Kontrafunk aktuell vom 1. August 2025
Die Schweiz begeht am 1. August ihren Bundesfeiertag. Seit 1891 wird dabei an den Bundesbrief von 1291 und damit die Gründung der Eidgenossenschaft erinnert. Wir unternehmen einen Rundumblick auf den Feiertag mit Themen wie dem Verhältnis zu Europäischer Union und Nato oder der Migrationsdebatte. Im Gespräch dazu ist Marcel Dettling, Parteipräsident der Schweizerischen Volkspartei. Über Besonderheiten der Schweiz sprechen wir außerdem mit Alt-Bundesrat Ueli Maurer. Frauen haben auch noch andere Dinge im Fokus als Karriere, behauptete die Soziologie-Professorin Katja Rost von der Uni Zürich in einer Studie. Dafür erntete sie einen Shitstorm. Wir blicken auf die Studie und auf die Empörung zurück. Und Stefan Millius würdigt in seinem Kommentar „die einzige Schweiz“.
Marcel Dettling: Nationalfeiertag der Schweiz I – Aktuelles
Ueli Maurer: Nationalfeiertag der Schweiz II – Immerwährendes
Katja Rost: „Studentinnen-Studie“ peer reviewed
Stefan Millius: Die einzige Schweiz
Wilhelm Tell kann abdanken. Den Kerl gab es – jedenfalls in dieser Form – wahrscheinlich gar nicht. Er war die Erfindung eines kleinen Landschreibers in der Innerschweiz, von dem Friedrich Schiller später abgekupfert hat. Höchste Zeit also, den Mythos zu stürzen. Weg mit Tell, die moderne Schweiz ist bereit für Neues. Aber wen soll man denn dann ehren am heutigen 1. August, dem Schweizer Nationalfeiertag? Klarer Fall: Ioannis Kapodistrias. Gebürtiger Grieche, später Diplomat im Dienst von Russland. Den kennen eigentlich nur Geschichtslehrer. Vor rund 200 Jahren führte er Verhandlungsgespräche quer durch Europa. Der Schweiz half er nach den napoleanischen Wirren, sich wieder selbst zu finden. Das ist doch ein wahrer helvetischer Volksheld. Auch wenn er als Diplomat natürlich nur die Wünsche seiner Befehlsgeber umgesetzt hat. Die Idee, einen Griechen im Sold der Russen zum neuen Schweizer Nationalheiligen zu machen, ist übrigens nicht meine Erfindung. Ein Nationalrat der Sozialdemokratischen Partei hat das im Ernst vorgeschlagen. Es ist eben nichts zu weit hergeholt, wenn es darum geht, die Geschichte umzuschreiben und von den alten Helden zu entrümpeln. Kapodistrias statt Wilhelm Tell: Das ist nur eine kleine Episode im ewigen Bestreben der Selbstzerfleischung eines Landes.
Die Amerikaner sind 24 Stunden täglich von ihrer Flagge umgeben. Die Iren stimmen kurz vor der Sperrstunde nach dem letzten Pint im Pub die Hymne an. Die Haitianer haben eigentlich nicht viel zu feiern, aber tanzen dennoch den ganzen Tag auf der Erde, die ihnen heilig ist. Und die Schweizer? Die kommen einmal pro Jahr, an diesem 1. August, kurz an die frische Luft, stellen sicher, dass ihr veganer-woker-nonbinärer Nachbar sie nicht sieht und pilgern dann auf den Festplatz, um durch gepresste Lippen hindurch die erste Strophe der Hymne mitzusummen. Das Ergebnis ist eine Art Diätstolz: Feiern ja, aber bitte mit der gebührenden Zurückhaltung. Und vor allem sollte man es durchsetzt von kritischen Fragen tun. Gibt es denn überhaupt etwas zu feiern? Auf was genau soll man stolz sein? Ja, die Schweiz ist in sämtlichen internationalen Ranglisten weit vorne. Lebensqualität, wirtschaftliche Prosperität, Gesundheitssystem, Altersvorsorge. Aber all diesen Reichtum haben wir doch opportunistisch zusammengegaunert. An dem Geld klebt Blut. Die moderne Schweiz hat zwar nie Kolonien unterjocht oder sich an einem Krieg beteiligt. Aber wenn man lange genug gräbt, findet man immer einen Max Mustermann aus Musterhausen im Berner Oberland, der nach seiner Auswanderung vor 400 Jahren eine üble Rolle im hinteren Kongo gespielt und sich sogar einen Sklaven gehalten hat. Na bitte: So sind sie, diese Schweizer. Und das soll man feiern?
Man darf durchaus mit der Schweiz hadern. Es gibt beunruhigende Tendenzen in der Entwicklung. Die schleichende Aufgabe der immerwährenden Neutralität, die nicht ganz so schleichende Annäherung an die Europäische Union, der galoppierende Verlust von nationaler Souveränität: Das alles macht nicht stolz, es ist bedenklich. Nur haben wir ja zumindest früher am 1. August eben gerade all das gefeiert, was dem entgegensteht. Die hart erkämpfte Freiheit eines kleinen Bergvolks, den individuellen Mut Einzelner, die sich gegen fremde Herren aufgelehnt haben. Es ist, als ob man sich daran nicht mehr erinnern wollte. Und das ist vermutlich auch der Fall. Die ewige Selbstzerfleischung, das Kleinreden der eigenen Leistung und der fehlende Stolz kommen einigen Leuten ganz recht. Wer die Schweiz neu erfinden will, muss zunächst das schlecht machen, was sie einmal war.
Solange wir feiern, dass Wilhelm Tell einen fremden Vogt namens Hermann Gessler mit seiner Armbrust erledigt hat, sind wir einfach zu wenig offen für die Unterwerfung unter einer Vögtin namens Ursula von der Leyen. Erst, wenn Winkelried vergessen ist, der sich mit einem Bündel Speere auf die Feinde geworfen hat, um eine Bresche für seine Kameraden zu schlagen, können wir lustvoll Sanktionen in einem Krieg mittragen, mit dem wir nichts zu tun haben. Einst galt die Schweiz als Sonderfall, heute soll sie bitte so sein wie alle anderen. Aber viele dieser anderen wünschen sich umgekehrt, mehr so zu sein wie die Schweiz. Vermutlich erstarren auch an diesem 1. August rund um die Welt mehr Leute in Ehrfurcht vor der erfolgreichen Zwergnation als die Schweizer selbst. Und das sollte zu denken geben. „La Suisse n’existe pas“, die Schweiz existiert nicht: Das war das Motto der Schweizer Präsentation an der Weltausstellung 1992 in Sevilla. Verkauft wurde das damals als künstlerischer Akt. Das war zwar geschmacklos, aber immer noch weniger schlimm als das, was derzeit geschieht: Der Versuch, das zur Realität zu machen. Übrigens: Ioannis Kapodistrias, der den Tell ersetzen soll, wenn es nach einem linken Politiker geht, schaffte es später bis zum Präsidenten von Griechenland. In diesem Amt pflegte er die Vetternwirtschaft zum eigenen Vorteil, entwickelte sich zum Autokraten und ließ politische Gegner ausschalten, bevor er selbst umgebracht wurde. Wenn dieses Profil jemanden zum neuen Nationalhelden qualifiziert, dann gute Nacht Schweiz.

