Kontrafunk aktuell vom 16. Januar 2026
Kopftuchverbot an Schulen für Mädchen unter 14, keine Scharia-Rechtsprechung mehr in Österreich. Die ÖVP macht mit Vorstößen von sich reden. Aber löst sie damit glaubwürdig die kulturellen Herausforderungen der Zuwanderung? Das erörtert Jan Ledóchowski, Präsident der Plattform Christdemokratie. Vor den Amis kommen die Deutschen. Europäische Soldaten landen auf Grönland. Machtdemonstration, oder macht man sich lächerlich? Fragen an den Historiker Stephan Sander-Faes. Mit Rechtsanwalt Ralf Ludwig thematisieren wir den Korruptionsvorwurf gegen den CDU-Politiker Axel Fischer, und Oliver Stock kommentiert die galoppierenden Insolvenzzahlen in Deutschland.
Jan Ledóchowski: Scharia-Verbot in Österreichs Rechtsprechung
Ralf Ludwig: Korruptionsvorwurf gegen CDU-Politiker Axel Fischer
Stephan Sander-Faes: USA – Grönland – Dänemark – EU – Nato
Oliver Stock: Insolvenzen werden nicht mehr gezählt
Ich kann uns die Diagnose nicht ersparen: Deutschland steckt tiefer in der Krise, als es viele wahrhaben wollen. Drei Jahre Rezession haben Spuren hinterlassen, jetzt frisst sie sich wie Rost durch unsere Wirtschaft. Unternehmen kippen nicht mehr nur vereinzelt um, sie fallen wie die Dominosteine, eines reißt das andere mit: 17.600 Insolvenzen im vergangenen Jahr zählen die Wirtschaftsforscher aus Halle. Mehr als nach der Finanzkrise 2009. Die Bonitätsprüfer von Creditreform rechnen sogar mit bis zu 24.000 Fällen. Das sind keine Betriebsunfälle mehr. Das ist ein Massencrash auf offener Straße. Jede dieser Pleiten ist mehr als eine Zahl. Es sind verlorene Arbeitsplätze, 170.000 allein im vergangenen Jahr. Es sind leergeräumte Werkshallen, stillgelegte Maschinen, ausgelöschtes Know-how. Es sind Lieferketten, die reißen wie alte Seile. Und es sind Städte und Regionen, in denen erst der Betrieb schließt, dann der Bäcker, dann das Kino, dann die Schule. Wirtschaft stirbt nicht mit einem Knall. Sie zieht sich zurück. Geschäft für Geschäft. Besonders alarmierend ist, dass selbst dort die Lichter ausgehen, wo man Sicherheit vermutet hat. Im Gesundheitswesen. Krankenhäuser in der Insolvenz, Pflegeheime unter dem Schutzschirm. Vier von fünf Kliniken schreiben rote Zahlen. Energiepreise, Personalmangel, Unterfinanzierung. Am Ende springt der Staat ein. Der Steuerzahler rettet, was noch irgendwie atmet – und zahlt doppelt: über Beiträge für Krankenkassen und über seine Steuern. Den Staat juckt das wenig. Er verteilt eben seine Rechnungen neu.
Aber die Investoren ziehen sich zurück. Nicht aus Laune, sondern aus Kalkül. Zu teuer. Zu bürokratisch. Zu unberechenbar. Berater berichten von Kapital, das bekanntlich eh ein scheues Reh ist, und Deutschland inzwischen grundsätzlich meidet. Wer einmal geht, kommt nicht so schnell zurück. Mit jedem geschlossenen Werk verschwindet Substanz, die sich nicht wieder aufbauen lässt. Eine Volkswirtschaft lebt von Vertrauen. Und das Vertrauen ist geschwunden. In dieser Lage wäre Klarheit nötig. Orientierung. Ein nüchterner Blick auf das, was passiert. Doch genau hier beginnt das zweite Problem. Das Statistische Bundesamt hat jetzt mitgeteilt, die vorläufigen Insolvenzzahlen nicht mehr zu veröffentlichen. Begründung: mangelnde „methodische Reife“. Die Zahlen seien noch nicht stabil genug. Irgendwie noch in der Pubertät. Zu vorläufig. Zu unsicher. Man möchte sie der Öffentlichkeit nicht zumuten. Das ist Statistik im Schonwaschgang. Dabei zeigen andere Wirtschaftsforschungsinstitute mit ihren Zahlenreihen, was Sache ist. Monat für Monat. 1519 Insolvenzen allein im Dezember. 49 pro Tag. Das ist kein Zahlenstottern, das ist ein Alarmsignal mit Dauerton. Wer hier von statistischem Stimmbruch spricht, verwechselt Datenpflege mit Wirklichkeitsflucht.
Die endgültigen Zahlen kommen weiterhin vom Statistischen Bundesamt, heißt es. Sie kommen allerdings mit sechs Monaten Zeitverzögerung: Wenn die Betriebe längst abgewickelt sind, die Mitarbeiter entlassen, die Forderungen abgeschrieben. Statistik als Totenschein. Sehr korrekt und völlig wirkungslos. Man muss keine finsteren Motive unterstellen, um das Problem zu erkennen. Wenn das Thermometer hohes Fieber anzeigt, kann man es auch in eine Schublade legen. Dem Patienten hilft das nicht. Insolvenzen sind das Fieberthermometer der Wirtschaft. Wer es weglegt, heilt nichts. Er verschiebt nur den Moment der Wahrheit. Staaten können nicht pleitegehen, heißt es dann beruhigend. Das stimmt. Aber es ist eine Wahrheit wie aus dem Lehrbuch und nicht aus dem Leben. Staaten bestehen nicht aus Paragrafen, sondern aus Unternehmen. Aus Menschen, die arbeiten, investieren, Risiken tragen. Wenn diese Basis wegbricht, bleibt ein Staat zurück, der formal noch zahlungsfähig sein mag – aber wirtschaftlich ausgehöhlt. Wie ein Haus, dessen Fassade steht, während innen die Balken faulen. Man kann die Risse überstreichen. Man kann die Zahlen verzögern. Man kann hoffen, dass niemand genau hinsieht. Aber irgendwann knackt es im Gebälk. Ich kann es schon hören.
