Kontrafunk aktuell vom 30. April 2026
Im rheinland-pfälzischen Landtag sollen die Regeln für Untersuchungsausschüsse verschärft werden. Michael Büge, designierter Fraktionsvorsitzender der AfD, erörtert, ob dies ein gezielter Schritt gegen die Opposition ist. International sorgt der Austritt der Vereinigten Arabischen Emirate aus der Opec für Unruhe. Welche Folgen das für Energiepreise und Versorgung hat, schildert der Energieberater Johannes Benigni. In unserer CO₂-Reihe hinterfragt Dr. Bernd Fleischmann die gängige These des menschengemachten Klimawandels. Und Thomas Hartung kommentiert die Rolle der Kirche zwischen politischer Anpassung und Identitätssuche.
Michael Büge: Rheinland-Pfalz will Regeln für Untersuchungsausschüsse verschärfen
Johannes Benigni: Opec-Austritt der Vereinigten Arabischen Emirate
Bernd Fleischmann: Ist der Klimawandel menschengemacht?
Thomas Hartung: Kirche zwischen politischer Anpassung und Identitätssuche
Es ist ein bemerkenswerter Satz, der derzeit aus kirchlichen Kreisen zu hören ist: Der Begriff des „christlichen Abendlands“ sei problematisch, verkürzt, ja politisch missbrauchsanfällig. Man solle vorsichtig sein mit solchen Worten, sie könnten zur Ausgrenzung dienen. So steht es im Zwischenruf „Europa, zeig dich selbstbewusst!“ der Deutschen Bischofskonferenz anlässlich des Europatags. Religion soll nicht instrumentalisiert werden: Wer wollte dem widersprechen? Doch gerade hier beginnt das eigentliche Problem. Denn die Kirche tut inzwischen etwas anderes: Sie will nicht nur den Missbrauch eines Begriffs vermeiden; sie verliert den Begriff selbst. Das „Abendland“ erscheint nicht mehr als historisch gewachsene Ordnung, sondern nur noch als Verdacht. Als Codewort. Als Signal einer angeblich „rechten“ Haltung. Und genau darin liegt die Verschiebung. Denn gleichzeitig passiert etwas anderes. Die Kirche öffnet ihre Kanzeln für politische Deutungen, die mit klassischer christlicher Verkündigung nur noch lose verbunden sind. So durfte etwa die Klimaaktivistin Luisa Neubauer im Berliner Dom eine Predigt halten, die biblische Motive mit aktueller Klimapolitik und gesellschaftlichen Appellen verknüpfte. Hinzu kommen irritierende kulturelle Signale, die das Problem vertiefen. Weihnachtsdarstellungen werden neu interpretiert, biblische Figuren symbolisch umgedeutet, klassische Motive in einen politischen Kontext gestellt. Was früher Ausdruck einer gewachsenen religiösen Tradition war, wird heute oft zum Experimentierfeld zeitgeistiger Narrative.
Man muss sich diese Konstellation vor Augen führen: Der Begriff „Abendland“ wird gemieden, weil er angeblich zu eindeutig sei – gleichzeitig wird die Kanzel für hochaktuelle, politisch aufgeladene Themen geöffnet, die alles andere als neutral oder gar eindeutig sind und mit denen die Kirche ihre eigene Substanz riskiert. Die Folge ist ein doppelter Effekt: Das Eigene wird relativiert – und das Andere moralisch aufgeladen. Dabei wäre die eigentliche Aufgabe der Kirche zu erklären, nicht auszuweichen und schon gar nicht Begriffe zu delegitimieren. Denn das „Abendland“ ist kein politischer Kampfbegriff. Es meint die Verbindung von römischem Recht, christlicher Ethik, griechischer Vernunfttradition, später Aufklärung und bürgerlicher Freiheit. Es ist ein historischer Erfahrungsraum, ein Kulturraum, der nie homogen, nie rein „christlich“ war, sondern immer plural und widersprüchlich. Aber aus dieser Komplexität wird heute ein erstaunlicher Schluss gezogen: Wenn ein Begriff nicht alles umfasst, soll er gar nicht mehr gebraucht werden. Das ist kein Erkenntnisgewinn, sondern Sprachverzicht. Wenn man diesen Begriff aufgibt, weil er missverstanden werden könnte, verliert man nicht nur ein Wort – man verliert ein Deutungsinstrument. Und genau das geschieht derzeit. Die Kirche betont zu Recht, dass das Christentum universal ist. Doch aus dieser Universalität wird zunehmend kulturelle Beliebigkeit abgeleitet. Das ist ein Missverständnis. Denn gerade weil das Christentum universal ist, hat es konkrete Kulturen geprägt.
Europa ist nicht zufällig so geworden, wie es ist. Seine Institutionen, seine Rechtsordnung, seine Vorstellung von Würde und Verantwortung haben eine Geschichte. Diese Geschichte zu benennen, ist keine Ausgrenzung. Es ist Beschreibung. Wenn man sie nicht mehr benennt, bleibt nur eine abstrakte Sprache von „Werten“. Aber Werte ohne kulturellen Träger sind leer. Sie existieren nicht im luftleeren Raum. Oder einfacher: Freiheit braucht Herkunft. Die Kirche steht hier vor einer Entscheidung. Will sie anschlussfähig bleiben um den Preis der Selbstvermeidung – oder will sie ihr eigenes Erbe ernst nehmen, auch wenn es politisch unbequem wird? Derzeit scheint sie sich für den ersten Weg zu entscheiden. Sie meidet den Begriff „Abendland“, während sie gleichzeitig ihre Räume für politische Deutungen öffnet, die kaum noch aus ihrer eigenen Tradition heraus begründet sind. Das ist eine paradoxe Selbstentwaffnung. Denn wer Begriffe aus Angst vor Missbrauch aufgibt, überlässt sie anderen. Und wer seine eigene Sprache verliert, verliert am Ende auch seine Deutungskraft. Eine Kirche aber, die das Abendland nur noch als Verdacht versteht, wird es nicht mehr erklären können. Und was man nicht mehr erklären kann, kann man auch nicht mehr bewahren.
