Kontrafunk aktuell vom 15. Oktober 2024
Der ukrainische Präsident Selenski wirbt weiter mit seinem sogenannten Siegesplan um Unterstützung. Der Osteuropahistoriker Alexander Rahr berichtet, was bislang über das Dokument bekannt ist und welche Rolle die USA bei der Umsetzung spielen. Wie sehr schadet die „grüne Transformation“ der heimischen Stahlindustrie und wie hoch sind die Kosten für den Steuerzahler? Dies erläutert der Ingenieur und Branchenkenner Dr. Hans-Bernd Pillkahn. Wie eng Politik und öffentlich-rechtliche Medien in Deutschland verzahnt sind und welches Ausmaß mediale Meinungsmache hat, erklärt Jonas Müller, Gründungsmitglied des ÖRR-Blog. Und Roger Letsch blickt in seinem Kommentar auf die jüngste Landung einer SpaceX-Rakete und die Folgen für die internationale Raumfahrt.
Alexander Rahr: Ukraine-Krieg – „Kleine Schritte Richtung Frieden?“
Hans-Bernd PillKahn: Grüner Stahl und Thyssenkrupp
Jonas Müller: ÖRR-Blog, die „Trusted Flagger“ öffentlich-rechtlicher Irreführung und Geldverschwendung
Roger Letsch: Rocket Man strikes again
Den jüngsten Testflug von „Starship“ zu verfolgen, besonders die Landung des Boosters, der in Größe und Gewicht einem A380 in nichts nachsteht und wie zu einer Umarmung zur Startrampe zurückkehrte, war schlicht atemberaubend. Man hatte das tolle Gefühl, Zeuge eines technologischen Sprunges zu sein. Ein Sprung, der noch dazu im ersten Anlauf gelang. Ich muss zugeben, dass meine Begeisterung für technologische Errungenschaften der Menschheit vielleicht etwas ausgeprägter ist als bei vielen anderen. Aber ich bin nun mal von klein auf fasziniert, wenn Vorstellungskraft und Wissenschaft, Zeit und Geld wirklich Neues hervorbringen und Dinge entstehen, die echte Meilensteine in unserer Entwicklung sind. Das Rad, der Buchdruck, die Dampfmaschine, Computer, Raumfahrt, Internet … Was kommt dann? Oder haben wir mit dem Smartphone und den KI-Assistenten in unserer Tasche die letzte Stufe der technologischen Leiter bereits erreicht? Würden wir bemerken, wenn da plötzlich etwas käme; das nächste große Ding, das nächste unentdeckte Land, in dessen Erschließung wir unsere Kreativität investieren können, statt uns intellektuellen Autoimmunerkrankungen wie der Suche nach dem 42. Geschlecht und neuen Mikroaggressionen hinzugeben?
Am 13. Oktober hat SpaceX mit dem erfolgreichen Test von „Starship“ eine Tür in ein solches Land aufgestoßen, und in Deutschland hat man davon kaum mehr verstanden, als dass es plötzlich unangenehm zieht. Nicht dass es an positiven Reaktionen generell gefehlt hätte, doch medial und besonders politisch möchte man alles, was dieser Elon Musk anfasst, auf möglichst kleiner Flamme haben. Mit seinen Elektroautos, Batteriespeichern und Solardachziegeln kommt man ja gerade noch so klar, aber alles andere? Suspekt! Und zwar genau seit der Übernahme von Twitter, dieser personell aufgeblähten und von Geheimdiensten und Löschkommandos unterwanderten Plattform der politischen Richtunggeber. Und Musk betreibt X genau wie sein Raumfahrprogramm: effizient, experimentierfreudig und mit Konzentration aufs Wesentliche. Was das Wesentliche an Starship ist, hat zumindest die Politik hierzulande überhaupt nicht verstanden. Die Mandats- und Amtsträger ignorierten das Ereignis fast komplett. Musk steht für ihren Geschmack diesem „Orange Man“ viel zu nahe.
Wo man sich dennoch zu Meldungen und Kommentaren herabließ, mussten diese so klein und banal wie möglich ausfallen. Der Test ließ sich dank der aus allen Kamerawinkeln gefilmten erfolgreichen Landung jedoch nicht zum Fehlschlag erklären. Stattdessen lapidare Meldungen wie „Raketenteil wieder aufgefangen“ oder „wiederverwendbare Rakete gelandet“. Recycling ist ja immerhin was Gutes, und während Musk ganze Raketenstufen abtrennt und wiederverwendet, haben wir in der EU es mit Recycling doch zumindest zum unabtrennbaren Schraubverschluss an der PET-Flasche gebracht. Doch im Gegensatz zu den EU-Verordnungen zum Schraubverschluss ist die Wiederverwendbarkeit einer Rakete kein Selbstzweck. Gutenberg hat ja auch nicht das Buch erfunden. Er erfand nur eine revolutionäre Methode, Bücher billig zu reproduzieren. Was da startete und landete, war nicht einfach eine größere Version der Raketen, die SpaceX bereits im Wochentakt erfolgreich startet. Die Welt erlebte vielmehr den Ausweg aus der Kostenfalle, in welcher die von Staaten mit Steuergeldern üppig finanzierte Raumfahrt gefangen ist. Das betrifft ausdrücklich nicht nur die Europäer, die gerade ihre verspätete Ariane 6 mit mäßigem Erfolg starteten, sondern auch die Nasa, deren Artemis-Mondprogramm strukturell aus der Apollo-Ära zu kommen scheint, Unsummen verschlingt und immer wieder unter der Last von Administration und Bürokratie zusammenzubrechen droht.
Doch so dysfunktional sich derzeit auch die amerikanische Politik darstellen mag: Technologischer Fortschritt und Unternehmergeist scheinen im privaten Sektor noch ganz gut zu funktionieren. Die EU brauchte sicher mindestens drei Jahre, um zunächst das Rückwärtseinparken von Raketen auf Startrampen juristisch auszugestalten. „Die Dinosaurier dachten auch, sie hätten noch Zeit.“ Diesen leicht infantilen Slogan, den man vor einiger Zeit auf „Fridays for Future“-Demos lesen konnte, habe ich nicht vergessen. Es war aber gerade nicht der Klimawandel, der die Dinos überraschte, und wir dürfen annehmen, dass ein katastrophales Ereignis wie das von vor 65 Millionen Jahren durch Festkleben auf Straßen nicht abwendbar wäre. Dass wir uns – sagen wir in den nächsten 200 Jahren – zu einer multiplanetaren Spezies entwickeln könnten, hat etwas Tröstliches. Dieses Fenster durch eine Kostenrevolution der Raumfahrt etwas weiter geöffnet zu haben, ist Musks Verdienst. In Deutschland mag man keine offenen Fenster mehr, wir sparen Energie!
