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    Dienstag, 16. Januar 2024, 5:05 Uhr
    Dienstag, 16. Januar 2024, 5:05 Uhr
    (Wdh.06:05, 07:05, 09:05, 12:05, 13:05, 18:05)

    Kontrafunk aktuell vom 16. Januar 2024

    Marcel Joppa im Gespräch mit Beile Ratut, Frank Wahlig und Jan Kützler – Kontrafunk-Kommentar: Michael Andrick

    Berlin-Korrespondent Frank Wahlig berichtet in dieser Ausgabe über den Höhepunkt der deutschen Bauernproteste und den Unmut in der Bevölkerung. In einem Gespräch mit dem Landwirt Jan Küntzler geht es um die Begegnung der Bauern am norddeutschen Fähranleger Schlüttsiel mit Wirtschaftsminister Robert Habeck: Küntzler war mit seiner Familie vor Ort, und er zeichnet ein anderes Bild, als es in den Leitmedien dargestellt worden ist. Mit der Schriftstellerin Beile Ratut werfen wir einen Blick nach Finnland. Dort gibt es seit wenigen Monaten eine neue Regierung, doch die gebürtige Finnin sieht das Land durch Großkonzerne und woke Medien nachhaltig negativ verändert. In einem Kommentar von Michael Andrick geht es schließlich um die Moralisierung der Gesellschaft und eine „alternativlose“ Politik. 

    Interview 1

    Bericht aus Berlin: die Bauernproteste

    Interview 2

    Erfahrungen eines Bauern

    Interview 3

    Finnland – gesellschaftliche Entwicklung

    Kommentar

    Es ist alternativlos!

    Der alte Klassiker „Wir konnten nicht anders“ wird seit Menschengedenken politisch immer neu inszeniert. Angehende Regisseure haben im Drehbuch nur einige Hauptworte mit der Suchen/Ersetzen-Funktion auszutauschen. Stets können die Helden des Stücks aus „alternativlosen“, da hochsittlichen Gründen gar nicht anders, als mit den besten Vorsätzen Schlimmes tun: Man muss einfach „für den Frieden Bombardieren“, „zum Wohl der Kinder Schulen schließen“, „für das Klima die Wirtschaft schrumpfen“ oder was immer „die Bilder“ aus Sarajewo oder Bergamo oder in einer Heißjahregrafik im Strichcode-Format angeblich „fordern“.

    Kommt es überhaupt dazu, dass jemand nach Abklingen einer Hysterie der selbsternannten Guten und Gerechten die Opfer zählt, Gerechtigkeit fordert und das doch irgendwie geltende Recht durchgesetzt sehen will, dann hat das Drehbuch für ihn die passende Rolle parat: Er darf als anmaßlich mäkelnder Querulant und Eckensteher, schlecht rasiert und ungünstig fotografiert, Sätze wie diesen hervorpressen: „Wir dürfen das nicht totschweigen“ oder „Journalismus ist entweder Machtkontrolle oder PR“ oder „Bundesinstitute sind nicht unabhängig“. Darauf erwidern die Staatsräson-Darsteller mit Sätzen wie „Sie tragen ja keine Verantwortung!“ und „Es gab ja so viele Unsicherheiten!“ oder, immer gerne genommen, „Hinterher ist man immer schlauer!“. Und nun möge man bitte still sein und nicht mehr nerven. Das Publikum lernt daraus: Was gerade „alternativlos“ von „der Wissenschaft“ als „Plicht der Solidarität“ von „jedem anständigen Menschen“ gefordert ist, das ist kompliziert – ja unbegreiflich kompliziert, jedenfalls aber immer exakt so kompliziert, dass niemandem nach Offenbarwerden selbstgemachter Katastrophen redlich etwas angekreidet werden kann. 

    Dieses ganze Theaterstück hängt an dem, was ich den „großen Trick“ nenne. Er ist unscheinbar und schnell angewendet: es braucht dazu nur einen Satz, ja manchmal nur ein einziges Wort. Wer den großen Trick zur rechten Zeit anwendet und sich dabei in Pose zu werfen weiß, der kann mit fast allem davonkommen: mit eindeutiger Inkompetenz und erwiesenen Lügen, mit einer selbstgemachten Rezession, mit sichtbarer Korruption, mit Ausverkauf heimischer Interessen an ausländische Mächte, mit Volksverhetzung gegen Minderheiten und sogar mit Totschlag durch unterlassenes Unterlassen wider besseres Wissen. Und ein gewiefter Betrüger kann dank des großen Tricks bei all diesen Exzessen der Unsittlichkeit für den unbedarften Betrachter wie einer aussehen, der eben nicht anders konnte, dessen armer Wille von moralischen Ansprüchen bezwungen und der deshalb auch für echte Verbrechen nicht wirklich verantwortlich ist. 

    Der große Trick, der seinen Anwendern so vieles ermöglicht und es ihren Gegnern wie ihren Opfern so schwer macht, heißt „Moralisierung“. Um ihn auszuführen, reicht es aus, anstatt „Könntest du mir bitte zuhören?“ zu sagen: „Nie hörst du mir zu!“ Der erste Satz lässt weiter sachliche Diskussion zu. Das Wörtchen „nie“ in der zweiten Variante führt aber dazu, dass nicht mehr von einer Sache die Rede ist, sondern von Charakteren: Hört jemand „nie“ zu, so ist er ein respektloser Mensch – und wer mir das vorwirft, will sicher gar keine Einigung mit mir finden, sondern mich einfach beleidigen. Und so sehen dann beide eine gute Entschuldigung, die mühselige Verständigung in der Sache aufzugeben. Eine öffentlich geäußerte Moralisierung ist Demagogie, das heißt Volksverhetzung. Gelingt sie, so wird die Debatte angstgelähmt, weil es sozial gefährlich erscheint, die moralisch stigmatisierten Ansichten zu äußern. Moralisierung und Demagogie ist der große Trick der kleinen Politiker, und davor zu kuschen, ist Untertanenart. Ein Drittel der Deutschen sagt laut Insa-Erhebung (Dezember 2023) immer unbeschwert seine Meinung, die anderen zwei Drittel tun dies nicht mehr. Der Spuk endet, sobald dieses Kuschen endet.