Kontrafunk aktuell vom 14. November 2025
Die Ukraine wird von einem großen Korruptionsskandal erschüttert, auch enge Vertraute von Präsident Selenski sind darin verwickelt. Die Hintergründe beleuchtet der schweizerisch-russische Journalist Alexander Peske. Ursula von der Leyen plant, einen neuen EU-Geheimdienst aufzubauen. Über das Vorhaben sprechen wir mit dem Journalisten und Dokumentarfilmer Dirk Pohlmann. Dem deutschen Staat geht in vier Jahren das Geld aus, meint die Wirtschaftsweise Veronika Grimm. Droht Deutschland eine neue Finanzkrise? Hören Sie dazu die Einschätzung des Journalisten und Historikers Klaus-Rüdiger Mai. Im Kommentar von David Boos geht es schließlich um die E-Mails des Sexualstraftäters Jeffrey Epstein.
Alexander Peske: Korruptionsskandal in der Ukraine
Dirk Pohlmann: Von der Leyens neuer EU-Geheimdienst
Klaus-Rüdiger Mai: Deutschland vor der Finanzkrise?
David Boos: Donald Trump und die E-Mails von Jeffrey Epstein
Der Winter naht. Vor wenigen Tagen wurde der Nordosten der Vereinigten Staaten erstmals in diesem Herbst von einem Schneesturm heimgesucht. Ein Vorbote dessen, was noch kommen mag. Doch auch politisch ziehen heftige Winterstürme am Horizont Washingtons auf und Präsident Donald Trump sollte sich wohl besser warm anziehen, denn manche Stürme können selbst Präsidenten den Kopf kosten. Die Veröffentlichung bislang unbekannter Briefe von Jeffrey Epstein, in denen explizit von Donald Trump die Rede ist, ist ein weiterer Vorbote des drohenden politischen Sturms in Washington. Der faktische Schaden dieser Briefe mag überschaubar sein: Inhaltlich gibt es wenig, das Trump konkret belastet. So lautet auch die Argumentation der Republikaner, die ihrerseits mehr als 20.000 Seiten dieser Dokumente freigaben, um zu belegen, dass die selektive Erstveröffentlichung durch Demokraten Zusammenhänge falsch darstellt.
Aber der Schaden ist bereits geschehen, denn obwohl keine Beteiligung Trumps an sexuellem Missbrauch abgeleitet werden kann, so zeigt sich immer deutlicher, dass die angebliche Distanz Trumps zu Epstein eine Erfindung war. Oder deutlicher gesagt: Trump hat gelogen. Politiker lügen zwar immer wieder, aber gerade bei Trump liegen die Ansprüche – vielleicht überraschend – noch einmal höher. Dass seine Feinde aus der demokratischen Partei ihn gerne anschwärzen würden, ist kein Geheimnis. Doch die Hoffnungen der republikanischen Basis, der überzeugten Maga-Anhänger, waren, dass Trump eben kein typischer Politiker ist. Wenn es ein Versprechen gab, das Trump halten musste, dann das des Außenseiters, der den Sumpf der Korruption trockenlegt. Dieses Image bröckelt gewaltig. Und nicht erst seit den Epstein-Briefen. Dass der Fall Epstein, der von einer breiten Öffentlichkeit als zentrales Beweisstück für die korrupte Systematik des Politbetriebs gesehen wird, von Trump schon vor wenigen Monaten als „unnötig aufgebauscht“ und fortan abgeschlossen abgetan wurde, nahm man ihm sehr übel. Die neuen Dokumente weisen darauf hin, dass dahinter – mittlerweile wenig überraschend – durchaus Eigeninteresse stecken könnte.
Kaum ein Amerikaner wird sich Illusionen darüber hingeben, dass ein erfolgreicher Geschäftsmann und Milliardär vielleicht das eine oder andere krumme Geschäft gemacht hat. Dass er auch Eigeninteressen verfolgt. Das alles nimmt man in Kauf, wenn dieser Geschäftsmann ansonsten gut herrscht, sodass auch der kleine Mann etwas davon hat. Der Amerikaner ist in der Hinsicht nicht von Neid zerfressen. Allerdings platzt dem Amerikaner der Kragen, wenn sich jemand als Zerstörer des Systems wählen lässt und sich dann immer mehr als von diesem System unterwandert entpuppt. Sollte Trump, der im Wahlkampf nach seinem überlebten Attentat fast wie ein von Gott gesandter Heiliger gefeiert wurde, die moralischen Abgründe rund um Epstein decken, wäre das fatal. Ein Standbild, das sich selbst zu Fall brächte. Dabei weht Donald Trump bereits ein kalter Wind um die Ohren. Nicht einmal ein Jahr nach Amtsantritt ist vom anfänglichen Zauber kaum etwas geblieben – von jener Zeit, als über die Annexion Grönlands, des Panamakanals und sogar Kanadas gesprochen wurde und dem stolzen amerikanischen Volk alles möglich erschien. Außenpolitisch gelang es bis heute nicht, den Ukraine-Krieg, den Trump innerhalb von 24 Stunden klären wollte, zu beenden. Und die Nahost-Politik des neokonservativ geprägten und in enger Verbindung zu Israel stehenden Trump-Kabinetts steht im Zentrum des Richtungsstreits innerhalb der Republikaner, der in den letzten Wochen öffentlich ausgetragen wurde. Die America-First-Basis fühlt sich von Trump betrogen, und der Aufstieg von Nick Fuentes in den Mainstream steht sinnbildlich dafür, dass die einheitliche Front hinter Trump schon längst in konkurrierende Lager zerfallen ist.
Selbst Fox News stellt bei Interviews mit Trump mittlerweile kritische Fragen über dessen Visa-Politik, von der viele Amerikaner sich wirtschaftlich im Stich gelassen fühlen. Davon profitieren vor allem die US-Demokraten. Sah es vor einem Jahr noch so aus, dass diese sich nach der deutlichen Niederlage von Kamala Harris neu erfinden mussten, so muss man nun feststellen, dass ihnen das gelungen ist. Dank der gebrochenen Versprechen Trumps, die den Unmut der arbeitenden Bevölkerung hervorrufen, können nun auch sozialistische Moslems wie der soeben gewählte New Yorker Bürgermeister Zohran Mamdani in hohe Ämter gelangen und bieten damit Linken in den USA und Europa eine neue Blaupause, wie man konservativem Populismus begegnen kann. Noch ist Trump im Amt. Doch schon nächstes Jahr stehen die Midterm-Wahlen an und in den Prognosen wächst der Vorsprung der Demokraten. Die Zeit für nachhaltige Veränderungen drängt und der Eindruck von Stagnation verfestigt sich. Schon wird gemunkelt, dass Trump möglicherweise eine Absetzung drohen könnte – und zwar nicht durch Demokraten, sondern durch seinen eigenen republikanischen Hofstaat. Der Winter naht und niemand scheint ihn aufhalten zu können.
