Kontrafunk aktuell vom 19. November 2024
Der Ukraine-Krieg hat eine neue Eskalationsstufe erreicht: Noch-US-Präsident Joe Biden genehmigt den Einsatz von Waffen mit mehr Reichweite. Ralph Bosshard, ehemaliger Oberstleutnant im Generalstab der Schweizer Armee, analysiert die Situation. Welche Rolle der Iran im Nahen und Mittleren Osten spielt und wohin sich dieses Land entwickelt, erklärt der Journalist und Autor Ramon Schack. Der Ökonom Prof. Stefan Homburg, Prozessbeobachter im Fall des Querdenken-Gründers Michael Ballweg, schildert seine Eindrücke. Und Jan David Zimmerman widmet sich in seinem Kommentar den Grenzüberschreitungen und den wenig anspruchsvollen Humorformaten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks.
Ralph Bosshard: US-Langstreckenraketen gegen Russland
Stefan Homburg: Ballweg-Prozess
Ramon Schack: Iran – Israel
Jan David Zimmermann: Böse Kasperln und „Ungustln“
Humor ist bekanntlich Geschmackssache, und was die einen schon als Grenzüberschreitung und puren Affront wahrnehmen, ist für die anderen beste Satire und pointierte Zuspitzung. Allerdings gab es in den letzten zehn Jahren eigenartige Entwicklungen – und das vor allem im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Es ist diese seltsame Mischung, in der Nachrichteninhalte satirisch aufbereitet und oftmals in Anchorman-Manier besprochen werden. Dabei verbergen die Kommentatoren ihre politische Haltung keineswegs. Im Gegenteil. Sie stellen sie als moralisch überlegene, ja „richtige“ Haltung dar, wodurch man augenscheinlich ein junges und vermeintlich progressiv eingestelltes Publikum erreichen will, das „ebenso denkt“. Satire gilt dabei als Ausrede, um unverblümt einseitigen Aktivismus gegen Kritik zu immunisieren und unter dem Banner der Kunstfreiheit die sprichwörtliche Sau rauszulassen. Die Rede ist von Formaten wie der ZDF-„Heute-Show“, Jan Böhmermanns diversen Fernsehformaten, Sarah Bosettis „Satire“-Ergüssen oder dem in den letzten Jahren mehr und mehr gehypten Sebastian Hotz alias El Hotzo, der insbesondere durch Tweets und durch Instagram-Postings zweifelhafte Bekanntheit erlangt hat. Typisch für all diese Akteure ist, dass auch sie als Hauptfeindbild meist die bösen Rechten haben und sich selbst als links deklarieren; wie bei guter Satire geht die Kritik dann nicht in alle Richtungen, sondern macht vor der eigenen Klientel – selbstgerechte Bobo-Linke im urbanen Raum und die dazugehörigen Politeliten – halt.
Während ein Harald Schmidt durch seine differenzierte Bissigkeit in einer völlig anderen Liga spielte, sind diese Beispiele von Schmalspursatire vielfach nicht mehr als Propagandabeiträge. Dabei fällt gerade mit Blick auf Böhmermann auf, dass Politskandale am laufenden Band produziert werden, man gibt sich also nicht mehr damit zufrieden, das politische Weltgeschehen zu kommentieren, sondern versucht es aktiv zu beeinflussen, nutzt die Mechanismen des postfaktischen Zeitalters ebenso schamlos aus wie jene, denen in Dauerschleife Desinformation vorgeworfen wird. Erinnern wir uns etwa daran, dass Böhmermann bereits 2015 mit dem sogenannten Varoufake den griechischen Finanzminister Yanis Varoufakis diskreditierte, indem er ein Video von 2013 so manipulierte, dass Varoufakis scheinbar den Stinkefinger zeigte. In einem Interview einer politischen ARD-Talkshow wurde Varoufakis schließlich von Günther Jauch zu dem Video befragt, wobei Varoufakis die Echtheit bestritt und massiv unter Druck geriet. Kurze Zeit später gab Böhmermann hämisch zu, alles nur gefakt zu haben. Auch damals schon: Satire als Deckmantel zur Diffamierung anderer. Übrigens erhielt Böhmermann für diese Aktion den Grimme-Preis – das boulevardeske Aufmerksamkeitssystem der Medien belohnt die lautesten Stimmen offenkundig am meisten. Da erinnert man sich an die Worte von Harald Schmidt, der über Böhmermann 2019 Folgendes sagte: „Ich wusste schon früh, dass es Böhmermann als Moderator nie schaffen würde. Aber dass er es als Krawallschachtel sehr weit bringen würde, wusste ich auch.“
Typisch ist bei dieser jüngeren Art von Krawallsatirikern auch, dass sie sich zugleich als politisch korrekt gerieren; bei der Diffamierung ihrer Feindbilder sind ihnen jegliche Formeln von Hassrede, Populismus und Schmähung recht. Auch ihr „Linkssein“ ist nur eine banale Mainstream-Plakette, die sie sich trotz völlig wahnwitzigem Gehalt ungeniert anheften. El Hotzo, der schon während Corona immer wieder eskalierte, brachte es im Sommer zum Medieneklat, weil er das Attentat auf Donald Trump auf X mit „leider knapp verpasst“ kommentierte. Er fügte hinzu: „Ich finde es absolut fantastisch, wenn Faschisten sterben.“ Dies führte zwar zu einer Aufkündigung eines Podcast-Formats im Öffentlich-Rechtlichen, El Hotzo wechselte dann einfach zum Privatsender RTL und tourte nach Trumps gewonnener Wahl mit einer satirischen Entschuldigungsreise durch die USA. Jüngst bot die „Süddeutsche“ ihm erneut eine Bühne. Im Interview erklärt El Hotzo alias Sebastian Hotz, dass es sein genialster Einfall gewesen sei, grenzwertige Trump-Tweets zu schreiben. Er habe daraus gelernt: „Je provokanter ich bin, umso eher erhalte ich das, was ich möchte.“ Die Frage, die sich stellt, ist natürlich: Was will der Mann? Klar ist jedenfalls: Mit Satire hat das alles nur noch wenig zu tun. Aber womit dann? Was an diesen Akteuren auffällt, ist, dass man das Gefühl hat, es würde sich um Mobber handeln oder eher um Mobbingopfer, die nun die ganze Welt dafür bezahlen lassen wollen. Böhmermann, Sebastian Hotz und Konsorten wirken wie bösartige Kasperlfiguren, die es den anderen endlich so richtig zeigen, sich an ihnen rächen wollen. Freilich, das sind nur Mutmaßungen, und man darf daraus keine Pathologisierung drehen, sondern kann das Ganze auch recht profan angehen: Auf Wienerisch wäre etwa mit dem Ausdruck „Ungustl“ für derlei Satiriker eine treffende Bezeichnung gefunden, die auch die Bedeutungslosigkeit dieser Narrenfiguren recht gut skizziert.
