin Dr. Bianca Witzschel muss in den nächsten Tagen erneut hinter Gitter, weil sie während Corona nach „bestem Wissen und Gewissen“ gehandelt hat. Einzelheiten berichtet ihr Rechtsanwalt Ralph Boleslawsky. Deutschlands Kanzler Merz vertieft das Verhältnis zu Italien und zu Ministerpräsidentin Meloni. Was dahintersteckt, erklärt der Journalist Marco Gallina. Und Thomas Hartung kommentiert die fortschreitende „Trans-Revolution“ und die Geschlechterpolitik in Schulen, Medizin und Medien.

    Interview 1

    Tobias Ulbrich: Die Zukunft der WHO nach dem Austritt der USA

    Interview 2

    Ralph Boleslawsky: Wie Corona-kritische Ärzte bis heute verfolgt werden

    Interview 3

    Marco Gallina: Die neue deutsch-italienische Agenda

    Kommentar

    Thomas Hartung: Die „Trans-Revolution“ in Schulen, Medizin und Medien

    Es gehört zu den beliebtesten Beruhigungsformeln spätliberaler Milieus, einen Konflikt für erledigt zu erklären, sobald erste Ermüdungserscheinungen sichtbar werden. Genau in dieses Muster fällt die These, die „Trans-Revolution“ sei im Abklingen, weil sinkende Identifikationszahlen bei Jugendlichen auf einen Trendbruch hindeuteten. Der Gedanke ist psychologisch attraktiv: Wenn es „nur“ ein Hype war, muss man weder die institutionellen Schäden aufarbeiten noch die moralische und pädagogische Gewalt, mit der die These der völligen Geschlechtsfluidität in Schulen, Medizin und Medien durchgesetzt wurde. Jetzt heißt es plötzlich: Alles halb so wild. Nur: So funktioniert Gesellschaft nicht. Ein Trend kann abklingen, während die Infrastruktur, die er geschaffen hat, bleibt. Wir haben in Schulen neue Toiletten, in Verwaltungen neue Sprachvorschriften, in NGOs ganze Förderstrukturen aufgebaut. Es gibt Fortbildungen, Beratungsstellen, „sensible Sprache“-Kataloge. In der Medizin wurde eine „affirmative“ Haltung zur Norm erhoben: Die Selbstdiagnose des Jugendlichen steht, der Auftrag der Erwachsenen heißt Bestätigung – nicht Prüfung.

    Und wer gewagt hat, das alles zu hinterfragen, wurde nicht als Skeptiker behandelt, sondern als Gefährder. Schon Hinweise auf Modeeffekte, Gruppendruck, „soziale Ansteckung“ reichten, um als transphob, herzlos und natürlich rechts etikettiert zu werden. Daten zu erheben, galt als Angriff auf Menschen, nicht als Versuch, sie zu verstehen. Das eigentliche Problem ist deshalb nicht, dass Jugendliche nach Form und Sinn suchen. Das ist völlig normal. Das Problem ist, dass die erwachsenen Deutungsinstanzen – Medien, Politik, Pädagogik – diese fragile Suchbewegung ideologisch überhöht haben. Die Pubertät wurde nicht als Übergang mit Ambivalenzen verstanden, sondern als Bühne für identitätspolitische Großprojekte. Besonders heikel wird es, wenn aus dieser Kultur medizinische Fakten folgen. Hormonbehandlungen und operative Eingriffe sind keine neue Frisur, sondern irreversible Entscheidungen. Gerade bei Minderjährigen müsste der Maßstab heißen: Schutz vor Überforderung, Schutz vor vorschneller Festlegung. Stattdessen wurde jeder Zweifel an der medizinischen „Transition“ moralisch aufgeladen – als Verrat an angeblich „verletzlichen“ Jugendlichen.

    Interessant ist, wie jetzt umgedeutet wird: Wenn die Zahlen sinken, dann – so die Aktivisten – nicht etwa, weil die Ideologie überdreht hat, sondern wegen eines „Kulturkampfs von rechts“. Das ist das klassische Immunisierungsmanöver politischer Religionen: Die Wirklichkeit widerlegt mich nicht, sie wird nur von Feinden unterdrückt. Natürlich gibt es auf beiden Seiten Übertreibungen, grobe Töne, symbolische Politik. Doch die Asymmetrie liegt auf der Hand: Der Druck kam zuerst von oben – aus Lehrplänen, Rundschreiben, Kampagnen –, die Reaktion von unten. Wer jahrelang jede Frage pathologisiert, darf sich nicht wundern, wenn der Gegenwind irgendwann stürmisch wird. Was heißt das nun politisch? Es reicht nicht, wie Birgit Schmid in der „Neuen Zürcher Zeitung“ nur erleichtert festzustellen: „Man darf ja wieder mehr sagen.“ Wenn eine Gesellschaft wirklich erwachsen werden will, dann muss sie ihre eigenen Irrwege aufarbeiten: Schulmaterialien durchsehen, medizinische Standards überprüfen, Elternrechte stärken, kurz: zu einem nüchternen Realismus zurückkehren, der Mitgefühl nicht mit Wirklichkeitsverleugnung verwechselt.

    Man kann Minderheiten schützen, ohne Biologie abzuschaffen. Man kann jedem Menschen Respekt entgegenbringen, ohne Sprache zu verordnen. Man kann individuelle Freiheit achten und gleichzeitig Kinder vor irreversiblen Experimenten schützen. Die eigentliche Bewährungsprobe kommt also nicht jetzt, da die Kurve nach unten zeigt. Die Bewährungsprobe kommt dort, wo wir uns fragen: Haben wir den Mut zur Revision? Oder erklären wir den Hype einfach für „vorbei“, um ja nicht über die Verantwortung all derer sprechen zu müssen, die das Gemeinwesen in einen Modus kollektiver Suggestion geführt haben? Eine demokratische Gesellschaft zeigt sich nicht daran, wie begeistert sie dem Zeitgeist hinterherläuft. Sondern daran, ob sie den Mut hat, zu sagen: Hier sind wir zu weit gegangen. Und jetzt bauen wir zurück.