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    Montag, 5. August 2024, 5:05 Uhr
    Montag, 5. August 2024, 5:05 Uhr
    (Wdh.06:05, 07:05, 09:05, 12:05, 13:05, 18:05)

    Kontrafunk aktuell vom 5. August 2024

    Wie sieht die aktuelle Lage im Nahen Osten aus, wo die Situation zu eskalieren droht? Einblicke dazu vom deutsch-israelischen Journalisten und Schriftsteller Chaim Noll. Wer sich ehrenamtlich in einer Kirchgemeinde engagiert, kann Probleme bekommen, wenn er das auch für die AfD tut. Der Ulmer Andreas Härtel berichtet von seinen Erfahrungen. Gegen den rechten Aktivisten Martin Sellner wurde bei einem Auftritt in Baden-Württemberg ein Aufenthaltsverbot ausgesprochen. Was genau geschehen ist, schildert er im Gespräch. Die freudsche Psychoanalytikerin und Buchautorin Jeannette Fischer führt in der Schweiz ein Symposium zum Thema Schuld durch. Und Michael Andrick geht im Kommentar auf die Frage ein, wie Medien dazu beitragen, dass im Krieg aus Menschen plötzlich Material wird.

    Interview 1

    Chaim Noll: Lage in Israel und Nahost

    Interview 2

    Andreas Härtel: AfD-Mitglied von kirchlicher Mitarbeit ausgeschlossen

    Interview 3

    Martin Sellner: Ausweisungsverfügung

    Interview 4

    Jeannette Fischer: Symposium zum Thema Schuld

    Kommentar

    Die wichtigsten Soldaten

    Die wichtigsten Soldaten moderner Kriege sind die Journalisten. Wo Krieg herrscht, da müssen vorher Journalisten zu Soldaten geworden sein. Beginnen wir beim modernen Staatsgedanken, um das zu begreifen. Die Vordenker der bürgerlichen Zivilisation wie Hobbes, Locke und Kant sahen die Staatsgründung in ihren Gedankenexperimenten als Überwindung des „Naturzustandes“. Ohne Staat lebe man ein „armseliges, rohes und kurzes Leben“, wie Hobbes es ausdrückte. Locke betrachtete den homo sapiens als kooperativ; nur die Aussicht, sich diejenigen Naturdinge, „in die er seine Arbeit gemischt hat“ – seine Produkte also und seinen eigenen Körper – als festes Eigentum zu sichern, veranlasse ihn, einen Staat zu gründen. Kant sprach von der „ungeselligen Geselligkeit“ des Menschen, die den Staat notwendig mache, denn eine Gewalteskalation bis hin zum „Krieg aller gegen alle“ sei als Unfall jederzeit möglich, solange der Eigennutz der Einzelnen ungezügelt regiere.

    Der Krieg ist dieser Tradition zufolge das Ende der Zivilisation, das heißt allen bürgerlichen Lebens, in dem jedem innerhalb seiner „Burg“ – das heißt in seinem Staat – ein gesichertes Dasein und eine gewisse Ruhe versprochen ist. Der moderne Krieg ist schlimmer als der Naturzustand, den die Staatsgründung überwindet. Im modernen Krieg stehen sich nicht Waldbewohner gegenüber, die sich ins Gehege kommen und in den Totschlag stolpern; vielmehr liegen heute von ihren Artgenossen als „Menschenmaterial“ missbrauchte Menschen im Feld. Und jetzt stehen die zivilisatorischen Zwangsmittel der Ideologie und des Kapitals bereit, um ein diszipliniertes Töten profitabel zu organisieren, anzuleiten und in die Länge zu ziehen. Soldaten und Unbewaffnete werden heute offiziell Idealen, tatsächlich jedoch Finanzinteressen geopfert. Und aus all dem ergibt sich, dass die wichtigsten Soldaten des modernen Kriegs die Journalisten sind. Die zu verbergenden Tatsachen des Krieges sind genauso monströs, wie die Errungenschaften der Zivilisation gedeihlich sind. Daher ist die Lügenschwängerung des ganzen öffentlichen Raums nötig, um den Krieg zu verbergen oder seine Gestalt doch so zu verzeichnen, dass der beiläufige Betrachter unsicher bleibt und vielleicht unruhigen Herzens, aber doch wortlos weiterzieht. Denn kein Bürger, der bei Verstand ist, stimmt der Aufhebung seiner Burg zu und zieht freiwillig wieder in den Wald.

    Es ist immer die langfristige, tägliche Wiederholung von Lügen nötig, um den Nebel zu stiften, in dem sich der Mensch zum Verbrauchsmaterial erklären und auch so verwenden lässt. Journalisten sind hier unersetzlich. Die Täter des Krieges müssen etwas hören, das ihr Töten wenn nicht nobel, so doch notwendig erscheinen lässt; seine Opfer müssen etwas hören, das ihr Opfer wenn nicht sinnvoll, so doch unumgänglich erscheinen lässt; und seine Zuschauer müssen etwas hören, das sie in Unentschlossenheit und Zweifel hält, bis den offiziellen Idealen für diesmal Genüge getan, das heißt bis für diesmal genug Geld mit Massentötungen verdient wurde. Es gibt keinen Krieg ohne eine arglistig täuschende Regierung und einen auf ihre Weisung lügnerisch und gewalttätig werdenden Staatsapparat. Und dieser braucht zu seinem Schutz eine verblendete Öffentlichkeit, die nur sieht, was sie sehen kann, ohne die Abschaffung der Zivilisation zu bemerken. Wo Krieg herrscht, da sind vorher Journalisten Soldaten geworden. Der Mensch ist im modernen Krieg schlechter dran als im wilden Wald vor Anbeginn des Staates, ja schlechter noch als ein Tier in diesem wilden Wald: Ein Tier wird von seinesgleichen nie als bloße Sache behandelt. Seinen Artgenossen mangelt es dazu an Idealen, Kapital – und Journalisten.