Kontrafunk aktuell vom 29. Januar 2026
Sachsen-Anhalt hat einen neuen Ministerpräsidenten: Sven Schulze wurde im ersten Wahlgang gewählt – mit mehr Stimmen, als die Koalition eigentlich hergibt. War das politisches Kalkül oder der Auftakt zu größeren Verschiebungen? Antworten darauf von Politikexperte Frank Wahlig. Im Fokus steht außerdem der Jahreswirtschaftsbericht von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche. Zwischen Reformversprechen, Energiekosten und Wettbewerbsdruck analysiert Klaus-Rüdiger Mai, ob das Papier Klarheit schafft oder beschwichtigt. International geht es um den Iran und die besondere Rolle der Schweiz als diplomatischem Vermittler. Daniel Rickenbacher, Historiker und Journalist, erklärt, wie tragfähig diese „Guten Dienste“ heute noch sind. Und Oliver Stock widmet sich im Kommentar dem Gold, das vom Misstrauen lebt.
Frank Wahlig: Ministerpräsidenten-Rochade in Sachsen-Anhalt
Klaus-Rüdiger Mai: Katherina Reiche stellt Wirtschaftsbericht vor
Daniel Rickenbacher: Iran – die internationale Rolle der Schweiz und die „Guten Dienste“
Oliver Stock: Goldpreis im Höhenflug
Gold blinkt, Gold glänzt, Gold spiegelt so sehr, dass wir beinahe blind werden. Mehr als 5000 Dollar pro Feinunze – ein Preis, bei dem selbst eingefleischte Goldgläubige nervös am Tresor lauschen, ob hier alles mit rechten Dingen zugeht. Aber das tut es. Früher war Gold der Angstschweiß der Märkte. Heute ist es ihr Dauerparfum. Die Erklärung dafür ist so simpel wie unerquicklich: Die Welt steht unter Spannung wie ein überdehntes Stromkabel. Donald Trump auf der globalen Bühne wirkt auf die Märkte wie ein politischer Flammenwerfer. Grönland, Iran, Venezuela. Zölle, Drohungen, Deals im Morgengrauen. Alles dabei. Gold liebt dieses Chaos. Gold braucht kein Vertrauen, Gold lebt vom Misstrauen. Und der Mann mit der roten Krawatte versteht sich darauf, es zu säen wie kein zweiter. Wer heute Gold kauft, kauft keine Renditefantasie, sondern eine Versicherung gegen politischen Leichtsinn, geopolitische Kurzschlüsse und ökonomische Selbstüberschätzung. Staaten verschulden sich hemmungslos, Notenbanken werden zum Spielball der Mächtigen, die Weltordnung wirkt wie ein zitternder Jenga-Turm. In solchen Zeiten erinnert sich der Mensch an archaische Wahrheiten. Papier brennt. Versprechen verfallen. Gold bleibt.
Und Silber. Dieses kleine, oft belächelte Geschwisterchen. Wenn Gold der König unter den Edelmetallen ist, ist Silber der Arbeiter. Es glänzt nicht nur im Tresor, sondern schuftet in Solarzellen, Batterien, Medizintechnik. Während Gold die Angst der Eliten spiegelt, erzählt Silber von der Nervosität der Realwirtschaft. Steigt Silber mit, dann ist das kein Zufall, sondern ein Signal. Die Flucht in Sicherheit paart sich mit der Hoffnung auf industrielle Nachfrage. Das ist keine Panik. Das ist strategische Vorsorge. Ganz anders die Krypto-Anlagen. Allen voran der Bitcoin, den seine Jünger gern als digitales Gold verklären. In Wahrheit ist er das Gegenteil. Kein sicherer Hafen, sondern ein Hochseil ohne Netz. Extreme Volatilität, Kurssprünge wie Herzrhythmusstörungen, Gewinne am Dienstag, Verluste am Mittwoch. Bitcoin lebt nicht vom Misstrauen gegenüber Politik, sondern vom Vertrauen darauf, dass morgen jemand noch mehr dafür bezahlt. Er ist kein Wertspeicher, sondern ein Stimmungsbarometer – abhängig von Tweets, Regulierungssignalen und der Laune junger Anleger. In Krisen fällt er nicht selten schneller als Aktien. Für Vermögenssicherung taugt das nicht. Wer Stabilität sucht, findet im Bitcoin Nervenkitzel, aber keinen Halt.
Noch schlimmer ist es mit einer Währung, die jahrhundertelang funktioniert hat, jetzt aber dem Fortschritt zum Opfer fällt. Diamanten, Saphire, Rubine – sie waren einst Sinnbilder für Dauer, Reichtum und Unvergänglichkeit. Doch der Blick auf die vergangenen Jahre ernüchtert. Die Preise für Diamanten haben sich keineswegs so glänzend entwickelt wie ihr Ruf. Nach einem kurzen Nachfragehoch während der Pandemie folgte die Ernüchterung. Seit 2022 stehen insbesondere Standarddiamanten unter Druck. Labordiamanten fluten den Markt, günstiger, makellos, jederzeit reproduzierbar. Der natürliche Diamant verliert seine Aura als Monopolist. Edelsteine sind schön, aber sie sind kein Markt, sondern viele kleine Minimärkte. Intransparent, illiquide, abhängig von Geschmack, Mode und Zertifikaten. Als Schutzschild gegen Krisen taugen sie kaum. Sie funkeln – aber sie tragen nicht mehr. Und dann sind da noch die seltenen Erden, diese geheimnisvollen Rohstoffe mit Namen wie Neodym oder Terbium. Sie gelten als das Gold der Energiewende, als unverzichtbar für Windräder, Elektromotoren, Rüstungstechnologie. Ihre Preise können explodieren, wenn Lieferketten reißen oder China den Export drosselt. Aber genau darin liegt das Problem. Seltene Erden sind kein Werttanker, sondern geopolitische Spielbälle. Sie sind hochpolitisch, extrem zyklisch, abhängig von Förderländern, Subventionen und technologischen Durchbrüchen. Heute knapp, morgen schon ersetzt. Wer hier investiert, spekuliert auf Engpässe, nicht auf Beständigkeit. Als Anlageklasse sind seltene Erden chancenreich, aber nervenaufreibend. Freuen wir uns also ruhig ein wenig mit den Goldgläubigen. In einer Welt, in der politische Gewissheiten zerbröseln wie altes Mauerwerk, gibt es am Ende nur wenige Werte, die ohne wacklige Zukunftsversprechen auskommen. Gold gehört dazu. Es schießt nicht. Es twittert nicht. Es droht nicht. Es hält einfach still. Und genau das macht es so wertvoll.

