Kontrafunk aktuell vom 20. November 2024
Bei der Weltklimakonferenz in Baku geben sich Medien, Lobbyisten, Politiker und Aktivisten die Klinke in die Hand. Doch dieses Jahr scheint der Zauber des Klimaschutzes gebrochen zu sein: So hat etwa Aserbaidschans Präsident Aliyev von Öl und Gas als Gottesgeschenk gesprochen. Wir fragen Diplomingenieur Frank Hennig, welche Bedeutung die Klimakonferenz noch hat. Wer Klimaschutzmaßnahmen kritisiert und an den Wohlstandserhalt der eigenen Bürger denkt, läuft schnell Gefahr, als Populist verschrien zu werden. Über die Bedeutung des Begriffs und seine Anwendung sprechen wir mit dem Journalisten Ralf Schuler. Einen linkspopulistischen Beschluss gab es jetzt beim G-20-Treffen in Brasilien: Vermögende Privatleute sollen effektiver besteuert werden. Worum es bei dem Treffen sonst noch geht, verrät unser Südamerika-Korrespondent Alex Baur. Und Roger Letsch beschäftigt sich in seinem Kommentar mit der plötzlichen Flucht von Journalisten aus dem Kurznachrichtendienst X.
Alex Baur: G-20 und der neue riesige Hafen in Peru
Frank Hennig: COP29 – Das Ende der Klimakonferenzen
Ralf Schuler: Der Siegeszug der Populisten
Roger Letsch: Einmal X und zurück
Wie beginnt man einen Kommentar, der von dramatischen Abgängen berichtet? Mit einem Zitat von Shakespeare vielleicht? „Der Rest ist Schweigen.“ „Gut gebrüllt, Löwe.“ Oder besser: „Ein jedes Ding hat seine Zeit.“? Was sich da gerade zwischen einigen Journalisten und der Social-Media-Plattform X abspielt, hat jedenfalls Bühnenformat. Die Handlung: Elon Musk hat Twitter in eine Kloake verwandelt, wir wechseln zu Bluesky. Neu ist das Stück freilich nicht, es wurde schon einmal aufgeführt, als Musk im Oktober 2022 Twitter kaufte. Damals hagelte es Werbeboykotte und Ankündigungen von Benutzern, zu Mastodon zu wechseln. Nur wenige sind auch dort geblieben. Initialzündung war diesmal natürlich der Wahlsieg Trumps, und gerade deutsche Medien sind sich einig darüber, dass dafür vor allem Musk als Strippenzieher und heimlicher Profiteur verantwortlich sei. ORF-Moderator Armin Wolfs dramatisches „Das war’s für mich mit X“ lässt sich so zusammenfassen: wegen Obama gekommen, wegen Trump gegangen. Doch nicht nur er trauert der guten alten Zeit hinterher, als bei Jack Dorsey’s Twitter ganze Heerscharen von Moderatoren auf das Meinungsklima aufpassten. Twitter war die Spielwiese der sogenannten Mainstreammedien, die Reichweite und Relevanz frei Haus geliefert bekamen, und wenn doch mal eine unangenehme Geschichte zur Unzeit ans Licht drängte, hatte man bei Twitter direkte Zugänge für die Geheimdienste geschaffen, die sich darum „kümmerten“ – wie um Hunter Bidens Laptopdrama.
In dieser verzerrten Realität stießen libertäre oder konservative Inhalte an eine gläserne Decke, die nur mit Manipulation zu erklären war. Zensur, „Shadow Banning“ und Löschverfügungen durch Geheimdienste, politische Vorfeld-NGOs und Weißes Haus endeten im Oktober 2022, und dank der Veröffentlichung des Quellcodes des neuen X-Algorithmus für „Empfehlungen“ auf der Plattform Github hätten wir ein Happy End der Meinungsfreiheit feiern können, wenn … Ja, wenn sich von selbst ein „Gleichgewicht“ der Meinungen eingestellt hätte. Doch dem steht etwas im Weg, was mir wie ein Naturgesetz vorkommt und für das Soziologen sicher auch einen Namen haben. Liberal-Konservative sind in Diskussionen meist damit zufrieden, wenn sich in einem oder wenigen Punkten Konsens herstellen lässt, während die vermeintlich progressiven Linken jeden verketzern, der auch nur in einem oder wenigen Punkte ihr Dogma nicht teilt. Blasen bilden sich also eher auf dieser Seite, wie wir gerade an der Journalistenflucht zu Bluesky sehen können. Dabei verfügt X nach wie vor über all die Mittel, die vermeintliche „Kloake“ geruchlich einzuhegen. Man kann nach Herzenslust stummschalten, blockieren, einfach ignorieren, was andere so von sich geben oder ein nicht geteiltes Argument einfach mal so stehen lassen. Man muss es aber schon selbst tun, weil da niemand mehr ist, der dies klandestin und auf Steuerzahlerkosten erledigt.
So ganz weg ist natürlich auch Armin Wolf nicht. So gut wie niemand löscht tatsächlich seinen Account. Wie will man sonst die Reaktionen auf den eigenen dramatischen „eXits“ auf Mitleid, Verständnis und begeisterte Nachahmer scannen? Auch muss man sich erst mal zurechtfinden in der neuen digitalen Heimat und dort häufig ganz von vorne anfangen mit dem Aufbau von Gefolgschaft und Relevanz. Das Publikum auf der neuen Plattform von Twitter-Gründer Jack Dorsey ist noch recht überschaubar. Man trifft in dieser Blase also vorwiegend auf Gleichgesinnte, was Widersprüche und Diskurs auf ein Minimum reduziert. Die alte Gewohnheit der neuen Bluesky-User, unliebsame Inhalte zu verpetzen, überfordert jedoch schon jetzt das Personal dort. Die Bluesky-Security schlug Alarm, es könne manchmal etwas länger dauern mit der Reaktion: „In den letzten 24 Stunden haben wir mehr als 42.000 Meldungen erhalten (ein Allzeithoch für einen Tag). Wir erhalten etwa 3000 Meldungen pro Stunde. Im gesamten Jahr 2023 haben wir nur 360.000 Meldungen erhalten.“ – eine Steigerung um den Faktor 42. Zum Glück lässt sich das Allerschlimmste auf Bluesky auch automatisch blockieren. Etwa, wenn jemand zu posten versucht, dass es nur zwei Geschlechter gebe.
Ein paar Journalisten, die sich am Puls der Zeit wähnen, obwohl sie immer mehr an Relevanz verlieren, etablieren natürlich noch keinen Trend. Denn wo die eine Gruppe dramatische Abgänge zelebriert, können andere die Finger nicht von X lassen wie von einer geöffneten Tüte Kartoffelchips. Vor einigen Tagen meldete der Branchendienst Adweek.com, dass große Werbekunden wie Comcast, IBM, Disney und Warner nach ihrem erfolglosen Boykott wieder vorsichtig einen Zeh in diesen Teich halten. Die Reichweite für die eigenen Botschaften und damit die Gewinnaussichten sind – gerade im Vergleich mit Bluesky – einfach zu verlockend. Und dann wäre da natürlich noch das Feld von großen politischen Kannegießern wie Robert Habeck, der seinen X-Account nach mehrjähriger Pause gerade für die „gute Sache“ reaktiviert hat. Der will in Kürze immerhin Kanzler werden und flutet deshalb mit einer ganzen Armee freiwilliger oder gemieteter Helfer X mit Küchentischparolen. Und weil grüne Politiker und Journalisten häufig Äpfel vom selben Baum sind, werden sie es wohl nicht lange aushalten in ihrem digitalen Exil und rasch dorthin zurückkehren, wo nicht nur ihre erklärten Gegner, sondern auch ihre Freunde und Stichwortgeber sind. Der Meinungsstreit der Gegenwart findet auf den wenigen großen Plattformen statt – oder er findet gar nicht statt. Letzteres könnt ihr vergessen, auch dank X und Elon Musk. Oder: Um zum Abschluss nochmal Shakespeares Theaterdonner zu bemühen: „Sein oder nicht sein, das ist hier die Frage!“
