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    Montag, 6. Oktober 2025, 5:05 Uhr
    Montag, 6. Oktober 2025, 5:05 Uhr
    (Wdh.02:05, 05:05, 06:05, 07:05, 09:05, 12:05, 13:05)

    Kontrafunk aktuell vom 6. Oktober 2025

    Stefan Millius im Gespräch mit Daniel Kaiser, Andreas Aufdenblatten und Christian Knoche – Kontrafunk-Kommentar: Michael Andrick

    Zwei deutsche Journalisten werden mit Sanktionen belegt, weil sie prorussische Propaganda verbreitet haben sollen. Rechtsanwalt Christian Knoche beurteilt den Fall. Aus den Parlamentswahlen in Tschechien ist die EU-skeptische Partei ANO unter Andrej Babis als Gewinnerin hervorgegangen. Der Journalist Daniel Kaiser erklärt im Gespräch die Gründe für den Wahlsieg und dessen Folgen. Im schweizerischen Zermatt wurden die Betreiber eines Restaurants verurteilt, weil sie sich in der Corona-Zeit nicht an die Maßnahmen gehalten hatten. Der Gastwirt Andreas Aufdenblatten spricht über seinen langen Kampf. Und im Kommentar beleuchtet Michael Andrick die Auswirkungen der KI auf unsere Wahrnehmung der Realität in den Medien.

    Interview 1

    Christian Knoche: EU-Sanktionen gegen deutsche Journalisten

    Interview 2

    Daniel Kaiser: Tschechiens neue Regierung und die Folgen

    Interview 3

    Andreas Aufdenblatten: Das Urteil gegen die Schweizer Corona-Rebellen

    Kommentar

    Michael Andrick: KI und der Abschied von der Realität

    Die Dampfmaschine, zum Beispiel als Werkzeug, Brennstoff in Bewegung umzusetzen, und die Hydraulik als Technik, mittels Flüssigkeiten Kraft präzise zu entfalten, führte die Projekte des Menschen nicht in neue Dimensionen, nur in größere. Hier geschah keine Revolution der Weltanschauung, wenn auch Wirtschaft und Gesellschaft sich stark umstrukturierten. Das könnte jetzt anders werden, denn der Universalsimulator ist da. Mit generativer und agentischer KI entwickelt die Informationstechnik nun die Fähigkeit, Sphären zu erzeugen, in denen der Bezug zur Wirklichkeit außerhalb der Bildschirme nicht mehr garantiert werden kann. In der generativen, also erzeugenden, KI werden Modelle genutzt, um völlig neue Texte, Bilder, Musikstücke, Videos oder andere Formate zu produzieren. Schnell kann jeder Schüler mit frei verfügbaren Werkzeugen realistisch aussehende Nachrichten, Filme mit Protagonisten seiner Wahl oder synthetische Songs beliebigen Inhalts zurechtbasteln. Soweit unser Verständnis der Wirklichkeit vermittelt (medial) gegründet ist, können nun interessegeleitete Nutzer generativer KI den Medienkonsumenten eine eigene, auf ihre Vorlieben abgestimmte Pseudowirklichkeit vorsetzen. 

    Mit „agentischer KI“ sind IT-Systeme gemeint, die sich in Hinsicht auf definierte Probleme wie abwägend handelnde Menschen verhalten. Damit ist die Informationstechnik auch über bloßes Automatisieren hinausgekommen. Der Mensch gibt seinen KI-Agenten Prioritäten mit auf den Weg, nach denen „er“ dann in Hinsicht auf die gestellte Aufgabe Abwägungen, im Wortsinne Gewichtungen, von bereits gespeicherten sowie frisch gemessenen Daten anstellt. Der KI-Agent ist nicht im vollen Sinne intelligent, das heißt er kann nicht eigenständig Urteile aufgrund von gezielt ausgewählten Analysebegriffen und Wertvorstellungen fällen. Jedoch hat er nun eine in sich dynamische Rationalität: In Hinsicht auf ein bestimmtes Ziel optimiert er selbst sein Vorgehen zu seiner Erreichung nach klaren Kriterien. In der Industrie erkundet man gerade, welche Tätigkeiten nun viel billiger und schneller zu erledigen sind. Designer in der Modeindustrie können durch Designagenten ersetzt werden, die auf Basis von Milliarden von Internetbildern algorithmisch neue Kleidungsstücke entwerfen. Auch Drohnen, die gezielt Männer in einer bestimmten Altersspanne in einem bestimmten Territorium vollautomatisch erschießen, sind mit agentischer KI herstellbar.

    Nicht nur haben wir damit technisch den Universalsimulator realisiert; im Prinzip kann mit generativer und agentischer KI ein Kosmos aus Texten, Bildern, Audio- und Videoelementen erzeugt werden, der selbstreferenziell ist und aus seinen eigenen Mustern „lernt“, das heißt der die Evolution seiner Bedeutungselemente selbst vollzieht. Wir sehen eine Ordnung bedeutungstragender Elemente wie Audiodateien, Videos, Bilder, die in elektronischer Bewegung sind – und die dabei das Analysematerial für algorithmische Überwacher und Adjustierer dieser Bewegung ebenso selbst produziert wie stetig sich wandelnde neue Bedeutungselemente. Ein solches Geschehen kann sich aufgrund unvorhersehbarer „Halluzinationen“ von KI-Systemen beliebig weit von der Wirklichkeit entfernen. Die altbekannte Praxis manipulativer PR der Mächtigen gegenüber der allgemeinen Bevölkerung könnte mit dieser Technologie in ganz neue Dimensionen vordringen – bis zum völligen Realitätsabschied unkritischer Mediennutzer. Der Dritte Weltkrieg könnte sehr wohl einmal aus Unvernehmen resultieren, dem Nicht-mehr-Hören des Anderen, weil der eine in der medialen Pseudowirklichkeit der Nato-Blase navigiert, während der andere unter den unwiderleglichen Eindrücken des chinesischen Onlineimperiums steht. 

    Vielleicht endet die Dialektik der Aufklärung, die Adorno und Horkheimer beschrieben haben, aber auch nicht im Dritten Weltkrieg und im neuen Totalitarismus, sondern in namenloser und unheilbarer Verwirrung. Diese könnte in mehreren Weltgegenden zugleich im medialen Raum des KI-Zeitalters ausbrechen und seinen „Usern“ und Untertanen manifest werden. Der Einzug einer globalen Paranoia im medialen Raum, vielleicht begleitet von einem kalten Schrecken, endgültig als Knecht seiner Bildschirme existieren zu sollen, ist uns allen zu wünschen. Mittels Informationstechnik entstehen jetzt weite Bedeutungsräume, deren Eigengesetzlichkeit man sich nur noch unterwerfen kann, sofern man sich ihnen nicht völlig entzieht. Folgerichtig ist die berühmte Hollywood-Fantasie von der „Matrix“ auch so gestaltet, dass die Menschen als Energielieferanten in Kolben mit Nährlösung schwimmen und der Einspeisung ihrer Weltillusion durch körperliche Entfernung von ihrem elektro-neurologischen Dock gar nicht entgehen können. Wären sie in der Lage, den Bildschirm auszuschalten, würde das Konzept des Epos in sich zusammenfallen. Ein Exodus in die analoge Welt, raus aus medialer Erreichbarkeit und Verstrickung, ist im Zeitalter der neuen KI die realistischste Friedenshoffnung im Seelischen wie im Politischen.