Kontrafunk aktuell vom 9. September 2025
In dieser Woche hat die Enquetekommission des Deutschen Bundestags zur Corona-Zeit ihre Arbeit aufgenommen. Datenanalyst Tom Lausen, der von der AfD für das Gremium nominiert wurde, berichtet Näheres. Die deutsche Energiewende kostet Milliarden, und das dicke Ende kommt erst noch. Über neue Zahlen und die fatalen Folgen informiert Dr. Manuel Frondel, Professor für Energieökonomik. Frankreichs Regierung steht vor der Auflösung, Premier Bayrou hat eine Vertrauensabstimmung im Parlament verloren. Wohin das überschuldete Land steuert, erläutert Romanist und Frankreich-Experte Dr. Robert Kopp. Und David Boos kommentiert, warum die Tötung einer Ukrainerin in den USA in den Leitmedien kaum Erwähnung findet.
Tom Lausen: Start der neuen Corona-Enquetekommission
Manuel Frondel: Energiewende mit katastrophalen Folgen
Robert Kopp: Frankreichs Regierung am Ende
David Boos: Der Fall Iryna Zarutska
Wer in den 80er-Jahren aufgewachsen ist, erinnert sich womöglich noch an jenen Trost spendenen Satz, den Eltern ihren besorgten Kindern angesichts amerikanischer Filme voller Mord und Totschlag zuraunten: „Keine Sorge, so was gibt es nur in Amerika, nicht bei uns.“ Heute klingt dieser Satz wie aus einer fernen Welt, denn solche Gewalt ist längst Teil des europäischen Alltags geworden. Oft stellt man sich sogar die Frage, wer hier wem mittlerweile den Takt vorgibt. Wenn nun also in Charlotte in den USA die junge Ukrainerin Iryna Zarutska von einem vierzehnfach vorbestraften Obdachlosen scheinbar grundlos in einer Straßenbahn massakriert wird, dann ist das in der heutigen Zeit – leider – kaum noch bemerkenswert. Dass der brutale Mord an Zarutska dennoch solch große Empörung hervorrief, liegt an der Macht der Bilder. Denn die im Internet kursierenden Aufnahmen der Sicherheitskameras führen uns den Schrecken dieser Tat deutlicher vor Augen, als es ein kaschierender Polizeibericht oder auch ein empörter Kommentar in den Medien getan hätte. Das Schockierende ist dabei die Alltäglichkeit der Situation. Tag für Tag nutzen wir öffentliche Verkehrsmittel und setzen uns nichtsahnend auf einen freien Platz. Den Instinkt, zwielichtigen Gestalten aus dem Weg zu gehen, hat man uns längst abtrainiert – sei es aus Political Correctness oder weil es schlicht unmöglich geworden ist.
Bilder können lügen, können manipulieren … doch in seltenen Fällen auch eine unterdrückte Wahrheit aufdecken. Das Video aus Charlotte zeigt keinen Raub, keine sexuelle Gewalt – sondern blanken Hass. Fragt man nach dem Grund dieser Tat, wird es noch unbequemer. War es Frauenhass? Wohl kaum. In unmittelbarer Nähe saß auch eine andere Frau. Was Iryna von ihr und allen anderen Personen in der Nähe unterschied, war nur ihre Hautfarbe. So sehr man sich farbenblind geben möchte – die Realität des Rassenhasses ist nicht zu leugnen. In den USA wird seit Jahrzehnten die „weiße Schuld“ medial und politisch beschworen. Dass daraus gezielte Gewalt gegen Weiße erwächst, überrascht kaum. All das ist nicht neu. Doch ist es eine Sache, darüber zu reden oder zu lesen oder die Videoaufnahmen des Täters zu sehen, der sich nach vollzogener Tat davonstiehlt und dabei eine Spur von Blutstropfen durch den Straßenbahnwagen zieht. Es ist die Macht ebensolcher Bilder, die uns die Brutalität der neuen Normalität schonungslos vor Augen führt. Und es sind nicht die einzigen ihrer Art. Noch immer sind die Bilder des Messerangriffs in Mannheim, bei dem im Vorjahr ein Polizist ums Leben kam, ins kollektive Gedächtnis eingebrannt. Und in den USA liefern Bodycams von Polizisten regelmäßig neue Aufnahmen, die das gängige Opferbild infrage stellen.
Die Empörung richtet sich deshalb nicht nur gegen den Täter und die laxe Justiz, sondern auch gegen das Schweigen vieler Medien und Social-Media-Profile, die sonst bei jeder Gelegenheit Solidarität bekunden. Zarutska – ebenso wie wenige Wochen zuvor Liana K. in Deutschland – floh vor dem Krieg, um in Sicherheit zu leben, und wurde doch kaltblütig ermordet. Andere Opfer wie die US-Amerikanerin Logan Federico, die im Mai von einem „Karrierekriminellen“ im Schlaf erschossen wurde, gehen hingegen medial unter, wenn das Bild fehlt. Bilder sind nicht immer gerecht, aber sie sind mächtig. Jetzt, da es in immer mehr Ländern Europas zu Ausschreitungen und Demonstrationen gegen Überfremdung und der damit einhergehenden Gewalt kommt, sind Bilder wie jene aus der Straßenbahn in Charlotte Wasser auf die Mühlen des Widerstands gegen die Politik der zugedrückten Augen. Darum ist auch der Vergleich mit George Floyd aufschlussreich: Damals verbreiteten sich die Videos weltweit und führten zu Protesten und Ausschreitungen. Heute ruft die Bürgermeisterin von Charlotte dazu auf, das Video nicht zu teilen – aus Angst um die Sicherheit der Stadt. Es gelten zweierlei Maßstäbe: einerseits für systemstabilisierende, andererseits für systemdestabilisierende Proteste. Doch die Büchse der Pandora scheint endgültig geöffnet. Immer häufiger erreichen Bilder alltäglicher Gewalt gegen Frauen und Weiße die Öffentlichkeit und entzünden damit jenen Zorn, der langsam, aber sicher von der Empörung zur Tat schreitet. Und genau davor fürchten sich viele.
