Kontrafunk aktuell vom 17. Januar 2024
In welche Richtung dreht der Wind in Frankreich? Nach dem Rücktritt der Regierung ist der 34-jährige Gabriel Attal zum neuen Regierungschef ernannt worden. Er soll den migrationskritischen Kurs fortsetzen. Was das jetzt für Auswirkungen hat, darüber sprechen wir mit dem Journalisten Matthias Nikolaidis. Die quasireligiösen Züge in der Klimafrage erörtern wir mit dem Journalisten und Unternehmer Werner Reichel. Steuerexperte Martin Vinzenz Freiherr von Kraské erklärt die Steuerpläne für 2024, und Burkhard Müller-Ullrich kommentiert den Austritt des deutschen Philosophen Peter Sloterdijk aus dem Verein Deutsche Sprache und die allgemeine Erregung.
Attal, Dati und die Probleme der französischen Gesellschaft
Klimareligion und Öko-Totalitarismus
Steuerliche Neuerungen
Sloterdijk und die Erregungsgemeinschaft
Man hat dem Verein Deutsche Sprache gelegentlich Säuberungsabsichten unterstellt. Und es ist ja wahr: Ohne bestimmte Vorstellungen von Reinheit lässt sich keine Sprachpflege betreiben. Doch selbstverständlich hat sich der Verein Deutsche Sprache gegen den Verdacht, irgendwelche Säuberungen veranstalten zu wollen, stets mit gefalteten Händen gewehrt. Man weiß ja, wie heikel der Vorwurf wäre, wenn Deutschlandfunk Kultur, „Zeit“ und „Spiegel“ ihn erhöben; die Nazikeule liegt immer griffbereit.
Doch jetzt hat es eine Säuberung mit Schmackes gegeben, nicht Wörter betreffend, sondern einen Menschen: Ein richtiger Rauswurf war es aus Angst vor dem tobenden Mob. Denn die Unternehmerin und Publizistin Silke Schröder hat in der linken Blase gerade keine gute Presse, seitdem sie von der journalistischen Regierungskampftruppe Correctiv bei der falschen Veranstaltung gesichtet wurde. Sie war nämlich bei dem berüchtigten Treffen von zwei Dutzend Opponenten gegen die Massenzuwanderung aus Afrika und Asien anwesend. Da Silke Schröder aber auch Vorstandsmitglied des Vereins Deutsche Sprache war, schlug die Kampagne gegen sie sogleich ans Tor des Vereins, der umgehend eine flehentliche Erklärung abgab, man distanziere sich von den privaten Tätigkeiten dieses Vorstandsmitglieds und der Besuch dieser ebenfalls privaten Veranstaltung sei mit dem VDS weder abgesprochen noch von ihm initiiert oder autorisiert gewesen – was zweifellos zutrifft, denn Silke Schröder spricht auch Friseurbesuche und Supermarkteinkäufe nicht mit dem VDS ab, noch wartet sie auf deren Autorisierung. Wer das für nachvollziehbar hält, übersieht jedoch die Macht des Medienmobs. „Es spielt keine Rolle, ob Sie sich distanzieren, solange diese Dame im Vorstand bleibt“, krakeelte es aus tausend Twitter-Konten – von der Deutschen Umwelthilfe bis zu pawlowschen Politikern sämtlicher Block- und Ampelparteien erscholl der Ruf, Silke Schröder unverzüglich rauszuwerfen. Und während der Rauswurf noch in der Schwebe war, flogen die Geier der guten Gesinnung von ihren Nistplätzen an der Ericusspitze und im Deutschlandfunk Kultur los und kreisten über Beute mit Promibonus.
Welches andere Mitglied im Verein Deutsche Sprache ließe sich zu einem Statement drängen? Nach dem Muster: Distanzieren oder selber Nazi! Bei Vera Lengsfeld und Birgit Kelle klingelte der „Spiegel“ an, allerdings vergeblich. Dieter Hallervorden hatte der Deutschlandfunk rasch im Sack; er forderte: „Die Frau muss diesen Verein schnellstens verlassen“. Doch das Paradestück gelang einem Mitarbeiter von Deutschlandfunk Kultur: Er war so stolz auf seinen Fang, dass er das Statement von Peter Sloterdijk auf seinem privaten Twitter-Kanal als Faksimile-Trophäe präsentierte: „Hiermit kündige ich mit sofortiger Wirkung meine Mitgliedschaft im Verein Deutsche Sprache e. V.“
Bei Sloterdijk ist nun ein kurzes Innehalten angebracht, denn bejahrtere Beobachter des Kulturbetriebs erinnern sich vielleicht an die Sache mit den „Regeln für den Menschenpark“. Sie liegt ein Vierteljahrhundert zurück und war einer der großen Aha-Momente des Philosophen Sloterdijk. Er durfte erleben, wie eine Hatz funktioniert, und er war in der Rolle des Gejagten. Er hatte einen Vortrag erst in Basel, dann im Schloss Elmau gehalten, der gewagte Spekulationen über die Züchtbarkeit des Menschen enthielt – interessante, vielleicht auch falsche Spekulationen, deren Inhalt jetzt nichts zur Sache tut. Es ging auch damals kaum darum, sondern es herrschte vielmehr eine medienöffentliche Lynchstimmung, die dadurch geschürt wurde, dass die Journalisten einen Überbietungswettkampf der Entrüstung und des Verurteilens aufführten, meist ohne Textkenntnis und noch öfter ohne Textverständnis, denn Sloterdijks Gedankengänge setzten doch die Fähigkeit zu einer gewissen intellektuellen Anstrengung voraus. Jagt ihn, denn er ist ein Nazi, lautete der Schlachtruf dieser Feuilletonmeute. Sloterdijk, der von diesem Shitstorm avant la lettre, denn das Internet steckte noch in den Anfängen, und von der Macht des konzertierten Missverstehens kalt erwischt wurde, sprach später verächtlich von der Erregungsgemeinschaft, die für den modernen Medienbetrieb konstitutiv sei.
Dass derselbe Mann sich nun der akuten Erregungsgemeinschaft gegen Silke Schröder anschließt, berührt eigentümlich und ist fast noch ärgerlicher als das Einknicken des Sprachvereins, der sich zwar unpolitisch gibt, aber auf seiner Website aus der Feder eines noch amtierenden Vorstandsmitglieds verkünden lässt, dass die Partei AfD stinke. So wörtlich. Nein, der Fall Sloterdijk ist ein besonders intrikater, weil er der Urheber einer Formulierung ist, die im Zusammenhang mit der Moderation von Migrantenströmen jetzt ständig Leuten wie Björn Höcke oder Martin Sellner zugeschrieben wird. Die Formulierung lautet: „wohltemperierte Grausamkeit“. Am 30. Juli 2015 sendete ausgerechnet der Deutschlandfunk ein Gespräch mit Sloterdijk, in dem dieser klipp und klar sagte, „dass eine allzu attraktive Nation ein Abwehrsystem aufzurichten habe, zu dessen Konstruktion eine wohltemperierte Grausamkeit vonnöten sei.“ Es versteht sich, dass auch daraufhin die Meute heulte, aber das ging im Herbst desselben Jahres 2015 sowieso unter.
In den neun Jahren zwischen 2015 und heute hat sich allerdings etwas ereignet, das nicht nur für Peter Sloterdijks Verhalten, sondern auch für das des wacker-harmlosen Sprachvereins und zahlloser weiterer Personen und Institutionen eine mögliche Erklärung bietet. Es ist die die Transformation eines halbwegs freiheitlichen Rechtsstaats in eine Meinungsdiktatur. Es ist die Ausbreitung eines neuen regierungsfinanzierten Totalitarismus. Was will denn der Verein Deutsche Sprache e. V. den SA-Truppen des Internets entgegensetzen, die nach der öffentlich-rechtlichen Berichterstattung über die – Achtung: wörtlich! – „Vorständin“ Silke Schröder tausendfach „dreckiger Faschoverein“, „Verein deutscher Nazis“ und Ähnliches posteten?
Gut, man kann das ignorieren. Aber dann kommt die SPD-geführte Verwaltung der nordrhein-westfälischen Stadt Kamen ins Spiel. Dort hat der VDS seinen Sitz. Und man bedeutet dem Verein, dass er für seine nächste Mitgliederversammlung wohl keine Räumlichkeiten bekommt. Demutsgesten nützen demjenigen nichts, der zum Abschuss freigegeben ist. Es wird nämlich immer weitergehen und in diesem Jahr des Herrn auf eine immer härtere Tour. Die Machthaber schlagen um sich und sind zu allem bereit, weil es die behagliche Mitte zulässt und nicht wahrhaben will. Jetzt sollen die Eigentümer des Potsdamer Hotels, wo die rechte Konferenz und der linke Enthüllungszauber stattfanden, wirtschaftlich vernichtet werden. Die Bank kündigt die Kredite; die Hausherrin soll ihr Eigentum in Sachsen verlieren, und Potsdam, auch SDP-geführt, prüft, ob man ihr nicht die Verfügungsberechtigung über das Landhaus Adlon irgendwie entziehen kann. So geht es zu im besten Deutschland aller Zeiten.
